Deutscher Gewerkschaftsbund

Anspruch verfehlt

Die Bologna-Reform sollte die Hochschulen bis 2010 zum dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt machen. In Deutschland ist man weit hinterher. Von Janis Klusmann

Im April 1999 gaben die BildungsministerInnen von 29 europäischen Staaten den Startschuss für den so genannten Bologna-Prozess. Das Ziel: Bis 2010 soll ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum geschaffen werden. Kernelemente dieser Reformen sind die Förderung der Vergleichbarkeit von Hochschulabschlüssen, die Einführung eines zweistufigen Studiensystems und eines Leistungspunktesystems. Die Mobilität der Hochschulangehörigen sowie die europäische Dimension in der Hochschulbildung sollen verbessert werden.

Der Bologna-Prozess fand 2000 auch Eingang in die Lissabon-Strategie, deren Ziel es ist, die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Ein großer Anspruch also.

Aber was ist jetzt die Realität an den Hochschulen? Viele unterschiedliche Hoffnungen waren mit der Studienstrukturreform verbunden: Mehr Studierende sollten zum Studium motiviert, die Studiengänge besser eingeteilt und zugeschnitten, die Qualität der Lehre sollte verbessert werden. Und vor allem sollten weniger Studierende das Studium abbrechen.

Heute zeigt sich folgendes Bild: Die deutsche Bildungslandschaft ist meist unterfinanziert und damit beschäftigt, Mängel zu verwalten. Studieninhalte werden oft einfach von fünf Jahren Diplom oder Magister auf drei Jahre Bachelor umetikettiert. In der Praxis bedeutet dies dann mehr Arbeitsbelastung, mehr Prüfungen, mehr Präsenzzeiten, weniger Freiräume und Wahlmöglichkeiten.

Der Trichter des schon sehr selektiven deutschen Bildungssystems wird noch enger, da nach der Einführung von Studiengebühren in vielen Bundesländern Herkunft und Budget noch viel mehr über Studienaufnahme und -erfolg entscheiden. Denn jedes Semester mehr kostet Geld, und bei Nichterfolg droht die Zwangsexmatrikulation. Anstatt die Studienstrukturreform zu nutzen, um die Interdisziplinarität zu erhöhen und innovative Lern-und-Lehr-Methoden einzuführen, wird kleinstteiliges Prüfen jeder Veranstaltung zum Stressfaktor. Gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten entfällt so wichtige Zeit, sich an Studium, Habitus und neuen Lebensabschnitt zu gewöhnen.

Die angekündigten Erhöhungen im Bildungsetat in der neuen Bildungsrepublik Deutschland fallen sehr moderat aus. Dringend benötigte staatliche Investitionen im Bildungssektor fehlen, um die Grundversorgung in vielen Fällen zu gewährleisten und Kapazitäten für mehr Studierende auszubauen. Es wird auch nicht mehr wissenschaftliches Personal eingestellt, Räume und Tutorien fehlen weiterhin. Zeitliche Überlastungen und inhaltliche Verdichtungen führen zu Demotivierung und Überforderung. Die Folge: Studienabbrüche nehmen zu.

Auch mit der Mobilität ist es nicht weit her: Schon deutschlandweit nimmt die Vergleichbarkeit aufgrund des Bildungsföderalismus ab, da die Reformen ganz unterschiedlich umgesetzt werden. Im europäischen Kontext ist das Auslandsstudium durch das Erasmus-Programm zwar gut gewährleistet. Aber Probleme bei der Anerkennung und zusätzliche Kosten erschweren Semester im Ausland vor allem bei knappem Budget.

Dazu kommt: Der Raum, sich auszuprobieren, fehlt. Intellektuelle und persönliche Entwicklung, gemeinsames Lernen, politisches Engagement – dafür gibt es keine geistigen und sozialen Freiräume mehr.

Durch restriktive Formen wie etwa die hohe Zugangsbeschränkung zum Master entsteht die Angst vor einem billigen Bachelor-Prekariat, das dann aushilfsweise – oder deutlich schlechter bezahlt – wissenschaftlichen Tätigkeiten nachgehen darf. Kurzum: Der Bachelor wird nicht ernstgenommen.

Nach dem Studium wird es nicht besser: Bei den Arbeitgebern ist die Umstellung auf Bachelor und Master noch überhaupt nicht angekommen, Studienform und veränderte Inhalte sind meistens völlig unbekannt.

Eine unsoziale, ungerechte und unverantwortliche Elitenbildung wird forciert statt die Hochschulen für Kinder aus bildungsfernen Schichten endlich weiter zu öffnen.

Studierende mit einem solchen Hintergrund werden ebenso wie solche, die ihr Geld neben dem Studium verdienen oder sich um Kinder oder kranke Angehörige kümmern müssen, von der mangelhaften Studierbarkeit der neuen verschulten Studienformen besonders hart getroffen. Die Bologna-Reform geht so an den sozialen Wirklichkeiten der Studierenden vorbei.

Ende 2008 haben – nach Studierendenvertretungen und Gewerkschaften – auch die HochschulrektorInnen auf ihrer Konferenz einheitlich festgestellt: Der große Wurf ist der Reform in Deutschland nicht gelungen. Sogar von Scheitern war die Rede.

Aber wohin soll es im Jahr zehn nach Bologna gehen? Auch die alten Diplom- und Magisterstudiengänge hatten ja ihre Schwächen. Deshalb sollte der Blick nach vorne gehen: Die Hochschule sollte ein freier sozialer Raum sein, der nach demokratischen Prinzipien gestaltet wird. Die Anforderungen sollten zu dem verfügbaren Zeitbudget in ein realistisches Verhältnis gebracht werden, auch müssten flexiblere Studienformen wie E-Learning, aber vor allem Teilzeitsemester eingeführt werden. Und vor allem: Die Durchlässigkeit zum Master muss gewährleistet sein, Berufs- vor Beschäftigungsbefähigung gestellt werden. Dafür muss man der Ökonomisierung von Bildung entschlossen entgegentreten.


(aus der Soli extra "Für ein soziales Studium", Februar 2008, Autor: Janis Klusmann, Berater beim DGB-Jugend-Projekt "Students at work")

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