Deutscher Gewerkschaftsbund

Praktis Europas, vereinigt euch!

Nicht nur in Deutschland sieht es prekär aus für PraktikantInnen. Wie es bei unseren Nachbarn bestellt ist, sagt Frauke Austermann.

Was noch vor einigen Jahren als durchweg positiv bewertet wurde – als wichtige Ergänzung des Studiums und entscheidender Karrierefaktor –, hat sich heute in eine Form prekärer Beschäftigung gewandelt: das Praktikum. Aufgrund mangelnder gesetzlicher Regelung gibt es unzählige Fälle, in denen PraktikantInnen ausgenutzt werden: Sie werden nicht oder schlecht bezahlt, unzureichend abgesichert oder sollen reguläre Arbeitskräfte ersetzen. Dabei hat die Tätigkeit oft wenig mit dem Studium oder dem beruflichen Ziel zu tun.

Es geht vor allem um SchülerInnen, Studierende, inzwischen auch Hochschul-AbsolventInnen. In vielen Ländern Europas hat sich unter den jungen Akademikerinnen eine »Generation Praktikum« gebildet, die trotz Uni-Abschluss, guter Noten und Praxiserfahrung nach dem Magister oder Diplom große Schwierigkeiten hat, in ein Normalbeschäftigungsverhältnis zu kommen.


Frankreich – Mutter der Stagiaire-Bewegung


Mit einem Internetaufruf zum PraktikantInnenstreik im September 2005 brachte Cathy, Gründerin des Kollektivs Génération-Précaire, den Stein ins Rollen. Die unter einem Synonym auftretende 33-jährige Diplomierte hatte nach unzähligen Praktika ohne Aussicht auf Festanstellung genug. Seither kämpft sie zusammen mit dem Kollektiv und der gewerkschaftsnahen Studierendenschaft UNEF für die französischen »stagiaires« (PraktikantInnen).

Der politische Druck, den sie ausüben, ist hoch. Kurz vor der politischen Sommerpause haben sich Arbeitsminister Xavier Bertrand, Bildungsministerin Valérie Pécresse und Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde mit ihnen an einen Tisch gesetzt. Die jungen Prekären bestanden auf ihren Forderungen: Sie wollen einen rechtlichen Status für PraktikantInnen, einen Mindestlohn (500 Euro netto für Praktika bis drei Monate, 800 Euro ab dem vierten Monat), eine Begrenzung von Praktika auf maximal sechs Monate und eine Quote in Unternehmen (nicht mehr als zehn Prozent der gesamten Belegschaft dürfen PraktikantInnen sein).

Bei ihrem Kampf sind die Aktiven sehr kreativ. Während des Winterschlussverkaufs 2005 stellten sie sich neben die Schaufensterpuppen der Galeries Lafayette mit dem Hinweis »Praktikant zu verscherbeln«, um darauf aufmerksam zu machen, dass auch das weltbekannte Kaufhaus auf die Billigstarbeitskräfte zurückgreift. Bei einem Musikproduzenten klingelten sie mit Putzeimern und Besen, um bekannt zu machen, dass das Unternehmen Reinigungskräfte durch unbezahlte PraktikantInnen ersetzt.

Bei ihren Performances tragen sie stets die mittlerweile europaweit bekannten weißen Masken. Damit bleiben sie unerkannt und schützen sich selbst vor Rache oder Verfolgung. Zugleich haben sie ein Symbol für den recht- und damit gesichtslosen Praktikanten geschaffen.

Diese Aktionen sind bei Journalisten beliebt, die die Génération-Précaire generell einlädt – Resultat ist, dass das Kollektiv mit seinen Forderungen seit zwei Jahren kontinuierlich in den Medien bleibt. Zwar hat das französische Parlament seither eine Praktika-Satzung verabschiedet, die Regelungen sind aber laut Génération-Précaire und UNEF keineswegs ausreichend.


Österreich – Prekarität in der Alpenrepublik

In Österreich boomt prekäre Beschäftigung in Form von Praktika ebenso wie in Deutschland und Frankreich. Mario Lindner, bis vor kurzem Bundesjugendsekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), sagt, dass Praktika in 90% der Kollektivverträge nicht berücksichtigt werden. »Es handelt sich vor allem um eine Einstufungsproblematik.« Daher fordert der ÖGB eine klare gesetzliche Definition.

