Deutscher Gewerkschaftsbund

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Betriebswechsel

Hallo Dr. Azubi, 

Ich bin am Ende meines zweiten Lehrjahres und überlege meinen Betrieb zu wechseln. 

In meiner Filiale arbeiten neben mir nur meine Ausbilderin und eine Bürokraft. 

Meine Ausbilderin hat nur einen 25h Vertrag, was bedeutet, dass ich knapp die Hälfte meiner Ausbildungszeit in der Woche alleine mit der Bürokraft auf Arbeit verbringe. 

Während der Corona-Zeit habe ich knapp 2 Monate komplett alleine auf Arbeit verbracht, weil die beiden anderen in 90% Kurzarbeit geschickt wurden.

Wenn meine Ausbilderin auf Arbeit ist, hat sie permanent Kundschaft, oder arbeitet irgendwas auf, was sie vorher nicht geschafft hat. Zeit, um mir Dinge zu erklären, bleibt quasi nie. 

Um meine Kunden kümmere ich mich komplett alleine, weiß aber nicht, ob ich irgendwelche Fehler mache, weil nichts kontrolliert wird, wenn ich nicht öfter mal nachfrage. 

Was das Fräsen angeht, wurde mir bis heute noch gar nichts von meiner Ausbilderin gezeigt, ich hatte eine einzige Woche eine überbetriebliche Schulung, in der mir gezeigt wurde, was ich tun muss. Danach hat sich keiner wieder damit beschäftigt. Meine Ausbilderin sagt mir, dass ich fräsen soll, in der Zeit, in der sie nicht auf Arbeit ist, was ich auch tue, aber ob ich das richtig mache, wird nicht kontrolliert. 

Meine Zwischenprüfung habe ich komplett verhauen, obwohl ich in der Schule einen 2er Schnitt habe. Es kann nur am Praxisteil gelegen haben und jetzt mache ich mir Gedanken, dass ich meine Gesellenprüfung nächstes Jahr nicht schaffe, weil ich nicht genügend ausgebildet werde. 

Ich habe meine Ausbilderin schon mehrfach in den letzten Monaten darauf angesprochen, was aber immer nur abgetan wird mit einem "Du packst das schon!"

Und als ich mir im Rahmenlehrplan notiert hab, wo ich mich nicht genug informiert und ausgebildet fühle, wurde das auch nur abgenickt und gesagt, man müsse da mal was tun. 

Mein Berichtsheft hat sie sich noch kein einziges Mal angesehen, ich weiß nicht, ob ich es richtig führe, obwohl ich auch hier mehrfach nachgefragt habe. Es befindet sich noch keine einzige Unterschrift darin, obwohl ich es ihr jeden Tag hinlege. 

Das zwischenmenschliche Klima auf Arbeit ist eigentlich ganz gut und die Ausbildung könnte ziemlich viel Spaß machen.

Mittlerweile bin ich aber einfach nur noch ziemlich verzweifelt und weiß mir nicht mehr anders zu helfen, als den Ausbildungsbetrieb zu wechseln.
Ich weiß aber nicht, wie ich die Sache am besten angehe, welche Schritte ich in welcher Reihenfolge tun muss und welche Konsequenzen welches Handeln nach sich ziehen könnte. Ich hoffe, dass ihr mir darauf Antworten geben könnt. 

Vielen Dank schon mal! 

AkiAyatoru: 23.06.2020 |
  • RE: Betriebswechsel

    Liebe Aki,

    Wenn du glaubst, dass sich deine Ausbildungssituation in deinem jetzigen Betrieb nicht verbessern wird, überlege dir, ob nicht vielleicht ein Ausbildungsplatzwechsel die richtige Lösung für dich wäre. Ein Ausbildungsplatzwechsel ist wirklich kein Beinbruch, aber du solltest jetzt nichts überstürzen, sondern in Ruhe nach etwas neuem suchen. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:


    1. Am Anfang steht die Ausbildungsplatzsuche. Du solltest erst kündigen, wenn du einen neuen Ausbildungsplatz gefunden hast, denn dann stehst du bei der Bewerbung nicht unter Druck und das (noch) bestehende Ausbildungsverhältnis ist ein gutes Arbeitszeugnis und macht glaubhaft, dass nicht der Betrieb etwas an dir, sondern du etwas an dem Betrieb auszusetzen hast.
 Für deine Bewerbung kannst du dir bei deiner Berufsschule einen aktuellen Notenstand besorgen. Mehr Infos zur Bewerbung findest du hier: www.azubi-azubine.de/mein-recht-als-azubi/kuendigung-durch-den-azubi.html#Bewerbung. Um deine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, kannst du auch Probearbeiten. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im Bekanntenkreis und an der Berufsschule. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist. Aufhebungsvertrag ist, dass es sich um eine vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses im Einverständnis mit deinem Ausbilder handelt. Bei einem Aufhebungsvertrag gibt es keine Frist. Im Klartext heißt das, du und dein Ausbilder könnt das Beendigungsdatum auf einen beliebigen Zeitpunkt setzen. Falls du noch minderjährig bist, müssen deine Eltern den Aufhebungsvertrag auch unterschreiben. Du solltest im Vorfeld deinen Ausbilder auf einen Aufhebungsvertrag „vorbereiten“, damit dein Weggang nicht aus heiterem Himmel kommt. Erkläre ihm auch die Gründe für deinen Wechselwunsch und unterschreibe den Aufhebungsvertrag nur, wenn du schon sicher eine neue Ausbildungsstelle in der Tasche hast. Ein einmal unterschriebener Aufhebungsvertrag kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein „wichtiger Grund“ vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz


    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten


    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)


    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung

    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt


    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist


    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angaben der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten), dann musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein, die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    
Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen! Denn wenn deine Gründe für die fristlose Kündigung nicht ausreichen, hat dein Betrieb die Möglichkeit Schadensersatzansprüche innerhalb von drei Monaten nach Beendigung gegen dich geltend zu machen.

    Als Vorbereitung einer fristlosen Kündigung ist es wichtig für dich Nachweise zu sammeln. Wenn du beispielsweise aufgrund von einer andauernden Beschäftigung mit ausbildungsfremden Tätigkeiten fristlos kündigen möchtest, dann ist dein Berichtsheft mit der Aufzeichnung der ausbildungsfremden Tätigkeiten ein guter Nachweis. Wenn du aufgrund schwerer Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder Arbeitszeitgesetz kündigen möchtest, dann ist ein Dienstplan/Arbeitszeitnachweis für dich wichtig.

    Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen. Hier ist ein Kontakt für dich:



    ver.di Leipzig
    Karl-Liebknecht-Str. 30-32
    04107 Leipzig

    Tel.: 0341/21609-0
    Fax: 0341/21609-90
    E-Mail: bz.leipzig-nordsachsen@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst...

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi


    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 25.06.2020


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