Deutscher Gewerkschaftsbund

Achtung: Aktuelle Infos!


 

Ausbilder/Chef torpediert die Ausbildung

Hallo Dr. Azubi,

mein Freund ist Kaufmann im E-Commerce.

Das Problem: Sein Chef und gleichzeitig Ausbilder gibt Kommentare über seine Arbeitnehme und Azubis ab, die weit unter die Gürtellinie gehen und auch Todesfälle betreffen.

Er ruft seine Arbeitnehmer an und setzt sie unter Druck, weil sie krank geschrieben sind (aktueller Fall: Ausländische Frau hat als Packerin eine Verletzung im Arm und kann nicht arbeiten und wartet auf eine OP - Der Chef ruft sie zuhause an und wirft ihr vor, sie würde ihn bewusst im Stich lassen und sagt, er hasse Ausländer).


Meinen Freund hat er bewusst nicht bei der IHK zu Prüfung angemeldet, obwohl er mehrfach Monate vorher darauf hingewiesen hat. Er will verkürzen und leistungstechnisch steht ihm nichts im Wege. Wir vermuten, dass er ihn als billige Arbeitskraft behalten möchte...

Dazu ist zu sagen, dass mein Freund sich so gut wie alles selbst angeeignet hat, weil er nicht wirklich ausgebildet wird im Betrieb..

Ich, als seine Freundin, kriege auch soviele negative Dinge von dem Chef mit, obwohl ich nicht einmal in dem Betrieb arbeite.

Es hat auch schon ein Azubi seine Ausbildung abgebrochen, weil der Chef alles andere als freundlich ist.

Mehrfach wurde das Gespräch mit dem Chef gesucht, aber er ist sehr respektlos und zeigt keinerlei Einsicht.

Mein Freund möchte nun den Betrieb wechseln, in der Hoffnung, dass er die Prüfung dann im November 2020 machen kann.

Wir vermuten aber stark, dass der Chef einen Aufhebungsvertrag ablehnen wird, weil er zu wenig Mitarbeiter hat.

 

Was kann mein Freund machen? Welche Möglichkeiten hat er?

Ist es überhaupt so leicht einen neuen Betrieb zu finden?

Jessie0411: 25.03.2020 |
  • RE: Ausbilder/Chef torpediert die Ausbildung

    Hallo Jessie,

     

    Danke für deine Anfrage im Forum. Das hört sich ja echt nach einem Horror-Chef an. Ich kann gut verstehen, dass dein Freund den Betrieb wechseln will.

     

    Ganz grundsätzlich ist es immer möglich, den Betrieb zu wechseln. Weiter unten findest du dazu alle nötigen Infos. Allerdings sind die Zeiten bedingt durch den Corona-Virus gerade echt schwer und man kann derzeit überhaupt nicht absehen, wie sich die wirtschaftliche Lage in einzelnen Branchen entwickeln wird. Deshalb empfehlen wir derzeit, keinen Wechsel durchzuführen, wenn es nicht unbedingt nötig ist.

    Ich empfehle deinem Freund deshalb, sich mit den anderen KollegInnen zusammen zu schließen und das Gespräch mit dem Chef zu suchen. Sie sollten sich gut auf das Gespräch vorbereiten und den Chef auf seine respektlose und menschenverachtende Umgehensweise hinweisen. Bringt das Gespräch nichts, kann dein Freund folgendermaßen den Ausbildungsplatz wechseln:

     

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

               

    1. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

     

    1. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

     

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


     

    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

     

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    Hier ist ein Kontakt für dich:

     

    Ver.di Düsseldorf
    Sonnenstr.14
    40227 Düsseldorf

    Tel.: 0211 15970-0
    Fax: 01805 837343 - 23103
    E-Mail: service-west.nrw@verdi.de

     

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

     

    1. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

     

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

     

    Liebe Grüße

     

    Dr. Azubi


    1. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 26.03.2020


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

  
  
  

Ich habe die Datenschutzerklärung der DGB-Jugend gelesen.