Deutscher Gewerkschaftsbund

Achtung: "Dr. Azubi" macht Weihnachtsferien! Im Zeitraum von 24. Dezember 2018 bis 1. Januar 2019 findet die Beratung im "Dr. Azubi"-Forum nur eingeschränkt statt. Es kann daher zu Zeitverzögerungen bei den Antworten kommen. Im neuen Jahr sind wir dann wieder uneingeschränkt für euch da.

Betriebswechsel

Hallo,

Ich möchte gerne meinen Betrieb wechseln, da ich in meinem jetzigen Betrieb nicht richtig ausgebildet werde. Intern wird uns Azubis gesagt, dass momentan kein Ausbilder vorhanden ist. Offiziel steht unser ehemaliger Ausbilder auf dem Papier. Mir sind während der Zwischenprüfung enorme Wissenlücken aufgefallen, die mir einfach nicht beigebracht worden sind. Generell werde ich hauptsächlich als billige Arbeitskraft im Rangierdienst eigesetzt und keiner fühlt sich Verantwortlich uns etwas beizubringen. Nur auf starkes drängen von mir, wird uns kurz vor Prüfungen kurz der praktische Teil gezeigt und das auch sehr schlampig. Ich habe unteranderem als Jungend- und Auszubildenvertreting versucht über den Betriebsrat eine Veränderung an Land zuziehen. Zudem darf ich unseren Ausbildungslehrplan nicht einsehen. Wenn ich mein Berichtsheft mit dem Rahmenplan der IHK vergleiche, fallen sehr schnell viele Lücken auf. Mir wurde von Bekannten geraten den Ausbildungsbetrieb zu wechseln. Meinen Fragen sind nun: Lohnt es sich, noch mehr Kraft und Energie zu investieren um die Ausbildung im Betrieb zu verbessern oder sollte ich mich mit den Fakten an die IHK wenden und einen möglichen Betriebswechsel forcieren?

Mit freundlichen Grüßen

Aaron

Aaron: 13.03.2018 13:43:16 |
  • RE: Betriebswechsel

    Lieber Aaron,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum.

    In deinem Betrieb scheinen einige Pflichtverstöße stattzufinden. Ich finde es sehr gut von dir, dass du dich für eine gute Ausbildung einsetzt. Dein Betrieb ist dazu verpflichte dir eine Ausbildung nach dem gültigen Rahmenplan zu bieten und dir einen qualifizierten Ausbilder an die Seite zu stellen.
    Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld werden!

    Ich rate dir beides anzugehen. Auf der einen Seite ist es wichtig dir weiteren Schritte zu gehen, damit du eine qualifizierte Ausbildung in deinem Betrieb bekommst und die Kammer über die Pflichtverstöße zu informieren. Sie ist die entscheidende Distanz, die sich um die Qualität der Ausbildung kümmern muss. Gerade auch für nachkommende Azubis ist es wichtig, dass dein Betrieb nicht weiter seine Schiene fährt.

    Auf der anderen Seite, wenn du das Gefühl hast, dass sich deine Ausbildung nach allen Anstrengungen und Bemühungen deinerseits nicht verbessert, dann kann ein Ausbildungsplatzwechsel für dich auch gut sein, damit du mit deinen Energien haushalten kannst und dich auf deine Prüfungen konzentrieren kannst. Deine Verhandlungsposition in deinem jetzigen Betrieb erhöht sich auch, wenn du merkst, dass deine Bewerbungen auf fruchtbaren Boden schlagen und es Alternativen für dich gibt.

    So, zunächst noch ein paar Tipps was du in deinem jetzigen Betrieb noch unternehmen kannst. Da sich nach Gesprächen und drängen deinerseits nichts geändert hast, solltest du den Ausbilder oder Betriebsinhaber noch einmal schriftlich an seine Pflichten erinnern. Hebe dir eine Kopie des Schreibens auf!

    Hier ist ein Musterbrief:

    Adresse Azubi
    Adresse Betrieb

    Hinweis auf § 14 BBiG

    Sehr geehrte/r Frau/Herr ____________,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele:
(Hier müssen mit genauer Datums- und Zeitangeben die ausbildungsfremden Tätigkeiten aufgeführt werden).
Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten. Außerdem muss laut § 14 Berufsbildungsgesetz ein geeigneter Ausbilder die Ausbildungsinhalte vermitteln.
    - Ich bin allerdings sehr häufig alleine im Betrieb (Beispiele)
    - Es steht für mich allerdings kein Ausbilder bereit und es ist auch niemand ausdrücklich mit meiner Ausbildung beauftragt worden.

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir einen Ausbilder zur Verfügung zu stellen, mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

    Wenn auch das nicht bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen.

    Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:


    https:/​/​www.evg-online.org/​kontakt/​liste-aller-geschaefsstellen/​

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Und du kannst dich an die Kammer/Innung wenden und mit ihm ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren. Sie haben auch die Möglichkeit deinem Betrieb die Ausbildungslizenz zu entziehen.
    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:

    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 13.03.2018 18:01:26


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