Deutscher Gewerkschaftsbund

Dschungel Arbeitswelt

Die Wohnung wird teurer, der öffentliche Nahverkehr auch? Vielleicht soll auch mal eine Fernreise her? Und das BAföG reicht nicht, die Eltern haben keine Lust oder nicht genug Geld, um ihren Beitrag zum Studium aufzustocken? Rund 63 Prozent der Studierenden in Deutschland nicken bei mindestens einem dieser Punkte. Sie müssen neben dem Studium noch arbeiten. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig, bieten studierende Beschäftigte Arbeitgebern doch den ein oder anderen Vorteil.


Normalfall "abhängige Beschäftigung"

Wer abhängig beschäftigt ist, benötigt prinzipiell eine Lohnsteuerkarte und muss Steuern sowie Sozialabgaben zahlen. Das gilt auch für Studierende – wenn nicht eine der vielen Ausnahmen greift. Im Normalfall werden die Steuern vom Lohn einbehalten. Wer aber (nach Abzug des Arbeitnehmer-Pauschbetrags von 920 Euro) nicht über den Grundfreibetrag von 7.664 Euro im Jahr hinauskommt, sollte eine Lohnsteuererklärung abgeben und bekommt dann die gezahlten Steuern wieder zurück. Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung fallen nicht an, wenn das Gesamtbild eher Studi als Arbeitnehmer ist. Das gilt grundsätzlich bei Beschäftigungen von insgesamt maximal 20 Stunden pro Woche. In den Semesterferien darfs auch ein bisschen mehr sein: Hier besteht grundsätzlich Versicherungsfreiheit. Normal beitragspflichtig sind Studierende in der Rentenversicherung.

400-Euro-Job/Minijob

Wer studiert, braucht meist nur einen Dazuverdienst. Deshalb reicht oft ein so genannter 400-Euro-Jobs, auch bekannt als geringfügige Beschäftigung oder Minijob. Hier dürfen maximal 400 Euro Verdienst auf der monatlichen Lohnabrechnung stehen. Die Grenze darf allerdings auch mal überschritten werden, wenn dies maximal zwei Monate im Kalenderjahr und unvorhersehbar geschieht, z.B. wegen Krankheit einer anderen Arbeitskraft. Vorsicht: Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind vorhersehbar und werden ebenso wie schwankende Einkommen auf zwölf Monate verteilt und mitgerechnet. Die Wochen-Arbeitszeit spielt bei normalen Minijobs seit dem 1. April 2003 keine Rolle mehr – der Stundenlohn kann also bis zur Grenze der Sittenwidrigkeit sinken.

Für Minijobs zahlt der Arbeitgeber pauschal zwölf Prozent für die Rentenversicherung und elf Prozent für die Krankenversicherung (falls der Minijobber in einer gesetzlichen Krankenkasse ist). Hinzu kommen die Steuern, für deren Berechnung es zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ganz normal als Studi-Job mit Steuerkarte und der Möglichkeit, sich die gezahlten Steuern per Antrag auf Lohnsteuerjahresausgleich zurückzuholen. Oder der Arbeitgeber führt zusammen mit den Sozialabgaben zwei Prozent des Einkommens als Pauschsteuer ab, zusammen mit den Sozialabgaben wären das 25 Prozent.

Nachteil für Geringverdienende: Das pauschal versteuerte Einkommen darf in der Steuererklärung nicht angegeben werden. Damit bleibt es bei zwei Prozent Pauschal-Steuer, auch wenn das Gesamteinkommen unterhalb des Grundfreibetrags bleibt und damit eigentlich steuerfrei wäre. Zudem können keine Werbungskosten wie Fahrtkosten zur Arbeit geltend gemacht werden. Es empfiehlt sich, im Einzelfall durchzurechnen, welche Variante günstiger ist – für Leute ohne weiteres Einkommen ist es immer die Variante mit Steuerkarte.

Bei 400-Euro-Jobs in Privathaushalten gelten weitere Vergünstigungen. Die vom Arbeitgeber zu tragenden Pauschalabgaben betragen hier nur fünf+fünf+zwei = zwölf Prozent (statt 25 Prozent), zudem gibt’s für ihn Steuervorteile.

In allen Minijob-Fällen kommt eine Umlage von 1,3 Prozent für die Lohnfortzahlungsversicherung hinzu, die aber der Arbeitgeber zahlt. Denn Minijobs sind bezüglich Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaubsansprüchen und Mutterschutz ganz normale Arbeitsverhältnisse – bloß dass die damit verbundenen Risiken für die Arbeitgeber bei Minijobs durch eine Pflichtversicherung verteilt werden.

