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Freistellung Corona und Entgeltfortzahlung Kind krank

Liebes Dr. Azubi Team,

ich befinde mich im 3. Ausbildungsjahr, zur Kauffrau für Büromanagement. 
Ich bin Alleinerziehend und habe zwei Kinder (7 u. 11 Jahre). In der Zeit vom 9.3.20 - 13.3.20 erkrankte eins meiner Kinder und ich ließ mir dies vom Kinderarzt bescheinigen, da ich meiner Aufsichtspflicht als Mama nachkommen muss, konnte ich nicht in den Betrieb.
BMein Ausbilder teilte mir mit, dass ich dies von meinem Urlaub bzw. Überstunden abgezogen wird, falls ich dies nicht möchte, wird mir eine Woche Ausbildungsgehalt abgezogen. Ist dies richtig? 

Des Weiteren, wurde mir von meinem Ausbilder mündlich, bis Ende Januar 2020 mitgeteilt, dass ich nach der bestandener Prüfung, übernommen werde. 
Vor einer Woche, teilten mir einige Kollegen/innen mit, dass mein Ausbilder und beide Geschäftsleiter, erzählen, ich würde nicht mehr kommen und nach meiner Ausbildung natürlich nicht übernommen werde, da ich eine Zumutung für jedes Unternehmen bin.
Am 16.03.20 teilte mir mein Ausbilder telefonisch mit, dass ich aufgrund des Coronavirus bis auf weiteres entgeltlich frei gestellt bin. 5 Tage später rief er erneut an und meinte er ist nicht mehr für mich als Ausbilder zuständig, woraufhin ich sagte, dass er in meinem Vertrag als Ausbilder eingetragen ist (Rücksprache IHK, keine Änderung und Ausbilderwechsel bekannt)
Am 27.03.20 schrieb mir ein Geschäftsleiter, dass ich entgeltlich frei gestellt bin (ohne Grund, ohne Zeitangabe) allerdings mit dem persönlichen Rat, ich würde mich nicht diplomatisch Verhalten (Kollegen/innen im Betrieb kommen arbeiten und nur weil ich Kinder habe, muss dies die Belegschaft auffangen und würden bestraft, weil Sie keine Kinder haben), somit sei mein Verhalten nicht das einer Mutter sondern eines Teenagers! 
Nun gut, auf solch eine Aussage, kann ich nur mit Ignoranz reagieren.
Ich habe mit der IHK Stuttgart, Kontakt aufgenommen, dort wurde mir mitgeteilt, dass es jetzt nicht mehr lange bis zur Prüfung ist, 23.6. - 25.6.20 und solange solle ich dies noch durchhalten! 

Ich habe sehr für meine Ausbildung gekämpft!
Da ich schon eine Ausbildung im künstlerischen Bereich absolviert habe, die ich als Alleinerziehende nach der Trennung vom Vater nicht mehr ausüben durfte, (wochenlange Auflandsaufenthalte, häufige Reisebereitschaft...hätten mich das Aufenthaltbestimmungsrecht gekostet) sprich, meine Kinder hätte ich in diesem Beruf 14 tägig am Wochenende sehen können. Darum entschied ich mich für eine solide und bodenständige Ausbildung vor drei Jahren.
Da ich keine Umschulung genehmigt bekommen habe, musste ich durch mein erspartes Geld verwenden um die letzten drei Jahrwmeinen Kindern und meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Dies habe ich vorab kalkuliert und einen kleinen Puffer bis Ende 20 mit einbezogen. 
Nun stehe ich da, seit 6 Wochen unterrichte ich meine Kinder daheim, lerne auf meine Prüfung, schreibe meine Reporte, usw.
und habe die Belastung, dass mir nach Ende meiner Ausbildung die Arbeitslosigkeit droht (Teilzeitausbildung mit 25h die Wochr, die Rechnung ist nicht schwer, dass es unmöglich ist, von 680 € Brutto, mit 67% ALG zu leben) über Sozialhilfe will ich gar nicht Nachdenken.

In meiner Ausbildung habe ich mich vorbildlich verhalten, ich habe alle 14 Tage Samstags gearbeitet auch in den Ferien, wenn meine kids beim Papa waren, war ich von früh bis spät im Betrieb.

