Deutscher Gewerkschaftsbund

Depressionen im Betrieb

Guten Tag liebes Team und Forenmitglieder,

ich bin im ersten Ausbildungsjahr als Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung und habe einige Probleme, die ich gerne loswerden möchte.

In meinem Betrieb herrscht eigentlich recht familiären Klima. Als Azubi werde ich jedoch nicht so gesehen, sondern eher als Fremder. Man muss sagen, dass ich Chronisch krank bin und öfter mal zum Arzt muss, da es regelmäßig unter Beobachtung bleiben muss und ich stark gefährdet bin.

Jedenfalls werde ich beleidigt, niemand ist für mich da der mich ausbilden kann, da niemand programmiert, es wird mir kein Urlaub erteilt da ich ja öfter Krank bin und ich muss sehr oft von 7uhr bis 19uhr bleiben, was mir nicht angerechnet wird...

Ich habe schon oft überlegt zu kündigen und gehe mittlerweile nur noch mit Bauchschmerzen in den Betrieb. In der Schule bin ich sehr gut und technisch versiert.

Es ist mein Traumberuf und ich bin Dankbar für diese Chance, aber ich kann unter den Umständen wirklich nicht mehr hier arbeiten, möchte aber trotzdem Fachinformatiker werden.

In anderen Betrieben habe ich mich schon umgesehen, aber das wird dieses Jahr nichts mehr mit einer Übernahme..

Was kann ich tun?
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Liebe Grüße!

Lexus069: 16.04.2019 08:26:49 |
  • RE: Depressionen im Betrieb

    Lieber Lexus069,

    vielen Dank für deine Anfrage im Forum. Gerne möchten wir dich weiter unterstützen.

    Es ist natürlich absolut nicht in Ordnung wie dein Betrieb hier mit dir umgeht.

    Im ersten Schritt rate ich dir das Gespräch mit deinem Betrieb zu suchen. In deinem Betrieb scheint einiges nicht mit rechten Dingen abzulaufen.

    Erst einmal vorweg: es ist nicht in Ordnung, dass du in deinem Betrieb so unter Druck gesetzt wirst und du dir Sorgen um die Reaktionen deines Chefs machen musst, denn wenn du krank bist, bist du krank! Jeder kann krank werden und es dürfen keine negativen Folgen daraus resultieren. Für die Dauer und den Zeitpunkt kannst du ja nichts. Blöde Kommentare darüber oder versuchte Druckausübung seitens deines Chefs sind nicht in Ordnung, aber es ist natürlich schwierig das abzustellen. Letztendlich zahlt dein Chef selbst drauf, weil es nachgewiesenermaßen die Fehlzeiten erhöht wenn kranke Mitarbeiter nicht positiv begrüßt werden, wenn sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Es ist natürlich absolut nicht in Ordnung, dass dir deswegen kein Urlaub gewährt wird. Dieser sollte der Erholung dienen und muss dir im laufenden Kalenderjahr gewährt werden. Wenn du öfters krank bist, dann kann es passieren, dass dein Ausbildungsverhältnis um ein halbes Jahr bis zur nächsten Wiederholungsprüfung verlängert wird (wenn dir mehr als 10 Prozent deiner Ausbildungszeit fehlen, kann das der Fall sein).

    Es ist so, für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Außerdem kann Ausbildung nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein Ausbilder oder Ausbildungsbeauftragter anwesend ist, der dich ausbildet. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) muss der Ausbildende selbst ausbilden oder einen Ausbilder oder Ausbilderin ausdrücklich damit beauftragen. Der Ausbilder oder die Person, die mit der Ausbildung beauftragt ist, muss dem Azubi Fragen beantworten und ihn in Arbeitsvorgänge einweisen. Er muss seine Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass der Azubi alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernt. Daraus ergibt sich, dass er eigentlich immer anwesend sein muss. Der Azubi darf also nicht alleine am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Azubis, Praktikanten und Ungelernten, die als Ausbilder nicht geeignet sind.

    Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld werden!
    Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:

    1. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne deinem Ausbilder konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest und mache ihn darauf aufmerksam, dass du seine Hilfe und sein Wissen brauchst, um deinen Beruf zu erlernen. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.