Das vereinbarte Gehalt wird ungekürzt vom Arbeitgeber überwiesen, denn die fälligen Sozialabgaben muss ausschließlich er bezahlen. Nur die Pauschalsteuer kann – sofern vertraglich vereinbart – dem Minijobber abgezogen werden.

Zwar zahlt der Arbeitgeber in die Rentenversicherung. Doch Ansprüche des Beschäftigten ergeben sich daraus nur sehr eingeschränkt – offiziell gelten geringfügige Beschäftigungen als versicherungsfrei. Allerdings sind freiwillige Beitragszahlungen möglich. Dazu muss der Minijobber den Differenzbetrag zwischen der Pauschale von zwölf bzw. fünf Prozent und dem normalen Beitragssatz von 19,5 Prozent selbst zahlen.

Vorsicht: Verschiedene Minijobs werden immer zusammen gezählt, so dass die Grenze zur Sozialversicherungspflicht schnell erreicht ist. Dagegen sind eine versicherungspflichtige Hauptbeschäftigung und eine geringfügige Nebenbeschäftigung kombinierbar.


Niedriglohn-Jobs bis 800 Euro

Wer mindestens 400,01 Euro, aber weniger als 800 Euro verdient, ist rentenversicherungspflichtig. Zur Berechnung des Arbeitnehmerbeitrags wird dabei nur ein Teil des Einkommens herangezogen, so dass bei steigendem Bruttolohn trotz steigender Beitragssätze – von anfangs vier bis zu 21 Prozent bei 800 Euro – immer ein steigender Nettolohn übrig bleibt. Der Arbeitgeber zahlt hier stets den vollen Anteil, und wie bei Minijobs kann der Arbeitnehmer den Beitrag freiwillig aufstocken. Die Besteuerung erfolgt individuell nach Steuerkarte.


Kurzfristige Beschäftigung

Kurzfristige Beschäftigungen sind ohne Verdienstbegrenzung sozialabgabenfrei und können mit 20 Prozent pauschal versteuert werden. Voraussetzung: Sie dauern nicht länger als zwei Monate oder sind auf 50 Arbeitstage innerhalb eines Kalenderjahres befristet. Auch hier werden alle entsprechenden Beschäftigungen zusammengerechnet. Allerdings lohnt sich die Pauschalversteuerung nicht für Geringverdiener, da diese ohnehin keine Steuern zahlen bzw. sich die gezahlten Steuern per Einkommensteuererklärung zurückholen können.


Freiberuflich & scheinselbstständig

Gar keine Ansprüche auf die sozialen Sicherungen für Arbeitnehmer haben Freiberufler und Gewerbetreibende. Die für Selbstständige geltende Freiheit von Sozialabgaben – ausgenommen einzelne Berufsgruppen wie etwa Lehrerinnen, Krankenpfleger, Künstlerinnen – sehen zwar viele junge Leute als Vorteil an, weil sie das Vertrauen zumindest in das Alterssicherungssystem verloren haben. Doch hängt am Arbeitnehmer-Status mehr als nur ein unsicherer Rentenanspruch: Krank werden kann jeder mal, Urlaub will jede mal, und auch Schuften rund um die Uhr ist für abhängig Beschäftigte aus gutem Grund verboten.

Von der Selbstständigkeit eines Arbeitenden profitiert vor allem der Arbeitgeber – bzw. der Auftraggeber. Denn Selbstständige bekommen ihr Geld für eine ganz bestimmte Leistung. Das kann die Durchführung eines Kurses an der Volkshochschule sein, das Schreiben eines Artikels für eine Zeitung oder das Bauen eines Hochbetts. Sie bekommen immer wieder einzelne Aufträge, können selbst entscheiden, wann sie was wie und für wen machen und müssen sich selbst um Steuern und soziale Absicherung kümmern. Für ein Unternehmen lassen sich die Kosten so gegenüber der Anstellung von normalen Beschäftigten teilweise erheblich verringern, wenn sie die gleiche Arbeit als Auftrag an Selbstständige vergeben. Der Trend geht deshalb dahin, Arbeitnehmer in eine echte oder auch nur scheinbare Selbstständigkeit zu drängen. Bei einer Scheinselbstständigkeit sind die Betroffenen von einem einzelnen Auftraggeber abhängig, in die Arbeitsorganisation dieses Auftraggebers voll eingebunden und können nicht frei entscheiden, sondern müssen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten arbeiten. In Wirklichkeit sind sie also ganz normale Arbeitnehmer. Weil nicht die Bezeichnung einer Tätigkeit als selbstständig zählt, sondern die tatsächliche Ausgestaltung, haben auch Scheinselbstständige Anspruch auf bezahlten Urlaub, Mutter- und Kündigungsschutz, Einhaltung der Arbeitszeitgesetze und Lohnfortzahlung bei Krankheit. Und wenn die Sozialversicherungen bei Betriebsprüfungen über solche Fälle stolpern, werden auch die Sozialabgaben nachträglich fällig.

