Deutscher Gewerkschaftsbund

Erfolgreiches Konzept oder Beschäftigungstherapie?

Unqualifizierte Mitarbeiter, fehlende Erfolgskriterien, Eintagsfliegen: Viele Projekte gegen Rechts könnten besser sein, als sie sind. Doch eine systematische Auswertung findet bisher kaum statt. Der finanzielle Druck blockiert die notwendige Diskussion über Qualitätsstandards.

Vermutlich waren sie niemals so zahlreich wie heute: die Initiativen gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland. Der »Aufstand der Anständigen«, von Bundeskanzler Gerhard Schröder im Sommer 2000 ausgerufen, tobt inzwischen, vielfach unbemerkt, über die Bundesrepublik. Zurzeit gibt es nach Angaben der Friedrich-Ebert-Stiftung mehr als 10.000 Initiativen gegen Rechts, die aus Bundesmitteln gefördert werden. Dazu kommen zahllose weitere Gruppen und Projekte, die ehrenamtlich und manchmal auch undercover – arbeiten und deshalb gar nicht erst in der offiziellen Statistik auftauchen. Um in der Sprache des Kanzlers zu bleiben: Der »Aufstand der Anständigen« droht geradezu in eine Revolution gegen Rechts auszuarten. Apropos Revolution: Schon der große chinesische Revolutionär Mao Zedong forderte: »Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern!« Allerdings lässt sich auch das Gegenteil behaupten: Die Vielzahl der Initiativen sorgt oft für Verzettelung und Verschwendung von Mitteln und Manpower, die anders vielleicht viel besser eingesetzt werden könnten.

Fast schon wieder gut also, dass sich der Kampf gegen Rechts unter Konkurrenzbedingungen vollzieht. Ob sie wollen oder nicht, stehen die vielen Einzelprojekte im Wettbewerb um Fördermittel. Die aber sind in Zeiten leerer Kassen bei der Bundesregierung genauso ein knappes Gut wie beim DGB. Aber auch grundsätzlich stellt sich die alles entscheidende Frage: Was funktioniert eigentlich wirklich im Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit? Mit welchen Konzepten kann der Rechtsextremismus erfolgreich bekämpft werden? Oder, andersherum gefragt: Welche Konzepte taugen nichts und sind Beschäftigungstherapie oder Symbolpolitik? Schließlich ist gut gemeint nicht selten das Gegenteil von gut gemacht.

Was aber ist gut gemacht? Auf diese Frage antworten viele Experten oft genauso ausweichend wie hart arbeitende Praktiker. Erst in jüngster Zeit wird der Evaluation, also der systematischen Aus- und Bewertung von Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und Rassismus, endlich verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei lassen sich grundsätzlich drei Kategorien unterscheiden.

Die Konzept-Evaluation ist die grundlegendste und daher wohl auch umstrittenste Methode, Maßnahmen gegen Rechts zu bewerten. Schließlich geht es hier um die Frage nach den Ursachen von Rassismus und Rechtsextremismus. »An der fehlenden Konzeptevaluation scheitert schon sehr viel«, sagt dann auch Birgit Rommelspacher, Professorin für Psychologie an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin. Wer Ausländerfeindlichkeit und Rassismus vor allem für eine Frage von Problemjugendlichen und kleinen Strolchen hält, die beim Zutreten eigentlich nur Liebe und Geborgenheit suchen, wird sein Projekt anders ausrichten als jemand, der den Rassismus als politisches Problem ernst nimmt. »Hier geht es um die Kontroverse zwischen psychosozialer Betreuung und politischer Auseinandersetzung«, betont Rommelspacher. Einen Schritt weiter stellt sich die Frage nach der Evaluation der Umsetzung. Wie sind die zuvor bestimmten Ziele unter gegebenen Umweltbedingungen und Berücksichtigung der eigenen Ressourcen verwirklicht worden? Welche Probleme sind dabei aufgetreten, die sich beim nächsten Mal vermeiden lassen? Auch hier besteht laut Rommelspacher noch erheblicher Diskussionsbedarf. Viele Projekte müssten noch immer unter »sehr schlechten Rahmenbedingungen« arbeiten, die verstärkt zum Gegenstand der Diskussion gemacht werden müssten.

