Deutscher Gewerkschaftsbund

Nichts ist verbindlich geregelt

Die andere "Generation Praktikum": Der Übergang zwischen Schule und Beruf ist auch jenseits des Hochschulstudiums schwer. Oftmals ­landen Jugendliche schon vor der ­regulären Ausbildung in Praktika oder Warteschleifen. Und die ver­folgen nicht immer das Ziel einer ­qualifizierten Berufsausbildung.

Manuel erzählt: "Wow! Endlich ich habe eine Ausbildungsstelle gefunden – und davor kann ich sogar noch ein Vorbereitungspraktikum von sechs Monaten machen, um die Zeit bis zum Ausbildungsbeginn zu überbrücken."

Wir treffen Manuel neun Monate später. Er ist sehr geknickt, da er in der Probezeit seiner Ausbildung dann doch noch gekündigt wurde. Zur Begründung hieß es, dass er kein Interesse an seiner Ausbildung zeige und nicht für den Beruf geeignet scheine. Der junge Mann versteht die Welt nicht mehr – und das zu Recht: Wozu sich über ein halbes Jahr abrackern, wenn es dann doch nicht klappt?

Wichtig ist es, frühzeitig zu reagieren und skeptisch zu sein. Ein Schnupperpraktikum schon vor der Ausbildung zu machen, kann vielleicht sinnvoll sein. Denn oftmals ist die Praxis dann doch anders als SchulabgängerInnen sich den "Traumberuf" vorstellen und Berufsinfoblätter in der Theorie beschreiben.

Aber unangemessen lange Praktika wie im Falle von Manuel sind mit Vorsicht zu genießen. In einer kürzeren Zeitspanne von ein bis zwei Wochen ist sicherlich auch schon festzustellen, ob einem das Berufsbild gefällt und das Team passt.

Kopieren, Ablage machen, Kaffee kochen – oder doch schon als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt werden: All dies ist nicht Sinn und Zweck eines Praktikums. Hier sollten auch frühzeitig die Alarmglocken klingeln. Denn es geht vorrangig darum, das Berufsbild kennenzulernen und sich so auf eine Ausbildung vorzubereiten.

PraktikantInnen sollten also nicht in die tägliche Verrichtung der Arbeiten mit eingeplant werden und Verantwortung übernehmen. Sondern mitlaufen, um Einblicke in das Berufsfeld zu bekommen. Ein Praktikantenvertrag mit festgelegten Inhalten eines Praktikums kann hier einen klaren Rahmen schaffen.

Eine verbindliche Regelung, die eine Praktikumsvergütung festlegt, gibt es indes nicht. Auch wenn es sich um ein verpflichtendes Schulpraktikum handelt, besteht keine Vergütungspflicht. Dennoch ist die Anerkennung wichtig – und eine Praktikumsvergütung sollte auf jeden Fall angesprochen werden.

Wichtig ist auch die Abgrenzung zwischen einem Praktikum und einem Arbeitsverhältnis: Ein Praktikum dient dazu, Kenntnisse über die Fertigkeiten und Erfahrungen zu vermitteln, die in einer Gesamtausbildung notwendig sind. Liegt aber der Fokus eines Praktikums auf der Erbringung von Arbeitsleistung, handelt es sich um ein Arbeitsverhältnis. Der Praktikant ist dann ein "Arbeitnehmer" – und kann auch die entsprechende Vergütung einfordern.

Ist eine erneute Probezeit im Ausbildungsverhältnis nach dem Praktikum, wie in Manuels Fall, überhaupt zulässig? Wenn es sich um ein vorgeschaltetes Praktikum im gleichen Unternehmen als Vorbereitung zu einem Ausbildungsverhältnis handelt, kann es unter bestimmten Umständen auf die Probezeit einer Ausbildung angerechnet werden. Eine erneute Probezeit zu Beginn der Ausbildung ist dann unter Umständen sogar überhaupt nicht zulässig.

Allerdings ist im Streitfall der Auszubildende in der Beweispflicht. Und die Gerichte urteilen hier sehr unterschiedlich. Ein Praktikumsbericht mit allen Tätigkeiten und Bereichen, in die Einblick gewährt wurde, ist oftmals von Vorteil. So auch im Fall von Manuel: Weil er während seines Praktikums schon die gleichen Tätigkeiten ausgeübt hat wie Auszubildende im ersten Lehrjahr.
Ob ein Praktikum in Vorbereitung auf eine Ausbildung seriös ist, kann auch daran gemessen werden, wie die Chancen stehen, anschließend in ein Ausbildungsverhältnis übernommen zu werden. Liegt schon ein vorbereiteter Ausbildungsvertrag vor, ist auf jeden Fall der gute Wille des Unternehmens erkennbar. Wenn es auf 20 Praktikantenstellen einen Ausbildungsplatz gibt und das Unternehmen von PraktikantInnen lebt, die dort als vollwertige Arbeitskräfte eingebunden sind, sollte man skeptisch sein.

Tipp: Oftmals ist es sinnvoll, mit den Auszubildenden, die bereits im Unternehmen sind, Kontakt aufzunehmen und nachzufragen, wie das Klima im Unternehmen ist und wie viele PraktikantInnen es dort gibt.

Falls schon während des Praktikums die Signale schlecht sind, ist es wichtig, sich schnell nach einer neuen Praktikanten- oder Ausbildungsstelle umzusehen. Auch während des Praktikums kann gekündigt werden, ganz wie in einem normalen befristeten Arbeitsverhältnis. Im Klartext: Entweder fristlos aus "wichtigem Grund", in Einvernehmen mit dem Arbeitgeber in Form eines Aufhebungsvertrages oder "ordentlich", wenn dies im Praktikumsvertrag vereinbart worden ist.

Zu guter Letzt: Wie sieht es mit einem Praktikumszeugnis aus? Als Praktikant hat man auch Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis, d.h. es muss Angaben über Art, Dauer und Ziel des Praktikums und über erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse enthalten.

Hier gilt der Grundsatz der Wahrheitspflicht: Fordert der Praktikant ein überdurchschnittlich gutes Zeugnis, so hat er die besseren Leistungen nachzuweisen.

Schreibt der Arbeitgeber ein unterdurchschnittliches Zeugnis, so ist er in der Beweispflicht, was die Leistungen des Praktikanten angeht.


(aus der Soli aktuell 6/11, Autorin: Julia Kanzog)

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