Aus dem für Studierende nicht unwichtigen Bereich der Arbeit in Call-Centern sind Vertragsklauseln bekannt, in denen angebliche Auftragnehmer prophylaktisch erklären müssen, sie seien nicht scheinselbstständig. Überprüft wird das nicht, obwohl es für genau solche Fälle ein entsprechendes Verfahren bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte gibt. Wenn aber doch eine Nachzahlung von Sozialabgaben verfügt werden sollte, so die übliche Formulierung, müsse diese von den Scheinselbstständigen geleistet werden. Damit will man die gesetzgeberische Entscheidung unterlaufen, dass bei der Beschäftigung von Scheinselbstständigen der Arbeitgeber zu zahlen hat. Hier dürfte sich ein Prozess lohnen, ebenso wenn nach dem Ende der scheinselbstständigen Tätigkeit noch bezahlter Urlaub oder Lohnfortzahlung bei Krankheit aussteht.


Schwarzarbeit

Cash auf die Kralle – das klingt verlockend, ist aber einerseits nicht legal und bedeutet andererseits den Verzicht auf die Rechte als Arbeitnehmer und beispielsweise auf den Unfall-Versicherungsschutz. Zudem bekommt manche Schwarzarbeiterin gar nichts für geleistete Dienste, da die Auftraggeber wissen, dass Schwarzarbeiter das vereinbarte Entgelt faktisch nicht einklagen können. Mehr zum Thema.


Praktikum

In viele Berufe ist heutzutage am besten über ein Praktikum zu kommen, in diversen Studiengängen sind Praktika gar vorgeschrieben. Pflicht-Praktika während des Studiums sind unabhängig von Arbeitszeit und Verdienst sozialversicherungsfrei. Nicht verpflichtende Praktika während des Studiums sind versicherungsfrei, wenn das Entgelt maximal 400 Euro monatlich beträgt. Andere Praktika – auch Pflicht-Praktika vor Studienbeginn – werden als normale Beschäftigungen behandelt. Wichtig für BAföG-Bezieher: Vergütungen für Studienpraktika ("Einkünfte aus einem Ausbildungsverhältnis") werden ohne Freibetrag voll als Einkommen angerechnet.

Ein Praktikum dient eigentlich der Vermittlung von Kenntnissen über das jeweilige Arbeitsgebiet. Wer nicht ein Praktikum in diesem Sinne macht, sondern normale Aufgaben im "Praktikums"-Betrieb übernimmt, hat die Ansprüche eines normalen Beschäftigten. Dazu gehört auch eine angemessene Entlohnung fürs Kaffeekochen und Kopieren.

Ob es sinnvoll ist, diese Ansprüche durchzusetzen, darf allerdings bezweifelt werden, wenn sich aus dem "Praktikum" – wie etwa in der Medienbranche häufig – eine dauerhafte Zusammenarbeit ergeben soll.


Kindergeld & Co.

Fiese Falle: Wer mit allen Einkünften – und dazu zählt auch der 50-prozentige Zuschussanteil des BAföG – nach Abzug der Werbungskosten auch nur einen Euro über 7.680 Euro pro Jahr liegt, ist nicht mehr kindergeldberechtigt! Das betrifft dann nicht nur das Kindergeld an die Eltern, sondern im öffentlichen Dienst auch die kinderbezogenen Anteile im Ortszuschlag oder die Beihilfeberechtigung. Der kleine Zusatzverdienst kann sich so schnell als finanzieller Bumerang für die gesamte Familie erweisen. Allein das wegfallende Kindergeld macht 1.848 Euro (erstes bis drittes Kind) bzw. 2.148 Euro (ab dem vierten Kind) im Jahr aus. Und auch BAföG-Beziehende müssen sich überlegen, was ihnen der Job bringt: Wenn sie im Durchschnitt des Bewilligungszeitraums mehr als 350 Euro im Monat verdienen, werden diese Einnahmen auf das BAföG angerechnet.


(aus der Soli extra "Students at work", Herbst 2004, 2. überarbeitete Auflage, Autor: Matthias Spittmann)

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