    2. Falls sich nach dem Gespräch nichts ändert, solltest du den Ausbilder oder Betriebsinhaber noch einmal schriftlich an seine Pflichten erinnern. Hebe dir eine Kopie des Schreibens auf! Hier ist ein Musterbrief:

    Adresse Azubi
    Adresse Betrieb

    Hinweis auf § 14 BBiG

    Sehr geehrte/r Frau/Herr ____________,

    laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele:
(Hier müssen mit genauer Datums- und Zeitangeben die ausbildungsfremden Tätigkeiten aufgeführt werden).
Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten. Außerdem muss laut § 14 Berufsbildungsgesetz ein geeigneter Ausbilder die Ausbildungsinhalte vermitteln.
    - Ich bin allerdings sehr häufig alleine im Betrieb (Beispiele)
    - Es steht für mich allerdings kein Ausbilder bereit und es ist auch niemand ausdrücklich mit meiner Ausbildung beauftragt worden.

    Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, mir einen Ausbilder zur Verfügung zu stellen, mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Unterschrift Azubi ____________

    3. Wenn auch das nicht bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe:

    ver.di Rheinland-Pfalz-Saarland
    Münsterplatz 2-6
    55116 Mainz
    Tel.: 06131/9726-0
    Fax: 06131/9726-288
    E-Mail: lbz.rlpsaar@verdi.de

    Da kannst du einfach anrufen, nach einem_rJugendsekretär_in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....

    Außerdem könntest du dich an eine_nAusbildungsberater_in der Kammer/Innung wenden und mit ihm ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.

    Dr. Azubi: 18.04.2019 10:49:31


  • RE: Depressionen im Betrieb

    Wenn weiterhin keine Änderung eintritt dann kannst du dir überlegen den Ausbildungsplatz zu wechseln. Hier rate ich dir folgendermaßen vorzugehen:
    Bei einem Ausbildungsplatzwechsel gehst du am Besten folgendermaßen vor:
    1. Bewirb dich ab sofort, denn solange du noch einen Ausbildungsplatz hast, sind deine Bewerbungschancen besser. Ausbildungsplätze, die sofort zu besetzen sind, findest du unter www.arbeitsagentur.de oder www.meinestadt.de, oder www.ihk.de. Schau auch in den Stellenportalen im Internet nach sowie in der Zeitung und oder frag im Bekanntenkreis. Auch einen Versuch wert: Suche eines Ausbildungsplatzes über soziale Netzwerke wie XING oder LinkedIn.

    2. Sobald du was Neues hast -und erst dann!- kannst du einen Aufhebungsvertrag machen, wenn dein Betrieb mit deinem Weggang einverstanden ist.

    3. Falls der Betrieb nicht einverstanden ist, kannst du unter Umständen außerordentlich und fristlos kündigen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Fristlos bedeutet: Du kannst sofort gehen, nachdem du die Kündigung übergeben hast oder nachdem die Kündigung per Post im Betrieb angekommen ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel:

    • schwere und andauernde Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz

    • mangelhafte Ausbildung durch Verstöße gegen die Ausbildungspflicht und berufliche Mängel
    • eine andauernde Beschäftigung mit ausbildungsfremde Tätigkeiten

    • Sexuelle Belästigung oder Züchtigung (körperliche Gewalt)

    • mehrmalig ausbleibende Ausbildungsvergütung
    • wenn deinem Betrieb die Ausbildereignung fehlt, sie entzogen wird oder er gar keine besitzt

    • angeordnete Überstunden, die auch nach Aufforderung nicht bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen wurden und durch die das Ausbildungsziel gefährdet ist

    • systematisch schlechte Behandlung (immer wieder Beschimpfungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Diskriminierung)


    Du musst schriftlich und unter genauer Angabe der Gründe (wer, was, wann, wo) kündigen. Sonst ist die Kündigung unwirksam. Sie ist auch unwirksam, wenn dir der auslösende Kündigungsgrund bereits länger als zwei Wochen bekannt war. Wenn du aufgrund von Pflichtverletzungen kündigst, die der Betrieb langfristig nicht beheben kann (z. B.: Entziehen der Ausbildereignung) oder es dir absolut unzumutbar ist weiter in dem Betrieb deine Ausbildung fortzusetzen (z. B. bei sexueller Belästigung), dann kannst du sofort unter Angabe der Gründe fristlos kündigen. Wenn dein Betrieb aber die Möglichkeit hat sein Verhalten zu ändern (z. B. bei ausbildungsfremden Tätigkeiten). Anschließend musst du den Betrieb zunächst auf die Pflichtverletzung in Form einer schriftlichen Abmahnung hinweisen und ihn dazu auffordern die Situation zu ändern. Es kann auch sinnvoll sein die zuständige Kammer mit einzubeziehen und die Schlichtung einzuberufen. Die Schlichtung ist eine Besonderheit in der Berufsausbildung, die zum Ziel hat Streitigkeiten zwischen Azubi und Ausbilder bereits vor einem Gerichtsprozess zu klären. Falls sich daraufhin nichts ändern sollte, dann hast du die Möglichkeit fristlos zu kündigen.

