Deutscher Gewerkschaftsbund

Auf schmaler Spur

Bildung soll per Niveau-Ranking europaweit vergleichbar werden. Die könnte damit ganz schnell niveaulos werden, warnt Marco Frank

Wenn Auszubildende für ihre Ausbildung ins Ausland gehen, stehen sie zumeist vor einem gewaltigen Problem: Wird sie auch zu Hause anerkannt? Zu unterschiedlich sind die Ausbildungssysteme, zu unübersichtlich die vielen Abschlüsse.

Das soll sich nun ändern. Nach den Unis soll in der EU die Berufsausbildung vereinheitlicht werden. EQR und ECVET heißen die Abkürzungen, die das ermöglichen sollen. EQR steht für "Europäischer Qualifikationsrahmen": Er stellt den Versuch dar, alle Bildungsniveaus innerhalb Europas vergleichbar zu machen. Vom angelernten Arbeiter über den Gesellen bis zum Doktor an der Uni. Acht Niveaus sollen ausreichen, um das Können Aller einstufen zu können.

European Credit System for Vocational Education and Training (ECVET) heißen die Kreditpunkte, die es für einzelne Ausbildungsleistungen geben soll – vergleichbar mit den Punkten, die es bereits für Vorlesungen und Seminare an den Unis gibt.
Nun hat die EU-Kommission Details vorgelegt. In den mehr als 30.000 europäischen Berufsbildungseinrichtungen soll es für einzelne Teilqualifikationen einheitliche Punkte geben – ein Megavorhaben, das sich die EU da vorgenommen hat.

27 Länder, acht Niveaus, ein absehbares Chaos. Denn wenn man allein die Berufsbildung in Deutschland und Frankreich nebeneinanderstellt, kommen einem Zweifel, ob sich die Ausbildungssysteme so leicht übertragen lassen. Die Vorgabe der Politik ist klar: Bis 2010 sollen alle EU-Staaten festlegen, wie ihr System in den europäischen Rahmen eingepasst werden kann. Hinter den Kulissen wird derweil heftig gefeilscht. Jedes Land wird sich dafür einsetzen, dass die eigenen Abschlüsse so hoch wie möglich eingestuft werden.

Doch auch innerhalb der Länder tobt eine Auseinandersetzung. Einer der Streitpunkte in Deutschland: Die FacharbeiterInnen werden wohl nicht einem einheitlichen Niveau zuzuordnen sein. Während eine Friseurin auf Niveau 3 landen könnte, könnte eine Bankkauffrau Niveau 4 oder 5 bekommen – bei gleicher Ausbildungsdauer.

Denn das ist der Paradigmenwechsel beim EQR: Es geht nicht darum, Ausbildungszeiten aufzurechnen, sondern tatsächlich erlernte Kompetenzen, Kenntnisse und Fähigkeiten zu erfassen, sprich: wieviel jemand kann.

Für Unmut sorgen auch die ECVET-Kreditpunkte, die es für kleine Ausbildungshäppchen geben soll, so genannte Module. "Kategorien, die aus der Perspektive der deutschen Berufsbildung problematisch sind", heißt es in der Expertise "Berufsbildungsperspektiven 2008" des wissenschaftlichen Beraterkreises von ver.di und IG Metall. Denn mit der Bewertung von kleineren Lerneinheiten drohe "die Erosion ganzheitlicher Berufsbildungsgänge". Soll heißen: das Ende der rund 340 Ausbildungsberufe, auf die man in Deutschland so stolz ist. Das neue Punktemodell entspricht eher dem englischen Vorbild, wo bereits für das Erlernen einfachster Tätigkeiten Zertifikate vergeben werden.

Doch auch mit den Unis gibt es Ärger. Denn das deutsche Handwerk findet, dass der Meister mindestens dem Bachelor-Abschluss an Unis gleichzusetzen ist. Die Hochschulen finden: Die obersten drei Niveaus sollten für Doktor, Master und Bachelor reserviert sein – erst darunter können sich dann die NichtakademikerInnen tummeln.

In allen EU-Ländern streiten sich die Interessengruppen über die Einstufung ihrer Ausbildungen. Was ist wieviel wert? Wer kann was? Wer steht über wem? Dabei besteht die Gefahr, dass es in erster Linie darum geht, Abschlüsse anzurechnen und einzuordnen – und weniger darum, Kompetenzniveaus zu beschreiben. Die hochwertige duale Ausbildung in Deutschland kann jedoch durchaus mit einem entsprechenden Bachelor-Abschluss in einem europäischen Nachbarland gleichgesetzt werden.

Deshalb: Es darf nicht dazu kommen, dass schmalspurige Bildungsnormen durch die Hintertür eingeführt werden. Vielmehr muss es darum gehen, auf der Grundlage breiter Qualifikationen Transparenz und Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erwirken.


(aus der Soli extra "Europa sozial", Mai 2008, Autor: Marco Frank,  politischer Referent der DGB-Jugend, Schwerpunkt Ausbildung)

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