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Ausbeutung

Liebes Dr. Azubiteam,

ich bin im 2 Lehrjahr zur Fachlageristin und habe Probleme in meinen Betrieb. Ich lerne überhaupt garnichts. Ich mache den ganzen Tag nur eine Aufgabe nämlich Ware zukommissonieren. Ich habe schon öfter nachgefragt ob ich nicht auch nochmal was anderes machen kann, aber mein Chef sagt immer das die Abteilungen zu viel Arbeit haben und mich nicht auch noch aufnehmen können. So geht das schon seit Beginn meiner Ausbildung. Mit unserer Ausbildungsbetreuerin habe ich auch schon geredet, aber geändert hat sich überhaupt nichts.

Dazu kommt das ich jeden Tag von meinen Vorgesetzten zuhören bekomme das ich nicht reden soll auf der Arbeit und meine Aufgaben schneller erledigen soll damit meine Kollegen pünktlich nachhause gehen dürfen. Erwischt mich mein Chef beim reden oder ich bin nicht schnell benug darf ich zum Gespräch kommen. Der Druck macht mich echt fertig! Ich muss wie eine Maschine funktionieren und darf keine Fehler machen. Vor einigen Monaten hatte ich auch einen Arbeitsunfall, weil ich nicht mehr konzentriert war und Stress bekommen habe schneller zumachen.

Kann ich mich dagegen garnicht wehren? Ich bin doch ein Azubi und soll was lernen und nicht nur ausgenutzt werden.

Liebe Grüße

Lea

Lea: 25.05.2020 |
  • RE: Ausbeutung

    Liebe Lea,

    vielen Dank für deine Nachricht. Gerne helfe ich dir bei deiner Frage weiter. Als Azubi musst du laut dem Ausbildungsrahmenplan nach der Ausbildungsordnung für deinen Beruf ausgebildet werden. Dein Betrieb muss dafür sorgen, dass dir alle darin enthaltenen Inhalte ordentlich beigebracht werden. Dein Ausbilder muss dich in jeder der Aufgaben einweisen, anleiten und für deine Fragen zur Verfügung stehen. Selbstverständlich darfst du nachfragen und in der Arbeit reden. Du darfst natürlich nicht ständig private Gespräche führen und ratschen. Arbeitsbedingt darfst du aber auf jeden Fall reden! Das kann dir nicht verboten werden. Es muss ja auch eine angenehme Arbeitsatmosphäre bei dir im Betrieb bestehen. So wie du deine Situation beschreibst, scheinst du hauptsächlich mit Routinearbeiten betraut zu werden. Das ist nicht Sinn und Zweck der Ausbildung. Hier macht es sich dein Betrieb zu einfach. Dagegen solltest du dringend etwas unternehmen. Du solltest nochmal das Gespräch suchen und deiner Ausbilderin klar machen, dass das Einweisen, die Anleitung und das Begleiten deiner Ausbildung in allen relevanten Ausbildungsbereichen zu ihren Pflichten als deine Ausbilderin gehört. Wenn sie hier nicht einsichtig ist, solltest du einen weiteren Schritt gehen und deine_n Chef_in involvieren. Wenn ihr im Betrieb einen Betriebsrat habt, wende dich unbedingt auch an diesen und bitte ihn um Hilfe. Du solltest unbedingt dokumentieren was du in deiner Ausbildung täglich machst, nach welchen weiteren und neuen Aufgaben du gefragt hast und wen du bereits alles darauf hingewiesen hast, dass sich etwas verändern soll. Dann hast du im Streitfall einen Nachweis, durch den du belegen kannst, dass du nicht genung lernst. Am besten weist du deinen Chef auch schriftlich auf die mangelhafte Ausbildung hin, falls sich durch ein Gespräch nichts verbessert. Dein Betrichtsheft dient dir übrigens auch als Nachweis. Schreibe da nur Aufgaben rein, die du auch wirklich machst. Wenn du trotz all dieser Schritte immer noch nicht ordentlich ausgebildet wirst, solltest du auch über einen Ausbildungsplatzwechsel nachdenken. Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de,  oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

                        

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

     

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

     

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz


    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel

    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten


    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)


    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung

    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt


    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist


    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


     

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

     

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    Hier ist ein Kontakt für dich:

    ver.di vor Ort

    Sitz des Landesbezirks Niedersachsen/Bremen
    Goseriede 10
    30159 Hannover

    Tel.: 0511/12400-0
    Fax: 0511/12400-150
    E-Mail: service.nds-hb@verdi.de

    Landesbezirksleiter/in: Detlef Ahting

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

     

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

     

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

     

    Liebe Grüße

     

    Dr. Azubi


    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

     

    Dr. Azubi: 27.05.2020


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