Deutscher Gewerkschaftsbund

Gar nicht kompliziert

Interview mit Marina Andres, AG Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit als Prinzip für die Gewerkschaftsarbeit – was könnte das heißen?

Das heißt zum Beispiel für die Arbeitszeitgestaltung, dass der betriebliche Flexibilisierungsdruck mit der gewünschten Zeitsouveränität von Beschäftigten verknüpft werden muss. Hierzu gehört die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch die Möglichkeit, persönliche Lebensziele, also etwa eine einjährige Reise nach Australien, zu verwirklichen. Oder die Gesundheitsvorsorge: Dass ein Mensch am Ende des Tages fast gesünder vom Arbeitsplatz weggeht als er hingekommen ist, ist keine Utopie. Die Umsetzung von Gefährdungsanalysen an allen Arbeitsplätzen, Arbeitsablaufstrukturen, die nicht zu kontinuierlichem, negativen Stress führen, und ein gesundheitlicher Ausgleich während und nach der Arbeit sind umsetzbar.

Und das funktioniert in allen Bereichen?

Warum nicht? Oliver Venzke schlägt vier Kernbereiche vor. Das sind außer den schon genannten noch Weiterbildung und finanzielle Sicherheit. Lebensbegleitendes Lernen muss Wirklichkeit werden. Wir brauchen Angebote, die Arbeit und Bildung miteinander verbinden. Die Chancengerechtigkeit darf weder im Betrieb, noch in den allgemeinbildenden Schulen oder den Universitäten zu kurz kommen. Statt hoher Abfindungen braucht es Sozialpläne mit Weiterbildungsmöglichkeiten, um möglichst schnell wieder einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen. Die finanzielle Sicherheit muss durch den Erhalt und Ausbau von Tarifverträgen ebenso wie durch eine finanzielle Absicherung bei Krankheit und am Lebensabend gewährleistet werden. Berufs- und Erwerbsunfähigkeit privat zu organisieren hilft nur renditestarken Versicherungen.

Auf der aktuellen Agenda der Gewerkschaften – auch der Jugendverbände – taucht der Begriff Nachhaltigkeit aber nur unter ferner liefen auf.

Politik ist ohne Zweifel nicht einfacher geworden. Wer jedoch glaubt, ein nachhaltiges, ganzheitliches Denken sei zu kompliziert, der schaue nur in die Geschichte. Dort sind viele Entscheidungen klug getroffen worden. Wir müssen nur endlich wieder damit anfangen. Gesucht wird ein großer Wurf. Mit einem Leitantrag und der dazugehörigen Diskussion zur Nachhaltigkeit könnte damit begonnen werden.

Marina Andres ist Fachreferentin für Projektmanagement.


(aus der Soli extra „Her mit dem schönen Programm“, Frühjahr 2005, Interview: Soli aktuell)

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