Deutscher Gewerkschaftsbund

Gewerkschaften gestalten mit

Die IG BCE-Jugend hat sich entschieden: Sie will mitmischen. Ideen muss man eben selber haben, meint Francesco Grioli – und verweist auf einen einzigartigen Tarifvertrag in Sachen Ausbildung.

Wohin geht’s?

»Die Mitbestimmung hat sich von der Gegenmacht zur Gestaltungsmacht emanzipiert«, wusste VW-Vorstand Peter Hartz schon 1998 zu berichten. So freut sich der Arbeitgeber.

Sind Gewerkschaften nun ein Haufen Reformblockierer oder Mitmacher in Modelldeutschland? Auch in den Organisationen selbst kommt es – nicht zuletzt auf DGB-Bundesjugendkonferenzen – immer wieder zum grundsätzlichen Schlagabtausch darüber, was die Arbeitnehmerorganisationen sein sollten: serviceorientierte Dienstleistungsanbieter oder kampfbereite Gegenmacht.

Dies ist eine sehr alte und dennoch aktuelle Diskussion – wahrscheinlich verlaufen ihre Grenzen durch jeden einzelnen mitten hindurch. Soli aktuell lässt daher zwei ambitionierte Jugendgewerkschafter von der Kette, um diese Frage zu klären. Oder um alle Klarheiten zu beseitigen?





Tarifpolitik

Die IG BCE hat in den letzten Jahren ihre innovative Tarifpolitik weiterentwickelt. Auch der Jugendbereich hat hier kräftig mitgemischt und die Themen der Tarifverhandlungen mitbestimmt. Die IG BCE-Jugend hat sich in den vergangenen zwei Jahren dafür eingesetzt, dass die Ausbildungsplatzentwicklung in den Tarifrunden eine zentrale Rolle spielt.

Anstatt zu warten, bis der Gesetzgeber tätig wird, sind wir dafür eingetreten, in Tarifverträgen Lösungen für eine bessere Ausbildungsplatzsituation zu finden. So haben wir in der chemischen Industrie 2003 den Tarifvertrag »Zukunft durch Ausbildung« abgeschlossen. Über einen Zeitraum von vier Jahren ist eine Steigerung der Ausbildungsplatzzahlen von sieben Prozent vereinbart worden. Schon 2004 konnten die Ausbildungsplätze um über vier Prozent gesteigert werden.

Auch in anderen Branchen der IG BCE sind ähnliche Tarifverträge abgeschlossen worden. Alle haben das gleiche Ziel – die Steigerung der Ausbildungsplätze. Die IG BCE-Jugend hat zum richtigen Zeitpunkt gehandelt und dafür gesorgt, dass mehr Ausbildungsplätze zu Verfügung gestellt werden konnten.


Berufsbildungspolitik

Auch in dem Themen der Berufsbildung hat sich die IG BCE-Jugend in den vergangenen Jahren stark gemacht. Die Qualität der Berufsausbildung hat für uns dabei oberste Priorität. Wir haben unsere Chemieberufe neugeordnet und sie auf die aktuellen Gegebenheiten im Betrieb angepasst. Neue Technologien/Verfahrensabläufe, neue Arbeitsorganisationen, Strukturveränderungen in den Betrieben und das Erproben von neuen Prüfungsmodellen haben dabei Berücksichtigung gefunden. Wir haben somit sichergestellt, dass die Jugendlichen eine Berufsausbildung erhalten, die zielgerichtet ist und Zukunftschancen hat.

Das Vorhaben der Bundesregierung, zweijährige Berufe zu schaffen bzw. zu überarbeiten, haben wir nicht unterstützt. Die Auffassung der Bundesregierung und vieler Arbeitgeber, dass benachteiligte und lernschwächere Jugendliche kürzer lernen sollen, teilen wir nicht. Wir vertreten die Position, dass genau diesen Jugendlichen mehr Zeit gegeben werden muss, um einen Ausbildungsberuf zu erlernen. Deshalb haben wir uns in den letzten Jahren immer wieder in den Betrieben stark gemacht, Jugendlichen Starthilfemöglichkeiten anzubieten.

