Deutscher Gewerkschaftsbund

Gewerkschaft als Gegenmacht

Deutschlandmodelle hält man bei der ver.di-Jugend für romantisch. Die politischen Gegner der Gewerkschaften verfügen über Kapital, Medien und Netzwerke. Dass Gewerkschaften die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um dieser Macht etwas entgegenzusetzen, ist nicht mehr als recht und billig, sagt Matthias Lindner.

Wohin geht’s?

»Die Mitbestimmung hat sich von der Gegenmacht zur Gestaltungsmacht emanzipiert«, wusste VW-Vorstand Peter Hartz schon 1998 zu berichten. So freut sich der Arbeitgeber.

Sind Gewerkschaften nun ein Haufen Reformblockierer oder Mitmacher in Modelldeutschland? Auch in den Organisationen selbst kommt es – nicht zuletzt auf DGB-Bundesjugendkonferenzen – immer wieder zum grundsätzlichen Schlagabtausch darüber, was die Arbeitnehmerorganisationen sein sollten: serviceorientierte Dienstleistungsanbieter oder kampfbereite Gegenmacht.

Dies ist eine sehr alte und dennoch aktuelle Diskussion – wahrscheinlich verlaufen ihre Grenzen durch jeden einzelnen mitten hindurch. Soli aktuell lässt daher zwei ambitionierte Jugendgewerkschafter von der Kette, um diese Frage zu klären. Oder um alle Klarheiten zu beseitigen?

Lest den folgenden Beitrag und diesen.



Gewerkschaft als Gegenmacht – viel unpopulärer kann ein Titel für einen Beitrag über die Rolle von Gewerkschaften derzeit wohl kaum gewählt sein. Gegenmacht zu sein ist heute ähnlich populär wie Betonköpfe, Blockierer und ewig Gestrige und gehört in die gleiche Liga.

Dabei gab es Zeiten, da gehörte denen, die dagegen waren, die mediale Aufmerksamkeit und die Sympathie großer Teile der Bevölkerung. Wie war das noch damals in Wackersdorf oder Gorleben? Waren diese Menschen nicht auch gegen Atomkraft? Sie stellten mit ihrem Protest eine Gegenmacht dar, die gleichzeitig zu einem energiepolitischen Umdenken führte. Diese Proteste hinterfragten die Energiepolitik und ebneten den Weg für die forcierte Erforschung regenerativer Energiequellen. Nicht zuletzt führten sie durch die Entstehung der Grünen zu einer Veränderung der Parteienlandschaft.

Und wie ist das derzeit im Bundestag und überall, wo sich Demokraten treffen? Sind nicht alle gegen das Widererstarken der Neonazis; gegen Demonstrationszüge von braunem Gesindel durch das Brandenburger Tor? Das sind sie und, darin werden alle mit mir übereinstimmen, es ist auch gut und richtig so.

Dies bedeutet doch aber im Umkehrschluss, das es nicht per se schlecht, betonköpfig und antiquiert ist, gegen etwas zu sein. Es kommt vielmehr darauf an, wogegen man ist.

Gewerkschaften positionieren sich heute ganz deutlich gegen bestimmte Entwicklungen, vergessen es aber gleichzeitig nicht, im selben Atemzug zu benennen, wofür sie stattdessen sind. Die ver.di-Jugend hat ein klares Bild davon, wie die Gesellschaft beschaffen sein soll, in der wir leben möchten. Hier folgen wir einem moralischen und werteethischen Leitbild. Nach diesem Bild untersuchen wir die Wirklichkeit und machen auf Missstände aufmerksam.

Dass es Interessengruppen gibt, die einem anderen Leitbild folgen, ist Teil einer pluralistischen Gesellschaft. Im Wettstreit der Ideen sind die Rollen aufgrund der vorherrschenden Machtverhältnisse klar verteilt. Die politischen Gegner von Gewerkschaften verfügen über Kapital, Medien und Netzwerke und können ein hohes Maß an Macht auszuüben. Auch das ist legitim. Dass Gewerkschaften die Ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um dieser Macht etwas entgegenzusetzen, ist nicht mehr als recht und billig. Dies tun Gewerkschaften jedoch nicht aus der Motivation heraus, einfach mal gegen etwas zu sein, sondern aus der Sorge um die Arbeitsbedingungen der Menschen die sich gewerkschaftlich organisiert haben und aus dem Verantwortungsbewusstsein heraus, dass Macht auch etwas mit sozialer Verantwortung zu tun hat.

Gerade in den letzten Monaten lässt sich in Deutschland ein ziemlich mulmiges Gefühl ausmachen. Menschen werden täglich mehr verunsichert, wenn sie zu hören bekommen, dass z.B.

  • die EU-Dienstleistungsrichtlinie mit Ihrem Herkunftslandsprinzip für einen massiven Verfall des deutschen Lohnniveaus führen würde
  • der Chefökonom der Deutschen Bank behauptet, es sei nicht mehr Aufgabe der Arbeitgeber, die Löhne auf einem Niveau zu halten, dass eine Familie davon ernährt werden kann und wir uns deshalb daran gewöhnen sollen, dass zwei oder drei Familienmitglieder für den Unterhalt arbeiten müssen
  • der Ausbildungspakt ein Erfolg sei, aber dennoch genauso viele Auszubildende vergebens auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz hoffen wie im Jahr zuvor.


Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern.

Diese Nachrichten machen doch eines deutlich: Es gibt Interessengruppen, deren einziges Ziel es ist, den eigenen Profit zu maximieren. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, in der sich der Wert einer Leistung nach dessen Verwertbarkeit richtet, einer politischen Gesinnung, die für die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben eintritt und dabei soziales Verantwortungsgefühl als Ballast über Bord wirft.

Deshalb ist es heute mehr denn je notwendig, dass es Organisationen gibt, die sozial- und wirtschaftspolitische Alternativen aufzeigen. Die erklären können, dass Neoliberalismus und Globalisierung nicht gottgegeben sind, sondern die Produkte bewusster Entscheidungen im Interesse einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe.
Die breite Masse gehört dieser Gruppe nicht an. Sie wurde auch nicht gefragt. Gewerkschaften vertreten aber heute genau diese anonyme breite Masse, die eben keine Sprachrohre in den Chefredaktionen der Tageszeitungen oder der privaten Sendeanstalten hat.

Manchmal mag es so erscheinen, als ob wir mit unseren Konzepten gegen den Strom schwimmen. Ich bin der festen Überzeugung, das dem nicht so ist. Gewerkschaften stehen vielmehr in der Mitte der Gesellschaften und verschaffen all denjenigen ein Plattform, die als abhängige Beschäftigte nichts weiter in den Produktionsprozess einbringen können als ihre Arbeitkraft. Die darauf angewiesen sind, dass Deutschland als Sozialstaat erhalten bleibt und die einen Anspruch darauf haben, für ihre Arbeit einen angemessenen Lohn zu erhalten.

Wenn ich heute höre, Gewerkschaften seien doch nur noch ein Haufen ewig Gestriger, dann schaue ich deshalb erst mal ganz genau, von wem denn eine solche Charakterisierung kommt und welches Ziel er mit einer solchen Kategorisierung anstrebt. Oft stellt sich bei näherem Hinsehen heraus, dass es gerade diejenigen sind, die an Pfründen festhalten und ihre Ansprüche zementieren wollen.


(aus der Soli extra "Her mit dem schönen Programm", Frühjahr 2005, Autor: Matthias Lindner, E-Mail: matthias.lindner@verdi.de, politischer Referent beim ver.di-Bundesvorstand, Ressort Jugend)

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