Neben der wichtigen gewerkschaftlichen Arbeit in Sachen Praktikum verweist Lindner auch auf die Zusammenarbeit mit unabhängigen Vereinen: Was den deutschen PraktikantInnen der Verein Fairwork e.V. ist und den Franzosen Génération-Précaire, ist den Österreichern die Plattform Generation Praktikum. Diese wurde von der Studienabsolventin Anna Schopf ins Leben gerufen, deren Profil dem von Cathy von Génération-Précaire oder Bettina König, Gründerin von Fairwork e.V., ähnelt. Hochmotiviert, mit besten Zeugnissen und Praktika während des Studiums, bekam Schopf auch nach dem Diplom nur Praktika angeboten. Und danach ging es prekär weiter: Geringfügig beschäftigt widmete sie sich einem Sozialforschungsprojekt – auf Werkvertragsbasis.

»Generation Praktikum« soll das ändern: »Erstens wollen wir abgesicherte Praktika-Rahmenbedingungen für Studierende, das heißt zeitliche Begrenzung, soziale Absicherung in Form eines Kollektivvertrags«, sagt Schopf. »Zweitens wollen wir die Abschaffung von Praktika für Absolventen.«

Obwohl die Plattform auch viel Öffentlichkeitsarbeit betreibt, ist die österreichische Version der Generation Praktikum weniger medienorientiert als die in Frankreich. Der Schwerpunkt liegt auf der wissenschaftlichen Analyse des Phänomens. Kurz nach der Gründung der Plattform führten die Mitglieder in Eigenregie eine Online-Erhebung durch. Kürzlich veröffentlichten sie die 50-seitige Studie »Arbeit ohne Wert«.


Brüssel – Ausbeutung in den EU-Institutionen

Es ist wohl der Traum zahlreicher Studierender und Diplomierter europaweit, ein Praktikum bei der EU in Brüssel zu absolvieren. Denn das verleiht nicht nur dem Lebenslauf das ultimative i-Tüpfelchen, viele erhoffen sich auch einen direkten beruflichen Einstieg bei den Institutionen der Europäischen Union. Doch schon bei den Praktika wird knallhart gesiebt. Dafür verdienen sie zumindest das Gütesiegel »fair«. Ausgestattet mit einem detaillierten Praktikumsvertrag, vergütet mit ca. 900 Euro pro Monat und organisiert in entsprechenden Vereinigungen, die für gute Arbeitsbedingungen Sorge tragen, sind diese »offiziellen« EU-PraktikantInnen hochzufrieden.

Allerdings gibt es neben den offiziellen Praktika noch eine Reihe anderer Möglichkeiten, in Brüssel zu hospitieren. Zum Beispiel bei einem Abgeordneten des Europaparlaments. Das ist allerdings erheblich ungeregelter.

Der Deutsche Andreas Thalmann*, 25, diplomiert in Europastudien, arbeitete ein halbes Jahr mehr als zehn Stunden täglich für eine Parlamentarierin – umsonst. Die italienische Studentin Elena Di Martino* konnte mit 300 Euro im Monat kaum ihre Zimmermiete bezahlen: »Deswegen kellnere ich nach der Arbeit bis 24 Uhr in einer Kneipe. Der Arbeitstag ist mit 14 Stunden wirklich lang«, so die 21-jährige.

Zwar haben PraktikantInnen, die einen Arbeitsvertrag unter belgischem Recht abgeschlossen haben, Anrecht auf den örtlichen Mindestlohn. Die Rechte von PraktikantInnen in internationalen Organisationen oder Unternehmen sind aber eine Grauzone. Es gilt teils das belgische, teils das Recht des Landes, aus dem der Abgeordnete kommt oder in dem das Lobbyunternehmen seinen Sitz hat.

»Da der Status von Praktikanten sowieso kaum geregelt ist, herrschen in Brüssel chaotische Verhältnisse, die Ausbeutung ermöglichen«, sagt Kim Smouter, Vorsitzender der PraktikantInnen-Vereinigung des Europaparlaments EPSA. Um das Schlimmste zu verhindern, hat er Anfang 2007 die erste Organisation für die »inoffiziellen« PraktikantInnen des Parlaments gegründet. »Wir Parlamentarier-Praktikanten haben keine offizielle Lobby wie die in der Verwaltung der Institutionen«, sagt der junge Belgier.

