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Arbeitszeit und Überstunden

Ich komme jetzt ins 2. Ausbildungsjahr, bin 18 Jahre und habe eine vertragliche 39 Stunden-Woche. Ich arbeite jeden Tag die erforderlichen 8,5 Stunden. Ich erledige auch von mir angefangene Arbeiten über meine tägliche Arbeitszeit hinaus, was für mich kein Problem darstellt. Bis vor Kurzem haben wir in Schichten gearbeitet von je 6 Stunden um in der Coronazeit die Anwesenheiten zu entzerren. Dadurch wurden jedoch Minusstunden aufgebaut. Wir bekamen die Info, dass diese - durch Corona - aufgebauten Minusstunden später wieder abgebaut werden müssen. Da ich aber weiß, dass angeordnete Minusstunden - erst recht nicht bei Auszubildenden - nicht abgebaut werden müssen, erwähnte ich dies auch. Dies kam bei meiner Ausbildungsleitung natürlich nicht so gut an. Außerdem bin ich ein Mensch, der bei Ungerechtkeiten auch seinen Mund aufmacht, selbst wenn es um andere geht. Auch dies wird natürlich nicht so gerne gesehen, nur kann man sich ja nicht alles gefallen lassen, nur weil man Azubi ist. Ich wurde nun also angesprochen, warum ich denn immer pünktlich den Betrieb verlasse, ich müsste doch meine Minusstunden abbauen. Darauf erwiderte ich, dass dies angeordnete Minusstunden seien und ich diese nicht abbauen müsse. 
Ich hatte vor ein paar Wochen meine Ausbildungsleitung um einen Termin zu einem Feedback-Gespräch gebeten, um zu erfahren, wie die Bereiche mich und meine Arbeit beurteilen und um selbst auch Feedback zu geben (was eigentlich bis dahin überwiegend positiv war). Der Termin ließ wochenlang auf sich warten. Nach meinem 3-wöchigen Urlaub hatte ich nun gleich an meinem ersten Arbeitstag eine Einladung zum Gespräch, ich nahm an, es handele sich um das von mir gebetene Feedback-Gespräch. 
Dem war leider nicht so. Es waren  eher auf mich einprasselnde Vorwürfe. Ich war direkt vor meinem Urlaub 3 Tage krankgeschrieben, meine Ausbildungsleitung sagte mir, dass dies nicht ginge, ich könne nicht aus der Krankschreibung direkt in den Urlaub gehen. (Ich weiß jedoch, dass dies kein Problem darstellt).

Der nächste Vorwurf: Ich würde ständig pünktlich gehen (wenn ich meine Arbeitszeit voll habe) und ich solle meine Arbeitszeit der Abteilung anpassen. (Kernarbeitszeit ist Mo - Do 08:30 h bis 16:00 h, Fr. 08:30 h bis 13:30 h - Gleitzeit 07:30 h bis 08:30 h und 16:00 h bis 18:00 h, Fr. 12:30 h bis 18:00 h)
Ich fange jeden Tag um 07:30 h und gehe um 16:00 h, sollte ich mit meiner Arbeit noch nicht fertig sein, bleibe ich auch mal 20 - 30 Min. länger. Ich soll nun jeden Tag fragen, wenn ich Feierabend machen möchte - nach meinen regulären 8,5 Stunden, ob ich gehen dürfte oder ob sie noch was für mich zu tun hätten und ich würde zu wenig Willen zeigen. Sicherlich ist immer noch etwas zu erledigen, so etwas bleibt im Büro ja nicht aus, aber es sind Dinge, die auch am nächsten Tag noch erledigt werden können. 
Für mich fühlt sich das Ganze wie Mobbing an, da die anderen Auszubildenden genauso wie ich arbeiten, jedoch nicht fragen müssen, ob sie gehen dürfen. Sie werden auch nicht dazu angehalten, ihe Arbeitszeit der Abteilung anzupassen. Anscheinend bin ich ihnen zu anstrengend mit meiner offenen, ehrlichen Art und Sinn für Gerechtigkeit und Fairness.
Die Firma hat einen akuten Personalmangel und die tägliche Arbeit ist mit dem vorhandenen Personal kaum zu schaffen. Wir werden als vollwertige Arbeitskräfte eingesetzt um das tägliche Arbeitsaufkommen irgendwie zu schaffen. Als Corona bedingt, die Berufsschule ausfiel und wir im Home Schooling den Unterrichtstoff per E-Mail zugeschickt bekamen, haben wir Auszubis darum gebeten, uns für 1 oder 2 Tage pro Woche freigestellt zu werden um die Schulaufgaben zu erledigen. Dies wurde abgelehnt, mit der Begründung, Schule wäre jetzt nicht so wichtig, wir hätten ja jetzt eh keine Schule, sie bräuchten im Betrieb jeden. Nach einigem Hin und Her, wurden uns 2 Stunden pro Woche genehmigt, die wir allerdings im Betrieb zum Üben nehmen mussten.

