Deutscher Gewerkschaftsbund

Achtung: "Dr. Azubi" macht Weihnachtsferien! Im Zeitraum von 24. Dezember 2018 bis 1. Januar 2019 findet die Beratung im "Dr. Azubi"-Forum nur eingeschränkt statt. Es kann daher zu Zeitverzögerungen bei den Antworten kommen. Im neuen Jahr sind wir dann wieder uneingeschränkt für euch da.

Schadensersatz

Hallo,
ich bin im 2. Ausbildungsjahr zum Automobilkaufmann. Mein "Hauptproblem" ist, dass mein Chef in zwei Fällen Schadensersatz von mir fordert. Es gibt noch andere Probleme, wie Mobbing (der Dicke), beleidigende Abänderung meines im PC abgespeicherten Monatsbericht mit Inhälten wie "dazu bin ich ja zu doof" oder "ich vergesse ja gerne alles", Einbehaltung von Provisionen für Verkäufe, 2 x geforderte Strafe in Höhe von 50 € zu zahlen in die Kaffeekasse, weil ich was vergessen habe. einmal bin ich dem nachgekommen, das 2. Mal habe ich mich geweigert.
Nun zum Hauptproblem: An einem Samstag sollte ich mit Kollegen die Fahrzeuge auf dem Hof neu/ordentlich parken. Ich bin mit einem Auto rückwärts gefahren und gegen ein anderes Auto gefahren. Ich weiß, ich hätte mich umgucken sollen, aber ich bin da schon so oft rückwärts raus gefahren und normalerweise stehen dort keine Autos, aber ein Kollege hat eins dorthin geparkt... jedenfalls ist ein Gesamtschaden an beiden Autos von 8.000 € entstanden. Zuerst wollte mein Chef, dass ich das alles zahle, dann habe ich aber mit der Versicherung der roten Nummern geklärt, dass nur die Selbstbeteiligung von je 500 € anfällt. Ein Fahrzeug ist inzwischen (mit Gewinn) im nicht reparierten Zustand verkauft. Mein Chef fordert nun von mir, dass ich 1.200 € bezahle: die Selbstbeteiligung sowie Verlust beim Verkauf des 2. Autos. Darf er das? Gibt es keine Versicherung, die dem Arbeitgeber solche Schäden ersetzen? Ist das nicht unverhältnismäßig im Vergleich zu meinem Einkommen von grade mal etwas über 500 €? Ist mir grobe Fahrlässigkeit vorzuwerfen?
Es gibt aber noch eine 2. Forderung. Wie immer war ich ganz allein im Verkaufsraum, der Chef war seit Tagen wegen Renovierungsarbeiten in der Werkstatt noch weniger verfügbar als sonst. Den gesamten Verkauf sowie die Bürotätigkeiten sind ausschließlich durch mich zu erledigen! Jedenfalls habe ich ein Auto von 16.000 € verkauft und meinen Chef kurz gefragt, ob ich einen Wagen, der für 7.500 € in der Liste steht, für 5.000 € in Zahlung nehmen kann. Da hat er zugestimmt. Da er so genervt war, habe ich den Ankaufsschein selbst unterschrieben. Er hat sich das Auto nicht angesehen und auch keinen aus der Werkstatt damit beauftragt. Sie waren ja am fliesen. Später stellte sich heraus, dass dieses Auto einen Getriebeschaden hat. Kosten für die Firma 600 €. Diesen Betrag fordert er auch von mir zurück. Ich hätte unberechtigt im Namen der Firma ein kaputtes Auto gekauft.
Inzwischen bin ich schon auf der Suche nach einem anderen Betrieb, in dem ich meine Ausbildung fortsetzen kann.
Ich halte es einfach nicht mehr aus...
Und vor allem weiß ich nicht, wie ich das alles bezahlen soll. Ich habe eine eigene Wohnung und nur die Ausbildungsvergütung sowie das Kindergeld. Die Miete zahlt sowieso schon meine Mutter...

Philipp Schneider: 13.04.2018 07:23:11 |
  • RE: Schadensersatz

    Hallo Philipp!

    Vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Gerne berate ich dich. Es ist gut, dass du dir Hilfe suchst. Wenn durch einen Fehler deinerseits kosten entstehen, kann die Frage nach der Erstattung nicht pauschal beantwortet werden. Dies müsste man rechtlich erstreiten. Als Orientierung: Ein Azubi im ersten Ausbildungsjahr, der gerade neu in die Kasse eingelernt wird und sich anfangs verzählt, kann nicht verantwortlich gemacht werden. Ein Azubi kurz vor der Abschlussprüfung, der bereits mehrere Monate selbstständig an der Kasse arbeitet, kann unter Umständen für einen fehlenden Betrag zur Verantwortung gezogen werden. In deinem Fall hast du aber eher keine deiner Pflichten verletzt, so dass die Forderung des Schadens eher unrechtmäßig erscheint. Allerdings wird Schadensersatz an sehr vielen Kleinigkeiten fest gemacht, das zu bewerten ist aus der Ferne kaum möglich.
    Grundsätzlich haftet der Arbeitnehmer nur bei grober Fahrlässigkeit. Bei Auszubildenden ist dies nochmal besonders, da sie die Tätigkeiten erst erlernen nicht davon ausgegangen werden kann, dass sie keine Fehler machen. Für Unterstützung oder Rückendeckung kannst du dich auch jederzeit an deine örtliche Gewerkschaft wenden. (Kontakt weiter unten)
    Bei den Zuständen, die du beschreibst ist es wohl das Beste, dass du dir einen anderen Ausbildungsbetrieb suchst und deine Ausbildung dort fortsetzt.

    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.

    Hier ist ein Kontakt für dich:

    Geschäftsstelle Trier
    Herzogenbuscher Str. 52
    54292 Trier
    0651/99198-0
    trier@igmetall.de
    >www.igmetall-trier.de

    Da kannst du anrufen, nach einem_r Jugendsekretär_in fragen und sagen, dass du von Dr. Azubi kommst.... Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand - daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten - wenn du nicht schon Mitglied bist. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monate.

    Wenn du mehr über unsere Arbeit erfahren willst, dann folge diesem Link: https:/​/​jugend.dgb.de/​++co++f0e4cfdc-7dbc-11e7-b753-525400d872​9f

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße
    Dr. Azubi
    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 14.04.2018 13:06:59


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