Deutscher Gewerkschaftsbund

Ohne Jobben läuft nichts

Studierende brauchen vor allem eins: gutes Zeitmanagement. Studium und Geld verdienen sind sonst nicht unter einen Hut zu bringen. Inhaltlich haben beide sowieso selten miteinander zu tun.

Die Zeiten sind vorbei, als man noch fragen konnte, warum Studenten schon um halb sieben aufstehen müssen, und als Antwort bekam: "Weil um acht die Geschäfte zumachen." Wer heute studiert, kann es sich nicht mal mehr leisten, bis mittags zu schlafen und die Studien dann eben in die Nachtstunden zu verlegen. Statt dessen ist ein gutes Zeitmanagement gefragt: Zwei von drei Studierenden müssen neben dem Studium noch Geld verdienen. Und das tun sie laut einer Studie der Universität Bremen nicht nur hauptsächlich zu überraschend alltäglichen Arbeitszeiten – nämlich zwischen 8 und 17 Uhr – sondern auch in zunehmenden Stundenumfang.

Das ist kein Wunder: Auf 638,60 Euro veranschlagte das Deutsche Studentenwerk zuletzt die Lebenshaltungs- und Studienkosten in Deutschland. Tatsächlich verfügt rund ein Viertel der Studierenden jedoch über weniger als 600 Euro, während ebensoviele mehr als 890 Euro im Monat einnehmen. Der Durchschnitt liegt bei 767 Euro. Den größten Teil tragen der gerade erschienenen 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge mit 50,6 Prozent die Eltern, höher liegt der Anteil nur in Belgien und Italien, während er in den anderen europäischen Ländern eine zum Teil wesentlich geringere Rolle spielt – ein Indiz dafür, dass hierzulande immer noch mehr Kinder von besserverdienenden Eltern die Hochschulen bevölkern. Das lässt sich auch statistisch belegen: Laut Studentenwerk stammt nur jeder fünfte Studierende aus einer Arbeiterfamilie, während jeder dritte einen Vater mit Hochschulabschluss hat. Aufgefangen werden sollte das eigentlich durch die staatliche Studienförderung wie etwa das BAföG. Tatsächlich hat die rot-grüne Bundesregierung hier in den letzten drei Jahren Verbesserungen umgesetzt, die den jahrelangen Abwärtstrend gestoppt haben. Im Jahr 2003 konnten immerhin rund 23 Prozent der Studierenden auf die Unterstützung zurückgreifen, bei der letzten Sozialerhebung des Studentenwerks im Jahr 2000 waren es nur 20 Prozent gewesen. Damit tragen die Zahlungen nach dem BAföG inzwischen immerhin wieder mit 13,2 Prozent zu den Einnahmen der Studierenden bei. Im Vergleich zum Jahr 1982, als sie gut ein Viertel ausmachten, oder auch dem Jahr 1991, als noch jeder dritte Studierende BAföG bekam, ist das allerdings immer noch wenig.

Auch der Vergleich mit dem Ausland fällt auf den ersten Blick nicht gut aus: In den Niederlanden werden beispielsweise 90 Prozent der Studierenden, in Finnland rund 83 Prozent staatlich bezuschusst. Allerdings beträgt die durchschnittliche BAföG-Zahlung in Deutschland 352 Euro, während Niederländer mit nur 188 Euro auskommen müssen.

Insgesamt reichen jedoch auch Eltern- und staatliche Förderung zusammen nicht aus. Nicht ganz zwei Drittel aller Studierenden in Deutschland jobben neben dem Studium. Bei knapp über zwei Millionen Frauen und Männern, die derzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben sind, sind das etwa 1,3 Millionen Jobber, rund 80.000 Studierende sind komplett auf den Selbstverdienst angewiesen. Sie alle sind als Weihnachtsmänner, Taxifahrerinnen, Kellner, Büro- und Fabrikarbeiter, Arzthelferinnen, studentische Hilfskräfte, Freiberufler und Selbstständige einem ganz normalen Arbeitsalltag unterworfen. Das heißt, so normal ist der nicht: 41 Prozent der erwerbstätigen Studierenden arbeiten als Aushilfe in Büros oder Fabriken, 28 Prozent als studentische Hilfskraft, 13 Prozent in einem früher erlernten Beruf oder freiberuflich, neun Prozent verdienen ihr Geld mit Nachhilfe, acht in bezahlten Praktika, und vier haben ein eigenes Unternehmen. Ein so genanntes Normalarbeitsverhältnis ist also die Ausnahme. Und da die allermeisten Jobs auch inhaltlich nichts mit den Studienfächern zu tun haben, gehen die Studierenden oft genug davon aus, dass sie nur vorübergehend sind und es sich nicht lohnt, es etwa auf arbeitsrechtliche Konflikte ankommen zu lassen. Zugleich treffen sich die Interessen der durch Studium und Erwerbsarbeit doppelt Belasteten mit denen vieler Arbeitgeber nach flexibler Gestaltung des Arbeitsverhältnisses – die dann jedoch aufgrund der üblichen Machtverhältnisse meist zu Ungunsten der beschäftigten Studis ausgeht.

Das Ergebnis: Studierendenjobs sind für Arbeitgeber oft der Testfall dafür, was am Arbeitsmarkt an Deregulierung durchsetzbar ist. Und was die doppelte Belastung – Kindererziehung gar nicht gerechnet – immerhin haben 6,7 Prozent der Studierenden Kinder, und unter den studierenden Müttern sind 27 Prozent alleinerziehend – für die Qualität des Studiums bedeutet, ist offensichtlich: Rund 36 Stunden die Woche brauchen Studierende im Durchschnitt fürs Studium, fürs Geldverdienen gehen noch einmal 13,9 Stunden drauf. Im Einzelfall ist der Aufwand jedoch sehr unterschiedlich: Jeder zehnte erwerbstätige Studierende arbeitet bis zu vier, jeder dritte bis zu acht Stunden und immerhin jeder sechste mehr als 20 Stunden die Woche.

Studien unterstreichen, was man sich auch selbst denken kann: Je mehr Zeit Studierende für das Jobben brauchen, desto weniger investieren sie in Lehrveranstaltungen und Selbststudium.


(aus der Soli extra "Students at work", Herbst 2004, 2. überarbeitete Auflage, Autor: Beate Willms)

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