Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildungsbetrieb wechseln.

Hallo Dr. Azubi,

ich befinde mich in der zweiten hälfte des dritten Lehrjahrs meiner Ausbildung zu Elektrofachkraft für Veranstaltungstechnik.

Leider ist seid mitte des zweiten Lehrjahrs das Betriebsklima immer schlechter geworden und ich merke, mehr und mehr, dass der Betrieb nicht über die Möglichkeiten verfügt, mich in einem ausreichenden Umfang auszubilden. Des weiteren habe ich immer mehr Ausbildungsfremde Tätigkeiten übertragen bekommen. Ersteres geht so weit, das ich immer öfter krank wurde, meine Hausärztin jedoch nichts feststellen konnt und schon dachte ich Simuliere, bis sie fraget, ob ich momentan sehr getress sei und dies inzwischen auf eben dieses Arbeitsverhältniss zurückführt.

Ich habe das mehrmals in Gesprächen mit meinem Ausbilder thematisiert und Versucht meine Ansichten auch mit Bezug auf den gesetztlichen Ausbildungsrahmen darzulegen.

Leider hat das nichts geändert. Entweder wurden meine Bedenken nicht ernstgenommen, abgetan, oder es wurde Besserung versprochen, welche jedoch nicht eintrat.

Jetzt wo es auf die Abschlussprüfung zugeht, merke ich immer stärker, das ich, glaube ich, nicht die Nötigen kenntnisse und routine in meinen Arbeitsabläufen habe, diese zu bestehen.

Hälst du es für sinnvoll sich noch vor der Abschlussprüfung nach einem Betrieb zum wechseln um zu schauen und dort dann im Winter die Abschlussprüfung zu machen, oder sogar das dritte Lehrjahr ganz zu wiederholen. Oder ist es vernünftiger es ert einmal zu versuchen und bei nicht bestehen den Betrieb zu wechseln? Noch länger als bis zu Prüfung immer Sommer in meinem derzeitigen Betrieb zu bleiben, ist für mich keine Option.

Roman : 07.02.2019 09:10:33 |
  • RE: Ausbildungsbetrieb wechseln.

    Hallo Roman,

    vielen Dank für deine Anfrage, gern helfen wir dir weiter.

    Wir können leider nicht für dich entscheiden, was am sinnvollsten für dich ist. Aber wenn du dich in deinem Betrieb nicht gut aufgehoben fühlst, können wir dir eventuell ein paar Möglichkeiten aufzeigen.

    Hast du schon einmal an Ausbildungsbegleitende Hilfen gedacht? Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) haben das Ziel, deinen Ausbildungserfolg zu sichern. Sie können dir bei Bedarf zu Beginn und jederzeit während der Ausbildung oder Einstiegsqualifizierung gewährt werden. Ein spezieller Unterricht und gegebenenfalls begleitende sozialpädagogische Betreuung tragen zum Abbau von Sprach- und Bildungsdefiziten bei und/oder fördern das Erlernen fachtheoretischer Kenntnisse und fachpraktischer Fertigkeiten. Das Gute dabei, es entstehen dir keinerlei Kosten. Der Zeitaufwand für abH beträgt 3–8 Stunden pro Woche. Wende dich also am besten einmal an deine Berufsschule und die örtliche Agentur für Arbeit, wenn du merkst, dass du Probleme in deiner Ausbildung hast.

    Wenn du dich aber wohler dabei fühlst den Betrieb zu wechseln, kannst du das natürlich auch tun. Ob es allerdings sinnvoll ist das letzte Ausbildungsjahr in einem anderen Betrieb zu wiederholen musst du selbst entscheiden. Nur du kannst sagen, ob du den Stoff ausreichend beherrschst oder nicht.

    Wenn du wirklich wechseln möchtest, dann gehst du am besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    Wenn du weitere Unterstützung oder Rückendeckung brauchst, kannst du dich jederzeit an deine örtliche Gewerkschaft wenden. Hier ist ein Kontakt für dich:

    IG Metall
    Geschäftsstelle Neuwied
    Andermacher Str. 70
    56564 Neuwied
    Tel.: 02631/8368-0
    E-Mail: neuwied@igmetall.de

    Da könnt ihr anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass ihr von Dr. Azubi kommt.... Als Gewerkschaftsmitglied habt ihr Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltet ihr euch überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, eurer Gewerkschaft beizutreten - wenn ihr nicht schon Mitglied seid. Ihr könnt jederzeit Mitglied eurer Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.

    Wenn ihr mehr über unsere Arbeit erfahren wollt, dann folgt diesem Link: https:/​/​jugend.dgb.de/​++co++f0e4cfdc-7dbc-11e7-b753-525400d872​9f

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 08.02.2019 08:06:04


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