Deutscher Gewerkschaftsbund

Probleme mit der Chefin/ dem Betrieb

Hallo Dr. Azubi,
Ich habe seit längerem ein Problem mit meinem Betrieb bzw. mit der Stellvertretenden Chefin. Und zwar sucht sie immer Fehler bei meiner Arbeit, beobachtet mich nur und lässt mich nicht in Ruhe meine Arbeit machen. Wenn ich Fehler mache wird es mir nicht in einem respektvollen Ton gesagt, sondern die Augen werden verdreht und dann geholfen bzw. angemeckert weil ich es ja können müsste, weil ich im 2. Jahr bin.

Außerdem hatte ich mit meinem letzten Chef und ihr schon ein Gespräch, wo mir gesagt wurde dass ich zu langsam bin und wegen einer Sache 1000 mal nachfrage und wie ein kleines Kind bin.... seitdem frage ich nicht mehr nach und traue mich nicht. Ich fühle mich da nicht mehr wohl. Außerdem wird mir vorgeworfen, dass ich bei jedem Problem was auftritt anfange zu weinen und krank zu machen. 1. bin ich dann wirklich krank und 2. habe ich vor ein paar Tagen einmal angefangen zu weinen, weil ich es seelisch nicht mehr aushalte dort zu arbeiten.

Nächste Woche habe ich einen Termin zum Gespräch und habe Angst davor. Es geht um meine Krankmeldungen und um mein Verhalten angeblich.

Sie sagte auch, dass ich mir als Azubi Kritik anhören muss und nicht sagen soll, dass ich es nicht kann....
das Problem ist auch, dass sie mir das nicht wirklich zeigen und mich schon immer als andere behandelt haben und wegen jedem bisschen Ärger bekomme.

Ich weiß nicht mehr was ich machen soll und bin völlig fertig mit den Nerven und möchte dort nur noch weg.

Liebe Grüße, Lucia

Lucia : 06.11.2019 16:39:16 |
  • RE: Probleme mit der Chefin/ dem Betrieb

    Hallo Lucia,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst. Du scheinst die Situation schon lange auszuhalten und es ist klar, dass dir der Druck langsam auf die Gesundheit und natürlich auch aufs Gemüt schlägt.
    Ich empfehle dir, zum Arzt zu gehen und mit ihm über dein Problem zu sprechen. Er wird dann entscheiden, ob dir die Ausbildung weiterhin zuzumuten ist.
    Es ist klar, dass du Angst vor dem Gespräch hast. Vielleicht hilft es dir, eine Vertrauensperson mit in das Gespräch zu nehmen. Das kann ein_e Kollege_in sein, deine Eltern etc. Du kannst in dem Gespräch ehrlich sein und sagen, dass du unter dem Druck leidest und du stark verunsichert bist. Fest steht: Solange du aber deine Pflichten als Azubi erfüllst, kannst du nicht gekündigt werden.
    Du solltest überlegen, ob du unter diesen Umständen deine Ausbildung erfolgreich abschließen kannst. Das Verhalten deiner Chefin wird sich nicht so einfach ändern und deshalb solltest du über einen Ausbildungsplatzwechsel nachdenken.
    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Neumünster
    Kuhberg 1-3
    24534 Neumünster
    Tel.: 04321/70765-0
    Fax: 04321/70765-25
    E-Mail: bz.suedholst@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 07.11.2019 13:28:57


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