Deutscher Gewerkschaftsbund

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Azubi als Vertretung und Fachkraft

Hallo liebes Team, 

ich arbeite in einem mittelständischem Unternehmen das bei einem großen deutschen KFZ Hersteller als Exclusive Händler unter Vertrag steht.

So weit so gut, sofern demnach auch alles rechtens verlaufen würde. 

Ich befinde mich im 2ten Lehrjahr meiner Ausbildung zur Automobilkauffrau. Mein Beruf ist meine absolute Traumwahl und ich kann mich mit dem was ich tue indentifzieren. Leider kommt es zu oft vor, dass ich nicht im Verkauf tätig bin - ich verkaufe viele Fahrzeuge wenn ich darf.. - sondern als Vertretung für meine nun schwangere Kollegin oder allgemein als Krankenersatz eingesetzt werde.

Das bedeutet, ich werde seit Beginn an als Bürokauffrau ausgebildet und als solche behandelt. Lerninhalte, die wir in der BS vermittelt bekommen, lerne ich in meinem Betrieb nicht kennen. Einen Rahmenplan gibt es nicht. Auch keinen Betriebsrat. Es heißt nur, dass ich mich nicht anstellen soll. 

Als ich dort meine Ausbildung anfing, ist meine nun schwangere Kollegin operiert worden. Sie war 6 Monate krank und niemand war für mich da, kein Chef, kein anderer Mitarbeiter. Denn keiner konnte mir helfen, sie wissen nicht wie etwas funktioniert. Sie ist die einzige Verwaltungsangstellte, so musste ich ihre Aufgaben sofort selbstständig übernehmen!

Wenn etwas unerwartetes geschieht, ich selbst eine Frage habe an meinen Chef, dann bekomme ich zu Antwort: "Ich weiß es nicht. Kann nicht helfen. Ruf halt jemanden an der es weiß."

Jetzt ist sie schwanger und es geht nahezu weiter, ich bin immer die Vertretung. 

Nun haben sie eine neue Angestellte gesucht, die diese Tätigkeiten übernehmen soll. Nur diese kommt aus einer ganz anderen Branchen und weiß nichts von der Materie.

Der Hammer, ich muss sie jetzt einlernen.

Neben vielen Aufgaben die ich nun machen muss, muss ich auf diese Acht geben. Bin dazu angehalten, bleibe jeden Abend 30 bis zu einer Stunde länger. Überstunden werden nicht genehmigt. Ich muss ihr alles erklären, alles. Alles was Kollegin im Mutterschutz gemacht hat. Dabei weiß ich nicht alles!

Jeden Tag bekomme ich regelrechte Rüffel von meinem Chef. (Nicht schnell genug...., mehr, mach schneller...).

Inzwischen fehlt es mir an Selbstwertgefühl. Ich bin müde und quäle mich. 
Das was ich gerne machen würde, darf ich nicht und meine Motivation leidet auch! Er kontrolliert mein Berichtsheft und sagt, ich solle andere Sachen hineinschreiben. Dinge die ich nicht mache....

Ich kann nicht mehr, Dr. Azubi Team. 

Ich habe einen Vertrag von 40 Std. 

Jeden Morgen muss ich 20 Minuten früher da sein.... ich komme auf ü40 Std..

Ich merke wie mein Körper sich aufgibt... und das beste ist, es sind bald Abschlussprüfungen Teil 1. Mir geht das alles so nah, ich liebe meinen Job. Aber nicht das, was ich dort tatsächlich tue. Es ist hart.. 

Was soll oder kann ich machen?

Danke im Voraus!

DrKnow: 07.04.2021 |
  • RE: Azubi als Vertretung und Fachkraft

    Hallo DrKnow,

     

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst.

     

    Bei dir im Betrieb läuft ja einiges nicht ganz rund. Nachfolgend will ich auf die Punkte nacheinander eingehen.

     

    Alleine arbeiten und ausbildungsfremde Tätigkeiten:

    Es ist so, für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http://www.bibb.de/de/berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B.  regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Außerdem kann Ausbildung nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein Ausbilder oder Ausbildungsbeauftragter anwesend ist, der dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der Ausbildende selbst ausbilden oder einen Ausbilder oder Ausbilderin ausdrücklich damit beauftragen. Der Ausbilder oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem Azubi Fragen beantworten und ihn in Arbeitsvorgänge einweisen. Er muss seine Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er eigentlich immer anwesend sein muss. Der Azubi darf also nicht alleine am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikanten und Ungelernten, die als Ausbilder nicht geeignet sind.

    Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld werden!

     

    Überstunden:

    Aus deiner Anfrage geht klar hervor, dass du mehr arbeitest, als die 40 Stunden, die in deinem Ausbildungsvertrag vereinbart wurden.

    Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!
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    Wenn du Überstunden freiwillig machst gilt: Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§3 Arbeitszeitgesetz)!

    Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb bist und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen.

     

    Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§17 Berufsbildungsgesetz).
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    Man merkt, wie sehr du deinen Ausbildungsberuf magst und wie wichtig dir eine gute Ausbildung ist. Das ist super und deshalb solltest du für eine bessere Ausbildung kämpfen.

     

    Hier sind ein paar Tipps, was du unternehmen könntest:

     

    1. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne deinem Ausbilder konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest und mache ihn darauf aufmerksam, dass du seine Hilfe und sein Wissen brauchst, um deinen Beruf zu erlernen. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

     

    2. Falls sich nach dem Gespräch nichts ändert, solltest du den Ausbilder oder Betriebsinhaber noch einmal schriftlich an seine Pflichten erinnern. Hebe dir eine Kopie des Schreibens auf! Hier ist ein Musterbrief:

     

    Adresse Azubi

    Adresse Betrieb

     

    Hinweis auf § 14 BBiG

     

    Sehr geehrte/r Frau/Herr ____________,

     

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele:
(Hier müssen mit genauer Datums- und Zeitangeben die ausbildungsfremden Tätigkeiten aufgeführt werden).
Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten. Außerdem muss laut § 14 Berufsbildungsgesetz ein geeigneter Ausbilder die Ausbildungsinhalte vermitteln.

    - Ich bin allerdings sehr häufig alleine im Betrieb (Beispiele)

    - Es steht für mich allerdings kein Ausbilder bereit und es ist auch niemand ausdrücklich mit meiner Ausbildung beauftragt worden.

     

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir einen Ausbilder zur Verfügung zu stellen, mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

     

    Mit freundlichen Grüßen,


    Unterschrift Azubi ____________

     

    Wenn du keine Überstunden mehr machen möchtest, solltest du das ebenfalls in dem Gespräch ansprechen.

    Sage, dass du nicht bereit bist, weiter so viele Überstunden zu leisten, und berufe dich auf die festgelegte Ausbildungszeit.
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    Zudem solltest du deinen Ausbilder nochmal schriftlich auf deine Überstunden aufmerksam machen.
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    Hebe die Kopie des Schreibens auf:
Musterbrief:

    Adresse Azubi

    Adresse Betrieb

    Ort/Datum

    Hinweis auf die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit

    Sehr geehrte/r Frau/Herr …...........,

    Laut Ausbildungsvertrag beträgt meine tägliche Arbeitszeit …. Stunden.
Die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit reicht aus, um die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Trotzdem muss ich regelmäßig Überstunden leisten.

    Einige Beispiele:


    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...

    Die Überstunden dienen oft nicht dem Ausbildungszweck.
Während der Überstunden ist häufig kein Ausbilder anwesend.
Diese Arbeitszeiten verstoßen zudem gegen das ArbZG.

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, sich an die vertraglich festgelegte Arbeitszeit zu halten und Überstunden zukünftig nur noch in betrieblichen Notfällen anzuweisen.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi …...................
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    Falls die Überstunden unbezahlt sind, solltest du sie möglichst bald schriftlich geltend machen. Wenn der Betrieb merkt, dass deine Arbeit nicht gratis ist, überlegt er es sich vielleicht anders.
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    Falls nach dem Gespräch und nach den Schreiben keine Besserung eintritt, solltest du dich an deine Gewerkschaft wenden und dort um Unterstützung bitten. Hier ist ein Kontakt:

     

    IG Metall

    Strasse / Nr.

    Hans-Böckler-Str. 1

    PLZ / Ort:

    68161 Mannheim

    Telefon:

    +49 621 1503020

    Fax:

    +49 621 15030210

    E-Mail:

    mannheim@igmetall.de

    Homepage:

    www.mannheim.igm.de

     

    Da kannst du anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und sag, dass du von Dr. Azubi kommst....Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat. Solltest du kein Einkommen haben (also kein Ausbildungsvertrag) gibt es pauschale Beiträge. Hier findest du weitere Infos: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/mitglied-werden

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann klicke hier: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

                                

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

                                       

    Liebe Grüße                          

    Dr. Azubi                               

    Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 08.04.2021


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