Deutscher Gewerkschaftsbund

Betriebswechsel während der Ausbildung

Hallo liebes Dr. Azubi Team,

kurz zu meiner Situation, ich bin im 1. Ausbildungsjahr, habe die Probezeit auch mit Lob überstanden. Leider merke ich nur mittlerweile, dass der Ausbildungsbetrieb absolut nichts für mich ist. Zum einen lerne ich absolut nichts mehr und zum anderen wird dort das Gefühl rübergebracht als Azubi unerwünscht zu sein, geschweige vom generellen Arbeitsklima was stark an nachsitzen in der Schule erinnert. Mir stellt sich jetzt die Frage wie gehe ich am besten vor und was habe ich zu beachten? Der Entschluss den Betrieb zu wechseln steht meinerseits fest! Ich habe für das Jahr 2019 noch ca 25 Tage Urlaub die verplant aber nicht eingelöst sind. Überall ließt man leider andere Sachen deswegen hätte ich gerne eine personifizierte Antwort.

Timo: 11.03.2019 13:44:37 |
  • RE: Betriebswechsel während der Ausbildung

    Hallo Timo,

    Danke für deine Anfrage im Forum. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst.

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen.
    Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern.

    In deinem Fall, macht es Sinn, deinen Betrieb darauf hinzuweisen, dass du das Gefühl hast, nicht nach Ausbildungsrahmenplan ausgebildet zu werden. Das kannst du erstmal in einem klärenden Gespräch machen und den Betrieb auch schriftlich darauf hinweisen.

    Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.
    Du schreibst, dass du noch Urlaubsanspruch hast. Wenn du vor dem 30. Juni den Betrieb verlässt, dann hast du nur Anspruch auf einen Teil deines Jahresurlaubs für 2019. Teile deinen Jahresurlaub durch 12 und multipliziere das Ergebnis mit der Anzahl der Monate, die du in diesem Jahr im Unternehmen warst. Das Ergebnis ist der dir zustehende Urlaub. Wenn du den Urlaub nicht mehr in natura nehmen kannst, bis du den Betrieb verlässt, muss er dir ausbezahlt werden.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Ver.di Düsseldorf
    Sonnenstr.14
    40227 Düsseldorf
    Tel.: 0211 15970-0
    Fax: 01805 837343 - 23103
    E-Mail: service-west.nrw@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 11.03.2019 23:16:18


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