Deutscher Gewerkschaftsbund

Kündigung wegen Krankheit in Ausbildung

Lieber Dr. Azubi,

Ich befinde mich im 2. Lehrjahr meiner Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten. Da ich schon seit einigen Jahren immer wieder wegen Depressionen in Behandlung bin, habe ich bereits beim Vorstellungsgespräch die Karten offen auf den Tisch gelegt und wurde trotzdem eingestellt, weil man mir ''eine Chance geben wollte''. Zum Zeitpunkt des Vorstellungsgespräches befand ich mich noch in stationärer Behandlung und war auf dem Weg der Besserung. Im ersten Lehrjahr hatte ich psychisch bedingt schon immer mal wieder ein paar Fehltage und durfte auch des öfteren früher gehen, wenn es mir nicht gut ging. Stunden musste ich keine aufschreiben.

Nun bin ich seit Ende letzten Jahres krankgeschrieben und stand seit Mitte Dezember auf der Warteliste für eine teilstationäre Therapie. Heute fand auf Wunsch meines Chefs ein Gespräch statt, bei dem mein Chef, der kaufmännische Leiter der Abteilung und die für Azubis zuständige Personalreferentin anwesend waren. In dem Gespräch wurde mir nahe gelegt selbst zu kündigen oder einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben, da das Ausbildungsverhältnis nach Ansicht meines Chefs ''keinen Sinn mehr macht'' und ich das Ausbildungsziel ja sowieso nicht erreichen könnte. Ich habe aber mittlerweile einen Aufnahmetermin für die Tagesklinik am 18.03. und mit der Vorsitzenden der Jugend-Auszubildenden-Vertretung einen ''Plan'' ausgearbeitet, wie es weitergehen könnte (Wechsel in Teilzeit-Ausbildung, Wiederholen des 2. Lehrjahres). Mein Chef hat aber alle Lösungsvorschläge abgeblockt und darauf beharrt, das Ausbildungsverhältnis auflösen zu wollen.

Ich habe gesagt, dass ich nicht kündigen und auch keinen Aufhebungsvertrag unterschreiben werde, da das eine 3-monatige Sperre des Arbeitslosengeldes mit sich bringen würde. Mir wurde eine Bedenkzeit bis Freitag gegeben. Ich solle mir das Ganze nochmal überlegen und man würde mich dann nochmal anrufen und nachfragen, ''wie ich denn dann vorgehen möchte''.

Es ist nicht meine erste Ausbildung aber dennoch wollte ich die Ausbildung gerne abschließen und mein Chef hatte mir bisher eigentlich immer seine Unterstützung zugesagt. Ich bin momentan einfach maßlos enttäuscht und super verzweifelt.

Meine Frage ist nun: Wenn ich nicht selber kündige, kann mein Arbeitgeber mir krankheitsbedingt kündigen? Und falls ja: wie soll ich dann vorgehen?

Vielen Dank im Voraus

Mit freundlichen Grüßen
Christina

Christina: 12.03.2019 01:13:59 |
  • RE: Kündigung wegen Krankheit in Ausbildung

    Liebe Christina,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Gerne möchten wir dich weiter unterstützen.

    Es ist nicht in Ordnung, dass du in deinem Betrieb so unter Druck gesetzt wirst und du dir Sorgen um die Reaktionen deines Chefs machen musst, denn wenn du krank bist, bist du krank! Jeder kann krank werden und es dürfen keine negativen Folgen daraus resultieren. Für die Dauer und den Zeitpunkt kannst du ja nichts. Blöde Kommentare darüber oder versuchte Druckausübung seitens deines Chefs sind nicht in Ordnung, aber es ist natürlich schwierig das abzustellen. Letztendlich zahlt dein Chef selbst drauf, weil es nachgewiesenermaßen die Fehlzeiten erhöht wenn kranke Mitarbeiter nicht positiv begrüßt werden, wenn sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

    Du hast bis jetzt sehr richtig gehandelt in dem du keinem Auflösungsvertrag unterschrieben hast. Diesem solltest du nur dann zustimmen und unterschreiben, wenn du die Ausbildung dort auch beenden willst. Wenn eine Kündigung durch den Ausbilder nicht möglich ist, missbrauchen Ausbilder manchmal leider den Aufhebungsvertrag, um einen Azubi loszuwerden. Dann heißt es plötzlich: "Entweder du unterschreibst den Aufhebungsvertrag oder ich kündige dir." In diesem Fall solltest du auf keinen Fall unterschreiben und dich schleunigst bei deiner Gewerkschaft beraten lassen. Dasselbe gilt, wenn du den Aufhebungsvertrag bereits unter Druck unterschrieben hast. So auch bei dir. Krankheit ist kein Grund für dein Betrieb dich zu kündigen. Du bist nicht mehr in der Probezeit und kannst nur außerordentlich und fristlos gekündigt werden, wenn du extrem gegen deine Pflichten als Auszubildende verstoßen hast. Wenn du längere Zeit gefehlt hast, dann kann es sein, dass du nicht regulär an der Abschlussprüfung teilnehmen kannst und deine Ausbildung um ein halbes Jahr verlängern musst.

    Grundsätzlich ist es so, dass man in seiner Ausbildung etwa 10% Fehlzeiten (12-15 Wochen) haben darf, um zur Abschlussprüfung zugelassen zu werden. Aber das mit den 10% ist eine Faustregel - kein Gesetz. Dabei sind auch immer Ausnahmeregelungen möglich. Wenn das der Fall ist, dann wird deine Ausbildung um ein halbes Jahr verlängert. Du kannst eine Verlängerung beantragen.

    Solltest du dennoch eine fristlose Kündigung von deinem Betrieb erhalten, dann solltest du so schnell wie möglich folgende Schritte gehen:

    1.Wende dich an deinen Betriebsrat und weiterhin an deine JAV.

    2.Hole dir Rat und Unterstützung bei kompetenten Leuten. Als Gewerkschaftsmitglied gewährt dir deine Gewerkschaft Rechtsschutz bei einem Kündigungsschutzverfahren. Sie hilft dir auch dabei, Klage gegen die Kündigung zu erheben.

    Hier ist ein Kontakt zu deiner örtlichen Gewerkschaft:

    ver.di Reutlingen
    Siemensstr. 3
    72766 Reutlingen
    Tel.: 07121/94797-0
    Fax: 07121/94797-99
    E-Mail: bz.fils-neckar-alb@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch
    ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    3. Als nächstes solltest du gemeinsam mit deiner Gewerkschaft möglichst schnell einen Antrag für ein Schlichtungsverfahren bei deiner zuständigen Kammer oder dem zuständigen Arbeitsgericht stellen. Sie leitet dann ein Schlichtungsverfahren ein.

    4. Falls deine Klage Erfolg hat, du aber nicht mehr zurück in deinen Betrieb möchtest, kannst du dich jetzt schon mal um einen neuen Ausbildungsbetrieb kümmern. Wende dich an deine Berufsschulsozialarbeit, sie hilft dir dabei, wie es beruflich weitergeht. Für deine Bewerbung kannst du dir bei deiner Berufsschule einen aktuellen Notenstand besorgen. Mehr Infos zur Bewerbung findest du hier: www.azubi-azubine.de/​mein-recht-als-azubi/​kuendigungdurch-den-azubi.html#Bewerbung. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de.

    Schau auch in der Zeitung und in den Stellenportalen im Internet nach oder frag im
    Bekanntenkreis und an der Berufsschule. Auch einen Versuch wert: Suche eines
    Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn. Um deine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, kannst du auch Probe arbeiten.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P.S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.03.2019 13:24:52


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