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Kündigung vor Zwischenprüfung

Sehr geehrter Herr Dr. Azubi, 

ich befinde mich zurzeit einen Monat vor meiner Zwischenprüfung. 

Mir ist bewusst, dass ich mich jederzeit auf mein Recht der ordentlichen Kündigung beziehen kann, dennoch würde ich diese Angelegenheit gerne erst nach der praktischen Zwischenprüfung klären.

Das Verhalten meines Vorgesetzten ist aber leider nicht mehr tragbar, gerne würde ich hier eine außerordentliche Kündigung erwirken. Die Beweisführung ist nur leider etwas schwierig, da zwar persönliche Gespräche stattfanden, aber keine Abmahnung. Auch lassen sich häufige Verstöße, wie ausbildungsfremde Inhalte, sowie Mobbing, Drohungen, Hetze (psychischer Terror) und sogar eine "harmlose" Tätlichkeit, durch meinen Urlaub in den letzten Wochen schwer nachweisen.

Zu meinem eigentlichen Problem: Die Vorbereitung wird durch die angespannte Lage sowieso problematisch, deswegen dränge ich so darauf. Gerade bei der praktischen Prüfung bin ich aber bedingungslos auf die Ausstattung, folglich auch auf den Arbeitgeber angewiesen und im Falle einer Kündigung bin ich aufgeschmissen. 

Ich bin ziemlich am Ende...haben sie einen Rat für mich ?

 

Mit freundlichen Grüßen 

Maniac: 19.07.2020 |
  • RE: Kündigung vor Zwischenprüfung

    Hallo Maniac,

    vielen Dank für deine Anfrage gern helfen wir dir weiter.

    Das ist wirklich eine schwierige Situation in der du dich da befindest. Ich kann dir glauben, dass du bei so einem schlechten Betriebsklima Probleme damit hast ordentlich zu lernen. Die Beweise für solche Dinge zu sammeln, ist häufig nicht einfach. Hast du vielleicht einen Kollegen der etwas mitbekommen hat? Oder sind die Ausbildungsfremden Tätigkeiten im Berichtsheft vermerkt? Natürlich stehen gerade bei ausbildungsfremden Tätigkeiten und Mobbing einige Gesetze (z. B. §14 Betriebsverfassungsgesetz) auf deiner Seite, die dir helfen können gegen deinen Ausbilder anzugehen, ob das am Ende der Gesamtsituation aber förderlich ist musst du selbst entscheiden.

    Du könntest natürlich versuchen deinen Ausbildungsbetrieb zu wechseln und somit von deinem jetzigen Betrieb wegzukommen. Das klingt vielleicht drastisch, aber so wie dir geht es leider vielen Azubis. Ein Betriebswechsel ist also kein Beinbruch und kann deine Probleme recht schnell lösen.

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung

    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Mein Rat wäre, dich nochmal an deine zuständige Gewerkschaft zu wenden. Die Kolleginnen und Kollegen kennen sich mit diesen Themen sehr gut aus und können dich im Zweifelsfall auch rechtlich beraten. Hier ist ein Kontakt für dich:

    IG Metall

    Geschäftsstelle Hanau-Fulda 
    Am Freiheitsplatz 6
    63450 Hanau

    Tel.: +49 661 9028620
    Fax: +49 661 9028625
    E-Mail: hanau-fulda@igmetall.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren wollt, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi     
    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 21.07.2020


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