Deutscher Gewerkschaftsbund

Praktikum? Prima Sache!

Über die Zukunft eines gesetzlich weiterhin nicht geregelten Zustands wurde auf der Fachtagung "Dialog Praktikum" am 24. November 2011 in Berlin diskutiert.


Es besteht kein Rechtsanspruch des Praktikanten auf eine Praktikumsvergütung. Eine Vergütung wird dementsprechend von der Praktikumsstelle nicht gezahlt." So steht es nach wie vor im Mustervertrag für ein Praktikum beim Deutschen Bundestag.

Was ist eigentlich ein Praktikum? Ein Lernverhältnis? Ein besonders prekärer Berufseinstieg? Verdrängung von Normalarbeitsverhältnissen?

Seit einigen Jahren nun werden diese Fragen diskutiert, Studien wurden in Auftrag gegeben, es gab Petitionen. Auf die Vorschläge seitens der Gewerkschaften, das Praktikum gesetzlich zu regeln, reagieren Arbeitgeber und Politik aber nach wie vor wie von der Tarantel gestochen.

Um den (Still-)Stand der Dinge zu überprüfen, haben die Bundesministerien für Arbeit und Soziales (BMAS) bzw. Bildung und Forschung (BMBF) daher gemeinsam mit dem DGB und der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BdA) eine Fachtagung zum Thema organisiert. "Dialog Praktikum" hieß die eintägige Veranstaltung am 24. November 2011 im Umspannwerk Berlin-Kreuzberg. Etwa 100 Besucher – Gewerkschafter, Chefinnen, Ministerialdirigenten und Unternehmensberaterinnen – waren gekommen.

Und natürlich Praktikantinnen und Praktikanten. Denn das BMAS hat jetzt, wo es nicht gesetzlich werden will, immerhin Richtlinien für ein gutes Praktikum beim Bund erlassen. Dort genannt: mindestens 300 Euro monatlich, Vertrag, Ausbildungsplan.

Vergütung zum Beispiel ist eminent wichtig: "Meine zwei Kinder sind ganz aus dem Häuschen", berichtet BMAS-Abteilungsleiter Rainer Schlegel. Die haben gerade ein Praktikum begonnen – und dann auch Geld dafür bekommen, natürlich im üblichen Rahmen. "Obwohl das ungleich weniger ist, als ich ihnen zustecke", setzt er lakonisch hinzu.

Ja, ohne Eltern geht leider gar nichts. Gut, wer welche hat. Denn viele können sich ihr Praktikum nicht leisten, zumal wenn es in einer deutschen Großstadt stattfindet. Miete, Fahrtkosten, Unterhalt – das lässt sich von der Vergütung, sofern es denn eine gibt, ohne Unterstützung nicht bestreiten.

Aber vielleicht ist das ja auch nicht nötig. Denn junge Menschen leben heute vorwiegend mobil im Internet, und dafür gibt es bekanntlich eine Allnet-Flat. Dementsprechend sitzen als Vertreter der digital natives nun die Jungautoren Klaus Raab und Rick Noack auf dem Podium. Der eine schreibt Bücher über junge Leute in sozialen Netzwerken. Der andere ist gleich dort eingezogen. Raab: "Wir sind online, wo seid ihr?" Noack: "Ich mache alles im Internet. Nur schlafen und mit Mama streiten nicht."

Aber das lässt sich sicher verbessern. Arbeitszeiten, berichten die beiden, seien heute nicht mehr zeitgemäß. Weil man 24 Stunden online sei, erübrige sich die Debatte über die Verfügbarkeit von Arbeitskraft.

Während Raab sich aber durchaus Gedanken macht, was mit denen ist, die durchs soziale Netz fallen, das – anders als das flächendeckende Web – eher löchrig ist, rät Noack den Unternehmen, nicht "uncool" zu sein: Wieso könne man sich eigentlich noch nicht über Twitter bewerben?

Den Rest erledigt der Fachkräftemangel. Viele Erfolgreiche sind gekommen, für die der Berufsstart mitnichten prekär ist. Von der "Generation Praktikum", die in den letzten Jahren ganz schnell eine "Generation Prekär" wurde, ist nichts zu spüren. "Generation Leistungsbereitschaft" trifft es eher, legen die Ausführungen nahe. Noack: "Wir sind die Leute, die nie Zeit haben."

Schön für manche, aber nicht für alle. In einer weiteren Diskussionsrunde weist DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf darauf hin, dass erstens nicht alle HochschülerInnen über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, um sich ein Praktikum leisten zu können.

Und zweitens sind nicht alle PraktikantInnen Studierende: Praktika gibt es auch nach der dualen Ausbildung. So werden in manchen Branchen gar Ausgelernte in ein Praktikum übernommen statt in ein Arbeitsverhältnis. Denn denen fehlt ja – was war gleich noch mal duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule? – die Betriebspraxis. Manche Arbeitgeber lassen junge Menschen gar noch vor der Ausbildung in der Praktikaschleife rotieren.

"Da hilft nichts, auch kein Gesetz", weiß Schlegel. Dies seien Fälle fürs Gericht, schwarze Schafe gebe es immer. Vielleicht liest man ja auch im Bundestag demnächst mal die Richtlinie.

Rudolf wusste zu berichten, dass sich für die Gewerkschaften mittlerweile ein sehr differenziertes Bild ergibt: "Wir haben sehr gute Unternehmen, die faire Praktika anbieten und so Nachwuchskräfte gewinnen." Ansonsten werfe viel Licht auch viel Schatten.

Die Betriebe sind durchaus sensibel geworden für die Diskussion. Nicht zuletzt auch wegen des von Raab und Noack ins Feld geführten social networking: Wer in seinem Laden Mist mit jungen Leuten baut, steht auch schon mal ganz schnell im Bewertungsportal. Denn das Firmen-Image haben Arbeitgeber nicht mehr ganz in der eigenen Hand. Rudolf: "Am besten ist eine Win-Win-Situation" – die Betriebe arbeiten vernünftig, junge Leute finden einen Einstieg.

Wie oft das passiert, darüber streiten sich die ExpertInnen. Rudolf weiß von einem "Klebeeffekt" von rund 20 Prozent, Diskussionspartner Alexander Böhne vom BdA glaubt an 50. Die DGB-Jugend will trotzdem eine gesetzliche Regelung der Praktika-Konditionen. Denn es gibt Branchen, in denen die prekäre Einstiegsbeschäftigung die Regel ist. Böhne: "Missbrauch gibt’s kaum. Die Generation P ist erledigt."

Dann wäre aber keiner auf der Tagung. "Missstände gibt es", kontert Rudolf. "Wir sind heute hier, weil das BMAS deshalb einen Leitfaden herausgibt – und kein Gesetz will."

Im Jahr 2007 hatte es eine baugleiche Veranstaltung schon einmal gegeben. Damals drängte der SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz auf ein Gesetz, wurde aber vom BMBF ausgebremst. Heute regiert Schwarz-Gelb – stehen die Chancen nun besser?

"Wir wollen", sagt BMAS-Mann Schlegel, "keinen Überwachungsstaat!"


(aus der Soli aktuell 11/12, Autor: Jürgen Kiontke)

WIR IM SOCIAL WEB