Seit 27.04.20 gibt es an unserer Grundschule eine Notfallbetreuung, nur tageweise, sehr eingeschränkt, ich habe meine Beiden angemeldet und kann somit wenigstens einmal die Woche zur Prüfungsvorbereitung in die Berufschule.

Von meinem Betrieb habe ich seit 4 Wochen nichts gehört, auch nichts schriftlich.
Um die Anmeldung zur Abschlussprüfung Teil 2, musste ich mich selber kümmern, für meine Reporte gab es keine Zeit im Betrieb, ich muss die Telefonzentrale bedienen und eine Vollzeitkraft ersetzen, da es vereinbart wurde, dass Sie an einem Tag die Woche frei hat.
Meine komplette Ausbildung verbrachte ich mit Ablage und Zentrale.
Einen Ausbildungsrahmenplan gibt es nicht, da meine Ausbildung sowieso nie wieder ausgebildet wird und ich die Erste und Letzte bin, man hatte sich eher vorgestellt, dass meine Ausbildung, ein wenig "tippen" ist, auch muss ich natürlich froh sein, dass eine zweitklassigen Frau wie ich überhaupt eine Ausbildungsstelle habe.

Verstehen Sie mich nicht falsch, beschweren möchte ich mich nicht, ich suche nach Lösungen.

Falls Sie sich die Frage stellen, warum ich dies mitgemacht habe und nicht eher mich an jemanden gewendet hab, zum einen war/bin ich Dankbar in meinem "Alter" eine Ausbildungsvertrag bekommen zu haben und zum anderen, ich viel Geld investiert habe, weshalb mir eine Anstellung im Anschluss erstmal Wichtig ist.
Im Moment möchte ich meinen Fokus auf die Abschlussprüfung legen und gerne wissen, da ich entgeltlich ohne Grund freigestellt wurde, ob ich, falls der Betrieb mich auffordert umgehend meine Arbeit aufzunehmen, selbst, Paragraf 616 BGB in Anspruch nehmen kann, um mich weitere 6 Wochen um meine Kinder (Plus Prüfung) zu kümmern, oder ob der Betrieb, diesen in Anspruch genommen hat, mit der Aussage, entgeltliche Freistellung.


Mit freundlichen Grüßen 

Azubi im hohen Alter ;-): 30.04.2020 |
  • RE: Freistellung Corona und Entgeltfortzahlung Kind krank

    Hallo Azubi im hohen Alter,

    vielen Dank für deine Anfrage, gern helfen wir dir weiter.

    Was du da beschreibst klingt alles andere als normal! Außerdem lass dir nicht einreden, dass du eine „zweitklassige“ Frau seist. So etwas gibt es nicht. Das du das so lange durchgehalten hast ist wirklich lobenswert und verdient meiner Meinung nach nichts anderes als Respekt. Ich versuche auf all deine Fragen einzugehen und hoffe keine zu vergessen:

     

    Kinderbetreuung:

    Grundsätzlich sind Auszubildende wie normale Beschäftigte verpflichtet, Anstrengungen zu unternehmen, um das Kind anderweitig betreuen zu lassen. Gerade bei kleinen Kindern ist das aber bekanntlich kein Selbstläufer. Hier solltest du schnellstmöglich ein Gespräch mit deiner_deinem Ausbilder_in suchen und gemeinsam überlegen, wie ihr mit dieser Situation umgehen könnt.

    In einer besonderen Situation wie der aktuellen kann für einen begrenzten Zeitraum auch alternative Ausbildung sinnvoll sein (z. B. zu Hause lernen). Spreche darüber mit deiner_deinem Ausbilder_in. Er_Sie sollte mit dir am besten telefonisch oder via Videokonferenz im engen Kontakt stehen, damit er_sie dir deine Aufgaben erklären und deine Fragen beantworten kann. Frage hierzu auch bei deiner Jugend- und Auszubildendenvertretung oder deinem Betriebs- bzw. Personalrat nach.

