Deutscher Gewerkschaftsbund

Eine Frage der Demokratie

Interview mit Barbara Dickhaus, Referentin der AG Globalisierung

Was steht im Mittelpunkt der Globalisierung?

Die grundlegende Frage ist jene der Regulierung – also von wem und in wessen Interesse die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Regeln gestaltet werden. Inwiefern diese Regeln verändert und beeinflusst werden können, ist auch eine Frage demokratischer Einflussmöglichkeiten.

Worin drückt sich das aktuell aus?

Es gibt derzeit zwei wichtige Diskussionsstränge: Da ist zum einen die Debatte um soziale Gerechtigkeit bzw. Ungleichheit. Hier geht es um die Frage des Nord-Süd-Verhältnisses – aber auch innerhalb des Nordens gibt es Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Einflussmöglichkeiten. Zum anderen ist die Standortdebatte ein zentrales Thema der Globalisierung, in der sich der Diskurs um Effizienz und Renditechancen besonders deutlich widerspiegelt. Dabei gilt es, den neoliberalen Hintergrund offen zulegen und die Argumentation zu entlarven. Dahinter steht doch die Frage, welche Ziele gesellschaftlicher Entwicklung wir vor Augen haben und ob wir diese wirklich an der Profitlogik von Unternehmen ausrichten sollten. Damit geht es auch um die mächtige Stellung von Unternehmen und deren Regulierung.

Welche Aufgabe könnten die Gewerkschaften dabei übernehmen?

Ich denke, das führt letztlich zu der Frage, welches Selbstverständnis Gewerkschaften von sich haben und welche Rolle sie einnehmen wollen. Viele Gewerkschaften verstehen sich als zivilgesellschaftliche Kraft, deren Aufgabe über die Bewahrung der Interessen von Beschäftigten hinausgeht, und ändern damit auch ihre Strategien und Aufgaben. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Bildungsarbeit, welche die angebliche Alternativlosigkeit der vorherrschenden Politik in Frage stellt, die gesellschaftliche Ziele formuliert und neue Wege entwickelt.

Gibt es dafür Bündnispartner?

Natürlich, und ohne die geht es nicht. Denn letztendlich geht es darum, gesamtgesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Dazu ist ein breites Bündnis aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen notwendig. Und die Gewerkschaften haben dafür auf verschiedenen Ebenen die Grundlagen geschaffen – etwa in der Zusammenarbeit mit kirchlichen oder entwicklungspolitischen Gruppen oder auch mit Attac.

Barbara Dickhaus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei dem Projekt »Labour Policies and Globalisation« an der Universität Kassel und freie Mitarbeiterin bei der Nichtregierungsorganisation WEED in Berlin.


(aus der Soli extra „Her mit dem schönen Programm“, Frühjahr 2005, Interview: Soli aktuell)

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