Deutscher Gewerkschaftsbund

Chance? Risiko? Oder beides?

AG Globalisierung: Globalisierung ist längst zum Schlagwort geworden. Aber woher kommt sie eigentlich, wer hat sie gewollt – und vor allem: Wer hat in ihr das Sagen?

Mit dem Schlagwort Globalisierung wird heutzutage alles rechtfertigt: nationale Untätigkeit insbesondere in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, Misserfolge von Unternehmen, aber auch Druck auf Verbände und Regierungen. Inzwischen wird es sogar für Phänomene in Anspruch genommen, die keineswegs global sind – beispielsweise regionale Blockbildungen mit Ausgrenzungstendenzen. Dabei hat der Begriff eine rasante Karriere hingelegt, denn bis 1990 tauchte er in keinem Lexikon auf.

Neutral betrachtet bezeichnet er seitdem zunächst einmal die weltweite wirtschaftliche Verflechtung – ein Phänomen, das im Großen und Ganzen weniger neu ist als das Wort: Vorher sprach man lediglich von der Internationalisierung der Wirtschaft. Über ihre Ursprünge streiten Historiker und Ökonomen: Begann sie mit dem griechisch-makedonischen Reich oder mit dem römischen Imperium? Oder erst in der so genannten Neuzeit?

Einig ist man sich immerhin, dass sie in der Zeit der europäischen Seefahrer und der Kolonialisierung tatsächlich globale Bedeutung bekam. Und mit jedem technischen Fortschritt beim Verkehr und der Kommunikation wurde die wirtschaftliche Verflechtung der Staaten und der Erdteile immer intensiver und enger.

Diese Entwicklung war nicht naturwüchsig, sondern politisch gewollt und aktiv herbei geführt: So wurden Verkehrs- und Kommunikationstechnik und die zugehörige Infrastruktur staatlich gefördert, die Kosten der Mobilität wurden und werden in aller Regel nicht von den Benutzern, sondern von der Allgemeinheit getragen.

Begründet haben die verschiedenen Regierungen dies sowohl mit wirtschaftlichen Überlegungen, aber auch mit Expansions- oder Integrationsabsichten, wissenschaftlicher Neugier und militärischen Zwecken – beziehungsweise deren Gegenteil, der Friedenssicherung: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg etwa galt die Förderung der wirtschaftlichen Verflechtung vor allem in der westlichen Welt als besonders vernünftige Strategie zur Verhinderung künftiger Kriege.

Für Europa führte das zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich zur Europäischen Union. Das herausragende Ereignis zur Etablierung des Verflechtungstrends war die Bretton-Woods-Konferenz von 1944. Hier wurden die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) gegründet. 1947 kam das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT hinzu, das sich vor allem bei der Senkung von Zöllen und mit der Etablierung eines weltweiten Systems des Freihandels hervortat. Am Ende der längsten und bislang letzten Runde, der 1986 in Punta del Este, Uruguay begonnenen »Uruguay-Runde« wurde 1995 als Nachfolgeinstitution des GATT die Welthandelsorganisation WTO gegründet.

Zugleich markierten zwei Entwicklungen die frühen neunziger Jahre, die zu einem qualitativen Sprung in der Internationalisierung des Wirtschaftsgeschehens führten: Zum einen ermöglichte die Computer- und Informationstechnik plötzlich eine neuartige weltweit verflochtene Produktionstechnik und Logistik sowie sekundenschnelle weltweite Finanztransaktionen. Zum anderen brach das sozialistische System in Osteuropa zusammen statt des vorwiegend politisch definierten Wettbewerbs zwischen Marktwirtschaft und Sozialismus sehen sich nun nahezu alle Staaten mit allen anderen in einem vor allem ökonomisch definierten Standortwettbewerb.


(aus der Soli extra „Her mit dem schönen Programm“, Frühjahr 2005, Autor: Soli aktuell)

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