Deutscher Gewerkschaftsbund

Flexible Response

Die Uni wechseln? Mit den neuen Regeln klarkommen? Aussteigen? Über den Umgang mit dem Bachelor-Master-System. Drei Porträts von Felix Werdermann

Der Umsteiger

Jetzt hat er doch gewechselt: Ab diesem Semester studiert Frank Zauber* in Kassel. Aus Münster bringt er einige Leistungsscheine in Philosophie mit – und vor allem zwei Jahre Erfahrung mit dem Bachelor (BA). An seiner neuen Hochschule kann er endlich Politikwissenschaft studieren. Allerdings muss er hier von vorne beginnen.

Nach dem Abitur wollte er gerne in Münster bleiben. Mit seinem Notenschnitt wurde Zauber aber nur für Geschichte und Philosophie zugelassen. Als er dann das Latinum hätte nachholen müssen, hat er sich doch noch in anderen Städten beworben.

Eine wichtige Schlüsselqualifikation kann er bereits vorzeigen: Stressresistenz im Umgang mit dem BA-Studium. "Am Anfang hatte ich volle Panik", erzählt er. Niemand habe ihm sagen können, welche Kurse er besuchen musste – selbst die Dozierenden nicht. "Später habe ich mir dann gesagt: Läuft schon." Schuld an dem Chaos gibt er vor allem der Umstellung auf modularisierte Studiengänge.

Gestört hat den Polit-Aktivisten auch, dass für BA-Studierende in allen Veranstaltungen Anwesenheitspflicht herrschte. Die erlaubten Fehlstunden habe er "natürlich auf politische Happenings gelegt – den G8-Gipfel zum Beispiel".

Manchmal hat nur Trickserei weitergeholfen: "In Seminaren kann man die Unterschriften nicht fälschen", sagt er, "aber in Vorlesungen mit 200 Leuten…"

Die journalistische Praxis bringe ihm ohnehin viel mehr als das Sitzen in vollen Hörsälen, sagt der 22-Jährige. Neben seinem Studium schreibt er bereits Artikel für verschiedene Zeitungen. Den Kurs zur Einführung in den Journalismus konnte er an seiner Uni nicht belegen – der war schon voll. Anmelden konnte er sich erst später – als die Hochschule nach mehreren Wochen all seine Leistungen anerkannt hatte.


Die Aufsteigerin


"Ich lieg’ ganz gut in der Zeit." Nicole Schiemann* studiert seit zwei Jahren Grundschulpädagogik und Mathematik. Im nächsten Semester möchte sie ihre BA-Arbeit schreiben, danach den Master dranhängen. Dass in ihrem Studium alles glatt läuft, ist gerade in Mathematik eher die Ausnahme. "Das war sehr viel Glück", sagt sie: Gleich zu Beginn hat sie gute Freundinnen gefunden, mit denen sie lernen konnte. "Alleine hätte ich das Studium nie geschafft. Ich hätte die Motivation nicht gehabt."

Dabei möchte sie schon seit ihrer Schulzeit Grundschullehrerin werden. Trotzdem hat sich Schiemann nach ihrem Realschulabschluss für "etwas Sicheres" entschieden: eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Danach hat sie ihr Abitur nachgeholt und in Berlin angefangen zu studieren.

Wenn sie ihren Erfolg erklären soll, sagt sie: "Ich bin sehr ehrgeizig." Aber sie sitzt nicht den ganzen Tag vor ihrem Mathebuch, es bleibt auch Zeit für ihre Tätigkeit als Mentorin. Achtmal im Jahr trifft sie sich mit StudienanfängerInnen, hilft ihnen bei Problemen und redet mit ihnen über die Schwierigkeiten des Studiums. Außerdem betreut sie ein elfjähriges Migrantenkind, zusammen besuchen sie Ausstellungen oder treiben Sport. "Neben dem Studium", sagt die 23-Jährige. "Auch wenn es meine Freizeit kostet."

Ganz zufrieden ist sie aber doch nicht: Durch die Einführung des BA sei das Studium verschulter geworden. "Die Auswahl an Veranstaltungen ist sehr gering." Das liege auch daran, dass sich die Dozierenden untereinander noch stärker absprächen. Und wenn Schiemann ihr einjähriges Master-Studium beendet hat, sei eine Lehrerstelle in einem anderen Bundesland schwer zu erhalten, fürchtet sie. Dort dauere der Master nämlich doppelt so lang.


Der Aussteiger

Er hat es nicht geschafft. Obwohl er es geschafft hat. Jürgen Klein* hat sein Studium nach einem Semester abgebrochen, obwohl er all seine Klausuren bestanden hat. In Physik und Mathematik ist das keine Selbstverständlichkeit. "Meine Reaktionen auf das Studium haben mir nicht gefallen", sagt er. Klein leidet unter Prüfungsangst. "Einfach zu erleben, so aufgefressen zu werden von der Situation – das steht nicht im Verhältnis."

Schon in der Schule, erzählt er, habe er mit dem Leistungsdruck gekämpft. "Dabei war ich nie gefährdet, durchzufallen."

Nach seinem Abi hat er Cello studiert – bis zum Vordiplom. Dann wurde ihm der Stress zu viel. Ein Jahr später nahm er einen neuen Anlauf: Physik und Mathe mit Lehramtsoption, ein BA-Studiengang.

"Das ist noch stärker darauf ausgelegt, stromlinienförmig durchzukommen", sagt der 27-Jährige. Es gebe einen klaren Studienverlaufsplan: "Wenn ich eine Klausur nicht schaffe, kommt der total durcheinander."

Klein sah sich einer ständigen Kontrolle ausgesetzt, jedes Semester musste er Leistungen erbringen, in jeder Veranstaltung anwesend sein. Und den Studierenden wurde bei Versagen mit Strafpunkten gedroht. Dabei werde der BA-Studiengang seinen eigenen Zielen nicht gerecht: Wenn viele ihr Studium abbrächen, sorge das nicht dafür, dass die Studieneffizienz verbessert werde. Das Problem: "Der BA entspricht nicht der breiten Menschennatur", sagt er.

Für ihn zumindest ist er nichts.

* Namen von der Redaktion geändert.


(aus der Soli extra "Für ein soziales Studium", Februar 2008, Autor: Felix Werdermann, Journalist aus Berlin)

(geändert am 3. Dezember 2009)

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