Deutscher Gewerkschaftsbund

Längere Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen

Hallo,

ich mache eine Ausbildung zur Raumausstatterin und befinde mich im 3. Ausbildungsjahr. Meine Gesellenprüfung wäre jetzt im kommeden Sommer.
Vor Beginn der Ausbildung war ich längere Zeit wegen Depressionen in psychotherapeutischer Behandlung. Ich hatte die Erkrankung recht gut in den Griff bekommen und fühlte mich entsprechend stabil genug um in die Ausbildung einsteigen zu können. Zunächst lief alles reibungslos, die Zwischenprüfung im letzten Jahr habe ich sogar mit seiner sehr guten Note abgeschlossen.
Nach der Zwischenprüfung im Februar 2018 erlitt ich allerdings einen Rückfall; auf dem Weg zur Arbeit bekam ich eine Panikattacke. Ich wurde für 2 Wochen krankgeschrieben und fing wieder an, Antidepressiva zu nehmen.
In den darauf folgenden Monaten bin ich mit meinem Freund zusammengezogen, wobei in der neuen Wohnung noch einige Renovierungsarbeiten zu erledigen sind. Parallel dazu musste ich viel für die Berufsschule und die Gesellenprüfung lernen, die im Sommer 2019 stattfinden sollte. Hinzu kam das Weihnachtsgeschäft im November und Dezember; ich war total überlastet und merkte, dass sich mein Zustand wieder verschlechterte. Ich ließ mich allerdings nicht krankschreiben, meine Antidepressiva wurden erhöht - ohne Erfolg. Ich ging zwar weiterhin zu einem Therapeuten, aber es reichte nicht aus um mich wieder aus diesem Loch rauszuholen. Ich konnte beim Lernen nichts mehr behalten und mich in der Schule nicht mehr konzentrieren, obwohl ich eigentlich eine gute Schülerin bin. Außerdem habe ich mich von meinen Mitschülern abgekapselt; auch privat zog ich mich immer weiter zurück. Aus Verzweiflung wandte ich mich schließlich an eine Lehrerin und erzählte ihr von meiner Situation und wie schlecht es mir ging. Ich wies mich selbst in eine psychiatrische Klinik ein und blieb für 6 Wochen in stationärer Behandlung.
Mein Betrieb war zunächst geschockt, aber er hat die Situation besser aufgenommen als ich dachte. In einem Gespräch mit meiner Ausbilderin beschlossen wir, mich für kommende Sommerprüfung abzumelden und meine Ausbildungszeit um 6 Monate zu verlängern. Der Antrag an die HWK wurde bereits gestellt. Nach dem Klinikaufenthalt blieb ich nochmal 2 Wochen krankgeschrieben; ich war also insgesamt 8 Wochen raus aus dem Betrieb.
Nun bin ich seit einer Woche wieder am Arbeiten – allerdings ohne Wiedereingliederung. Diese hatte ich abgelehnt. Zum Ende der Woche bemerkte ich allerdings, wie anstrengend 8 Stunden für mich durchzuhalten sind. Mein Freund und meine Therapeutin befürchten, dass alles was ich mir den 6 Wochen Therapie in der Klinik erarbeitet habe, nun nach kurzer Zeit auf der Arbeit wieder verfliegen könnte. Ich könnte zwar nochmal zum Arzt gehen und fragen, ob eine stufenweise Wiedereingliederung evtl. doch noch möglich ist und dass ich zunächst nur 4 bzw. 6 Stunden am Tag mache. Nur muss ich dann trotzdem irgendwann wieder auf die volle 8 Stunden zurückgehen. Da meine Gesellenprüfung nun erst im Winter stattfinden wird, habe ich die Befürchtung, dass ich das vielleicht nicht durchhalten kann, weil ich psychisch so stark vorbelastet bin. Ich habe an sich einen guten Draht zu meiner Ausbilderin und möchte meine Ausbildung unbedingt zu Ende bringen.
Gibt es für Fehlzeiten im Betrieb auch eine gewisse Anzahl, die man nicht überschreiten sollte um für die Prüfung zugelassen? Mir wurde aus therapeutischer Sicht vorgeschlagen, ob man meine tägliche Arbeitszeit nicht generell reduzieren kann. Ist das rechtlich überhaupt möglich? Oder bleibt mir „nur“ die Wiedereingliederung? Was kann ich tun?