    Kann die Betreuung nicht sichergestellt werden, oder erkrankt das Kind, gilt § 19 BBiG. Das heißt, dass deine Vergütung bis zu sechs Wochen vom Ausbildungsbetrieb weiterzuzahlen ist. Umstritten dürfte aber sein, wie lange die fehlende Kinderbetreuung "unverschuldet" (vgl. § 19 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b BBiG) ist. Der Ausbildungsbetrieb muss also nicht dauerhaft mitmachen. Hier gilt es, schnell mit deiner_deinem Ausbilder_in in Kontakt zu treten und möglichst eine einvernehmliche Lösung zu finden.

    Was dein Chef da erzählt von wegen Bestrafung von Kollegen ist meines Erachtens nichts weiter als Quatsch! Wenn deine Kinder Krank sind ist es eben so. Das Problem werden mit Sicherheit auch andere Kollegen haben und nicht nur du alleine. Von daher bist du soweit auf der sicheren Seite würde ich behaupten.

     

    Bezahlte Freistellung:

    Wenn der Ausbildungsbetrieb dich nach Hause schickt, verzichtet er auf deine Ausbildungsleistung bzw. deine Arbeitskraft. Eine Berechnung von Minusstunden ist in diesem Fall nicht rechtens. Denn die Ausbildungsvergütung muss weitergezahlt werden, wenn die Ausbildung aus Gründen, für die du nichts kannst, ausfällt, obwohl du bereitstehen würdest (§19 BBiG).

    Ausbildung kann auch unabhängig von der tatsächlichen Auslastung der Betriebe durchgeführt werden. Der Ausbildungsbetrieb hat nach § 14 BBiG eine Pflicht, dich auszubilden. Das heißt, dass der Ausbildungsbetrieb alle Mittel ausschöpfen muss, um deine Ausbildung auch weiterhin zu gewährleisten. Spreche mit deiner_deinem Ausbilder_in, wie du trotz der Situation für die Ausbildung lernen kannst.

    Sollte dich der Betrieb trotzdem nach Hause schicken, dann hast du Anspruch auf Zahlung der vollen Ausbildungsvergütung für mindestens sechs Wochen (§ 19 Abs. 1 Nr. 2 BBiG). Wie es danach weitergeht, ist aktuell noch unklar. Als Gewerkschaftsjugend fordern wir ein Kurzarbeitergeld auch für Auszubildende nach sechs Wochen.

    Wir empfehlen vorsorglich, trotzdem einen Antrag auf Arbeitslosengeld II (Hartz IV) zu stellen, damit du nicht ohne Vergütung dastehst. Abweichend von der gesetzlichen Mindestdauer können Ausbildungs- und Tarifverträge längere Fristen vorsehen.

     

    Ausbildungsqualität:

    Ein Ausbildungsrahmenplan gehört eigentlich zu jedem Ausbildungsvertrag dazu. Er zeigt einem wann du was lernst. Er ist äußerst wichtig und hätte eigentlich auch von der IHK gefordert werden müssen. Als Auszubildende bist du nicht dafür da Mitarbeiter zu ersetzen, sondern Dinge zu lernen. Du darfst Fehler machen und solltest weder alleine Arbeiten noch ohne richtige Anleitung arbeiten. Natürlich ist ein gewisses Maß an selbstständiges Arbeiten vollkommen ok, aber grundsätzlich bist du da um zu lernen und nicht um zu arbeiten.

    Bis zu den Prüfungen ist es zum Glück nicht mehr lange hin.


    §616 BGB:
    Ich würde sagen durch die Freistellung deines Betriebs (ohne ersichtlichen Grund) hättest du nochmal Anspruch auf den § 616 BGB, allerdings sind solche Sachen immer sehr knifflig, weswegen ich dir nahe legen würde dich nochmal an deine zuständige Gewerkschaft zu wenden. Die Kolleginnen und Kollegen kennen sich mit diesen Themen sehr gut aus und können dich im Zweifelsfall auch rechtlich beraten. Hier ist ein Kontakt für dich:

    IG Metall
    Geschäftsstelle Stuttgart
    Theodor-Heuss-Str. 2
    70174 Stuttgart
    Tel.: 0711/16278-0
    Fax: 0711/16278-67
    E-Mail: stuttgart@igmetall.de
    www.stuttgart.igm.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren wollt, dann folge diesem Link: https://jugend.dgb.de/dgb_jugend/ueber-uns/wer-wir-sind

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!     

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi     
    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 05.05.2020


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