Deshalb sei es besonders schwierig gewesen, eine entsprechende Organisation zu etablieren. Smouter: »Weder das Parlament noch die Verwaltung baut Strukturen für eine Interessenvertretung auf. Das müssen wir schon selber tun. Aber Praktikanten kommen und gehen, da fällt das schon schwer.«
*Namen von der Redaktion geändert.


(aus der Soli extra "Jung und prekär", Herbst 2007, Autorin: Frauke Austermann)

Zusatzinfos: Euro prekär


Frankreich

Nach Schätzungen des französischen Wirtschafts- und Sozialrates gibt es jährlich ca. 800.000 PraktikantInnen in Frankreich. Das Pariser Pendant zu unserer Arbeitsagentur, APEC, schätzt, dass über 90% der Uni-AbsolventInnen mindestens ein Praktikum gemacht haben, 50% drei oder sogar mehr. Die Zahl der Stellenausschreibungen für Praktika ist in den letzten Jahren geradezu explodiert: Der Energiekonzern EDF-GDF zum Beispiel steigerte sein Praktikumsangebot in den letzten fünf Jahren um 340%. Das Verhältnis PraktikantInnen – Festangestellte stimmt ganz und gar nicht mehr: So bot der Bankkonzern Société Générale im Jahr 2005 rund 5.000 Praktika an, stellte jedoch nur 1.400 junge AbsolventInnen neu ein.
www.generation-p.org


Österreich

Die Zahl der akademischen Arbeitslosen hat sich in Österreich innerhalb der letzten sechs Jahre verdoppelt, wie die Arbeiterkammer Wien mitteilt. Laut der neuen Studie »Arbeit ohne Wert« der Plattform Generation Praktikum absolvieren 59% der HochschulabgängerInnen nach dem Diplom ein oder mehrere Praktika. 20% der Praktika dauern länger als vier Monate. Ein Drittel aller Praktika ist komplett unbezahlt und 40% erhalten zwischen 100 und 700 Euro. Auffallend ist, dass Frauen insgesamt mehr Praktika machen und schlechter bezahlt werden als Männer.
www.generation-praktikum.at


Brüssel/EU

Nach Informationen der verschiedenen PraktikantInnenbüros der EU-Institutionen bewerben sich jedes Jahr 28.000 Studierende um ein Praktikum; 93 bis 96% schaffen es nicht über den offiziellen Weg nach Brüssel. Die meisten dieser »offiziellen« Praktika bei den Verwaltungen der Institutionen sind ordentlich geregelt (Stipendium von ca. 900 Euro, Maximaldauer sechs Monate). Es gibt jedoch hunderte von »inoffiziellen« PraktikantInnen, z.B. in den Abgeordnetenbüros des Europaparlaments. Hier hängt es vom »guten Willen« des Parlamentariers ab, ob er ein faires Praktikum anbietet oder nicht. Deshalb gibt es auch in den EU-Institutionen zahlreiche Fälle von PraktikantInnenausbeutung. Die etwa 8.000 ständigen weiteren PraktikantInnen, die in den Lobby-Verbänden und –Organisationen mit um die Gunst der EU-Politiker buhlen, bleiben davon keineswegs verschont.
ESPA (Kontakt): michael.cashman-assistant2@europarl.europa.eu


Generation P

Generation P ist ein europaweites PraktikantInnennetzwerk, das die DGB-Jugend zusammen mit dem deutschen Verein Fairwork e.V. und der französischen Génération-Précaire im Dezember 2005 gegründet hat. Ziel ist eine europaweite Vernetzung und Lobby der PraktikantInnen Europas. Am 1. April 2006 fand ein erster europaweiter PraktikantInnen-Aktionstag statt. Generation P bereitet eine Petition für das Europa-Parlament vor, die voraussichtlich zum PraktikantInnen-Tag 2008 in den entsprechenden Ausschuss eingereicht werden soll.

Derzeit gehören dem Netzwerk sechs Organisationen an: Neben der DGB-Jugend, Fairwork e.V. und Génération-Précaire haben sich die österreichische Plattform Generation Praktikum, die Brüsseler PraktikantInnen-Organisation des Europaparlaments, EPSA, und die italienische Generazione 1000 angeschlossen.
www.fairwork-ev.de


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