Mel: 14.04.2019 13:11:56 |
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  • RE: Längere Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen

    Hallo Mel,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Gern helfen wir dir weiter.

    Es ist schon mal toll, dass es dir nach dem Klinikaufenthalt besser geht. Ich kann gut verstehen, dass du jetzt Bedenken hast, gleich wieder mit der vollen Stundenanzahl einzusteigen.

    Die Möglichkeit der Wiedereingliederung kennst du ja bereits und es sollte schon noch möglich sein, dass du das noch nutzt.

    Es gibt aber auch die Möglichkeit, die wöchentliche Arbeitszeit zu reduzieren.
    Das Berufsbildungsgesetz (§8 BBiG) sieht die Möglichkeit vor, unter bestimmten Voraussetzungen eine Berufsausbildung in Teilzeit zu absolvieren. Bei der Teilzeitberufsausbildung kannst du deine wöchentliche betriebliche Ausbildungszeit reduzieren. Auf wie viele Stunden du kürzen kannst musst du im Einzelfall bei deiner zuständigen Stelle erfragen. Als Richtschnur sollte eine 25 stündige Mindestausbildungszeit nicht unterschritten werden. Es muss auf jeden Fall gewährleistet sein, dass du das Ausbildungsziel in der gekürzten Zeit auch erreichst. Ob sich deine Ausbildungszeit insgesamt verlängert, hängt davon ab, in welchem Umfang die wöchentliche Ausbildungszeit verkürzt wird.

    Ein bis zwei Berufsschultage in Vollzeit würden zu der betrieblichen Ausbildungszeit noch hinzukommen. Das entspricht dann in etwa einer täglichen Arbeitszeit von bis zu 6 Stunden. Zu welchen Zeiten du in den Betrieb kommst, musst du mit deinem Betrieb absprechen.

    Den Antrag auf die Teilzeitberufsausbildung müsstest du gemeinsam mit deinem Ausbilder bei der zuständigen Stelle (siehe Stempel auf deinem Ausbildungsvertrag) stellen.

    Als Teilzeit-Azubi erhältst du ganz normal eine Ausbildungsvergütung, welche jedoch entsprechend der wöchentlichen Arbeitszeit gekürzt werden kann. Beim Arbeitsamt kannst du dich über ergänzende Leistungen informieren. Wenn sich deine Vergütung verringert hast du eventuell Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe.

    Weitere Informationen zur Berufsausbildung in Teilzeit erhältst du bei der Kammer.
    Du schreibst, dass du einen guten Draht zu deiner Ausbilderin hast und sie kennt ja auch deine Krankheitsgeschichte. Sprich offen mit ihr und sage, dass es für dich momentan besser ist, wenn du nicht wieder voll arbeitest. Gemeinsam könnt ihr dann überlegen, welche Option für dich die Bessere ist.

    Grundsätzlich ist es so, dass man in seiner Ausbildung etwa 10% Fehlzeiten (12-15 Wochen) haben darf, um zur Abschlussprüfung zugelassen zu werden. Aber das mit den 10% ist eine Faustregel - kein Gesetz. Dabei sind auch immer Ausnahmeregelungen möglich. Du hast eine Verlängerung beantragt und das nimmt auch ein bisschen den Druck von dir. Durch die Verlängerung müsste in jedem Fall gewährleistet sein, dass du die nötige Ausbildungszeit erreichst.

    Ich wünsche dir alles Gute für deine Gesundheit und deine weitere Ausbildung - dass du dich bald wieder besser fühlst.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 15.04.2019 09:20:50


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