Nach den Plänen der Bundesregierung wäre es in unserem Organisationsbereich zu der Schaffung von drei neuen Berufsbildern gekommen (Kunststoffwerker, Pharmawerker und Chemiewerker). In konstruktiven Dialog mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie konnten wir die Einführung dieser Berufsbilder verhindern. Als Kompromissergebnis werden wir jetzt ein zweijähriges, seit dem Jahr 1938 bestehendes Berufsbild – den Chemiebetriebsjungwerker – neu ordnen und zur Fachkraft für Produktionstechnik weiter entwickeln.

Unser Durchhaltevermögen und unsere überzeugenden Argumente haben dazu geführt, dass nun nur noch der eine Ausbildungsberuf zur Neuordnung ansteht.

Darüber hinaus ist es uns gemeinsam mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie gelungen, eine Erklärung abzufassen, die eine zweijährige Ausbildung nur als Ausnahmefall betrachtet. Nach der gemeinsamen Erklärung wird es auch keinen Verdrängungswettbewerb von dreieinhalbjährigen hin zu zweijährigen Berufen geben, sondern vielmehr sollen durch das neu geordnete Berufsbild mittelfristig mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden. Im Ergebnis haben wir an dieser Stelle unsere Gestaltungskraft als IG BCE genutzt, um auch benachteiligten Jugendlichen eine Chance auf einen qualitativ guten Ausbildungsberuf geben zu können.


Modell Deutschland – Zuerst der Mensch

Den Reformprozess in Deutschland hat die IG BCE immer für notwendig erachtet und unterstützt. Das Modell Deutschland muss erneuert werden, unter dem Grundsatz: Zuerst der Mensch. Die unter diesem Motto »Modell Deutschland – Zuerst der Mensch« angelegte Kampagne der IG BCE lädt alle ein, gemeinsam die Reformen im Sozialstaat zu diskutieren. Wir wollen mitmischen und mitgestalten bei der Frage der künftigen Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft. Wir wollen Verantwortung übernehmen, für die Reformen, die den Sozialstaat Deutschland zukunftsfähig machen.

Die IG BCE-Jugend hat im Rahmen dieser Kampagne drei Themenfelder (»Big Points«) aufgegriffen. Unsere »Big Points« sind Generationengerechtigkeit, Bildung und Tarifautonomie/Mitbestimmung. Diese Themen haben wir ausgewählt, weil sie Jugendliche direkt betreffen, aber nicht von ihnen diskutiert und mitgestaltet werden. Jugend ist nicht unpolitisch, Jugendliche nehmen sehr wohl wahr, was in ihrem Umfeld passiert. Oft fehlt es allerdings am Hintergrundwissen, um sich fachlich an Diskussionen zu beteiligen. Und somit finden die Zukunftsdebatten ohne die Beteiligung von jungen Menschen statt.

Wir möchten mit dieser breit angelegten Kampagne Jugendliche auf das politische Parkett zurückholen und ihre Gestaltungskraft nutzen und weiter ausbauen. Es geht nicht mehr nur allein darum, Anforderungen an ein System zu stellen. Wir wollen mitverantwortlich sein für das, was mit unserer Zukunft passiert. Die IG BCE-Jugend wird eigene Ideen entwickeln zum künftigen Renten- und Gesundheitssystem. Wir wollen eine breite Aufklärung über die Vorteile und die damit verbundenen Errungenschaften von Tarifautonomie und Mitbestimmung. Und wir werden unsere Vorstellung zur Chancengleichheit, Qualität und Finanzierung der Bildung entwickeln. Die IG BCE-Jugend wird eigene Positionen entwickeln und ihr Profil schärfen. Damit wollen wir uns in Debatten mit den Verantwortlichen begeben und so Einfluss nehmen und mitgestalten.

Francesco Grioli (E-Mail: francesco.grioli@igbce.de) ist Bundesjugendsekretär der IG BCE.


(aus der Soli extra „Her mit dem schönen Programm“, Frühjahr 2005, Autor: Francesco Grioli)

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