    Eine außerordentliche Kündigung zu schreiben, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb gibt es keine allgemeine Vorlage. Du musst in der fristlosen Kündigung schwere Vorwürfe gegen deinen Ausbildungsbetrieb erheben. Damit die Sache auch wasserdicht ist, solltest du dir unbedingt Hilfe bei deiner Gewerkschaft holen. Rückendeckung kannst du oft auch nach der Kündigung gebrauchen. Denn wenn der Azubi kündigt, ist der Ausbilder oftmals verärgert und gibt dir nicht immer freiwillig, was dir noch zusteht. Zum Beispiel Arbeitszeugnis, Arbeitspapiere, Restgehalt, Urlaubsansprüche, die ausbezahlt werden müssen.


    4. Nachdem deine Kündigung oder der Aufhebungsvertrag durch sind, setzt du deine Ausbildung nahtlos im neuen Betrieb fort. Aber Vorsicht: Du hast wieder bis zu 4 Monate Probezeit.

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 18.04.2019 10:49:57


  • RE: Depressionen im Betrieb

    Vielen Dank für die ausfühliche und nette Antwort.
    Leider hat sich nach dem Disput mit dem Urlaub und der Abmahnung die Situation verschlimmert. Lachend wurde die Abmahnung abgelehnt und ich wurde sogar aus dem Raum verwiesen. An den Ausbildungsinhalten änderte sich nichts und ich werde weiter gehänselt. Ich möchte nicht mehr zu dem Betrieb und habe überlegt mich einfach krank schreiben zu lassen, zumal mir meine Ärzte raten mich von dem Stress fernzuhalten da es die Symptomatik nur verschlimmert.

    Nach einem Telefonat mit der verdi wurde mir ein Rückruf angeboten, der schon über eine Woche auf sich warten lässt. Ich weiß einfach nicht weiter und bin verzweifelt.
    Kann ich die Ausbildung nicht ohne Betrieb beenden und weiterhin zur Schule gehen?

    Lexus069: 29.04.2019 00:27:23


  • RE: Depressionen im Betrieb

    Hallo,

    schade, dass in deinem Betrieb so schlecht mit dir umgesprungen wird. Aber das Bestätigt dich sicher nochmal darin, jetzt für dich und deine Gesundheit zu sorgen und dir schnellst möglich einen Betrieb zu suchen, der wertschätzender mit dir umgeht! Wenn du so schlecht behandelt wirst, dass dir die Arbeit gesundheitlich schadet, dann ist es absolut legitim sich krankzumelden. Es ist nur wichtig, dass du mit deinem Arzt des Vertrauens sprichst und dir unbedingt ein Attest holst. Leider kannst du einen duale Ausbildung nicht ohne Betrieb absovlieren. Setze dich aber nicht unter Druck, sondern nehm erstmal ein wenig Abstand und erkundige dich in Ruhe nach alternativen Betrieben. Ich finde es gut, dass du dir auch gewerkschaftliche Unterstützung suchst. Sicher ist der Rückruf nur untergegangen. Ruf doch nochmal an. Bei ver.di ist oft großer Ansturm. Ich glaube nicht, dass der Mitarbeiter/die Mitarbeiterin mit Absicht nicht zurückgerufen hat. Sicher bekommst du bei einem neuen Anlauf dann auch Hilfe.

    Ich drücke dir die Daumen für eine gute Lösung und all deine weiteren Schritte!

    Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!

    Liebe Grüße

    Dr. Azubi

    P. S. Bitte empfiehl unseren Service weiter!

    Dr. Azubi: 30.04.2019 16:18:12


Neue Antwort

Die mit '*' gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.



Ich habe die Datenschutzerklärung der DGB-Jugend gelesen.