Ich gehe momentan nur noch mit Bauchschmerzen in die Firma und möchte eigentlich nur noch da weg. Ich habe mich auch bereits bei der IHK schlau gemacht und habe erfahren, dass man mit einem Aufhebungsvertrag sofort das Ausbildungsverhältnis aufheben kann, im Gegensatz zu einer Kündigung. Ich möchte aber sehr gerne in dieser Branche bleiben und auch die Ausbildung auf keinen Fall abbrechen. Ich bin bereits auf der Suche nach einem anderen Ausbildungsbetrieb, der mich vielleicht jetzt noch zum 2. Ausbildungsjahr übernehmen würde. Selbstverständlich würde ich erst gehen wollen, wenn ich eine neuen Vertrag habe.
Ich würde jetzt gerne wissen, ob die Firma zu mit mir umgehen kann, letztendlich sitzen sie meist am längeren Hebel.
Inwieweit könnte ich argumentieren, sollte es noch einmal zu so einem Gespräch kommen. Muss ich tatsächlich über meine tägliche Arbeitszeit von 8,5 Stunden Überstunden machen? Was ist, wenn ich mal was vorhabe, einen Termin habe, o.ä.? Muss ich jetzt meine Termine immer unter Vorbehalt vrabreden, falls ich länger arbeiten muss?

Momentan schlucke ich das alles einfach runter, weil ich keinen Ärger möchte. Ich sehe ich gerade zu, dass ich immer etwas länger bleibe um mir nichts nachsagen zu lassen, aber ob das nun der richtige Weg ist, bezweifle ich.
Ach ja, und ich habe bei unserem Gespräch kein Feedback meiner Arbeit und meiner Person bekommen. Ich war mit den Nerven am Ende auch so am Boden, dass ich da auch nicht mehr nachhaken wollte. Ich wollte da nur noch raus aus dem Gespräch - vor dem ich übrigens alleine vor meiner Ausbildungsbeauftragten und ihrer Vorgesetzen saß. Gefüht war das kein Gespräch sondern eine Auszählen.

Sorry für den langen Text, aber mir ist dies alles sehr wichtig.

Vielen Dank und viele Grüße

Azu-Biene: 21.07.2020 |
  • RE: Arbeitszeit und Überstunden

    Liebe Azubine,

    vielen Dank für  deine Anfrage im Forum. Gerne möchten wir dich weiter unterstützen. Gut, dass du dich an uns wendest und dich für deine Rechte in der Ausbildung einsetzt.

    Zunächst einmal zu den einzelnen Punkten:

    Wenn der Ausbildungsbetrieb dich nach Hause schickt, verzichtet er auf deine Ausbildungsleistung bzw. deine Arbeitskraft. Eine Berechnung von Minusstunden ist in diesem Fall nicht rechtens. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn die Ausbildung aus Gründen, für die du nichts kannst, ausfällt, obwohl du bereitstehen würdest (§19 BBiG). Das hast du deinem Betrieb ja auch schon mitgeteilt.

    Ausbildung kann auch unabhängig von der tatsächlichen Auslastung der Betriebe durchgeführt werden. Der Ausbildungsbetrieb hat nach § 14 BBiG eine Pflicht, dich auszubilden. Das heißt, dass der Ausbildungsbetrieb alle Mittel ausschöpfen muss, um deine Ausbildung auch weiterhin zu gewährleisten. Spreche mit deiner_deinem Ausbilder_in, wie du trotz der Situation für die Ausbildung lernen kannst.

    Grundsätzlich müssen Auszubildende in den Betrieb, wenn die Berufsschule geschlossen hat. Die Freistellungsverpflichtung von Ausbildenden knüpft nämlich unmittelbar an den Schulbesuch an (§ 15 Berufsbildungsgesetz - BBiG).

    Wenn deine Berufsschule alternativen Unterricht (z. B. Online-Kurse o. ä.) organisiert, muss dein Betrieb dich dafür freistellen (§ 15 BBiG).

    Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest!

    Wenn du Überstunden freiwillig machst gilt: Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§3 Arbeitszeitgesetz)!

    Überstunden müssen dir selbstverständlich vergütet oder in Freizeit ausgeglichen werden (§17 Berufsbildungsgesetz).

    Wenn du keine Überstunden mehr machen möchtest, dann solltest du zunächst um ein Gespräch mit deinem Ausbilder bitten. Als Vorbereitung solltest du dir deine Arbeitszeit genau notieren, damit du einen guten Nachweis für deine Stunden hast. Nimm, falls möglich, ein Betriebsrat-Mitglied mit oder eine andere Person deines Vertrauens in deinem Betrieb. Sage im Gespräch, dass du nicht bereit bist, weiter so viele Überstunden zu leisten, und berufe dich auf die festgelegte Ausbildungszeit.

    Falls die Überstunden unbezahlt sind, solltest du sie möglichst bald schriftlich geltend machen. Wenn der Betrieb merkt, dass deine Arbeit nicht gratis ist, überlegt er es sich vielleicht anders.

    Falls das alles nicht hilft kannst du den Rechtsweg einschlagen. Dazu wende dich an deine Gewerkschaft, der Rechtsschutz den du dort hast, reicht für die arbeitsrechtlichen Streitfälle aus.

    ver.di Elmshorn
    Schulstr. 3
    25335 Elmshorn

    Tel.: 04121/426051
    Fax: 04121/426059
    E-Mail: bz.pistein@verdi.de


    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.                       

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz


    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten


    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)


    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung

    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt


    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist


    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi


    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 23.07.2020


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