Am Ende aber geht es dann doch um die Frage: Was bringt’s? Die Auswertung der Wirkung von antirassistischen Projekten aber ist bisher noch am allerwenigsten erforscht worden. Das hat freilich systematische Gründe. Denn die Wirkungsevaluation stellt die Frage nach langfristigen Erfolgen bei der Veränderung des Meinungsklimas. Ist es mit einem Projekt gelungen, das politische Klima in einer Gemeinde nachhaltig zu beeinflussen? Ist die Tabuisierung von rassistischen Äußerungen in der Öffentlichkeit geglückt? Hat die Gemeinde ihre Abwehrhaltung gegenüber der Thematisierung des Problems Rechtsextremismus aufgegeben? Ist die Perspektive der Opfer in den Vordergrund gerückt, statt nur von mildernden Umständen für die Täter zu sprechen? Diese Fragen sind methodisch kaum exakt zu beantworten. Schließlich geht es um eine nachhaltige Veränderung von Einstellungen, die nur schwer zu quantifizieren sind, insbesondere, wenn noch dazu das Geld dafür fehlt.

Ein Problem, das auch Axel Bremermann vom »Netzwerk für Demokratie und Courage« aus der Jugendbildungsarbeit in Berlin-Brandenburg kennt. »Bildung zu messen ist natürlich immer schwierig bis unmöglich«, betont Bremermann. Zwar werden die durchgeführten antirassistischen Bildungsveranstaltungen von den Pädagogen regelmäßig ausgewertet. Doch wie nachhaltig sich zum Beispiel die einzelnen Einstellungen der an einem Projekttag beteiligten Schülern tatsächlich geändert haben, ist nur schwer einzuschätzen. Beim »Netzwerk für Demokratie und Courage« will man mit stichprobenartigen Langzeitstudien Aufschluss über die eigenen Erfolge gewinnen. Dabei werden die Einstellungen der beteiligten Jugendlichen über mehrere Projekttage hinweg abgefragt, um die Effektivität der durchgeführten Maßnahmen zu bewerten. Doch auch solche Befragungen garantieren nicht unbedingt für den Erfolg der Maßnahmen. Hier spielt vor allem das Problem der sozial erwünschten Antworten eine Rolle. »Vielfach gehen die Befragten davon aus, dass eine bestimmte Antwort von ihnen erwartet wird«, warnt Sabine Jungk vom Landeszentrum für Zuwanderung (LZZ) in Nordrhein-Westfalen. »Das geht dann nach dem Motto: ,Wenn ich schon an der Veranstaltung teilgenommen habe, dann wird von mir erwartet, dass sie mir auch gefallen hat’.«

Insbesondere die Reichweite so genannter »Happiness-Sheets«, in denen am Ende die Zufriedenheit der Teilnehmer einer Veranstaltung abgefragt wird, schätzt Jungk daher als »äußerst umstritten« ein. Die Antworten, so die LZZ-Mitarbeiterin, entsprächen »nicht immer der Wahrheit«. Zudem würden diese Befragungen vielfach keine Aussagen über die Wirkung, sondern lediglich über die Zufriedenheit mit Personen zulassen. Dieses Problem ist auch aus der Evaluation der Lehre an Schulen und Universitäten bekannt und leider kaum aufzulösen. Letztlich gibt nur die Praxis Aufschluss über den Erfolg der unzähligen Maßnahmen. »Eine Simulation eines rassistischen Übergriffs, bei dem die Teilnehmer dann tatsächlich eingreifen, wäre der einzig mögliche harte Test, ist aber leider praktisch kaum durchführbar«, sagt Jungk.

Eine systematische Auswertung von antirassistischen Projekten liegt also noch in weiter Ferne. Die traurige Konsequenz: Bisher existieren keine eindeutigen Qualitätsstandards, schon gar keine allgemein akzeptierten. Statt dessen bleibt die Auswertung vielfach bei »best practice«, guten Beispielen, stehen. Erste Ansätze liefert nun eine Studie, die Roland Roth, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Magdeburg, für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt hat. In der Studie werden die bisherigen Projekte der Bundesregierung ausgewertet und Kriterien für eine wirksame antirassistische Arbeit formuliert. Roth betont insbesondere die Notwendigkeit von Kontinuität und Nachhaltigkeit. Die Einmaligkeit vieler Förderprogramme, so Roth, könnte dazu führen, dass sich »viele der Maßnahmen als kurzes Strohfeuer erweisen«. Politische Kultur könne dem gegenüber nur langfristig verändert werden. Für problematisch hält Roth auch die Konzentration vieler Programme auf junge Menschen, obwohl der Rest der Gesellschaft »in Sachen Toleranz und Zivilcourage ebenfalls Nachholbedarf« habe. »Wie man Eltern, Erwachsene und ältere Menschen in Bürgernetzwerke gegen Rechts einbeziehen will, bleibt konzeptionell weitgehend offen.« Auch die institutionellen Bedingungen, etwa diskrimierende Praktiken in Ausländerbehörden oder Kommunalverwaltungen, blieben zum großen Teil ausgespart, kritisieren die Forscher fast schon unisono. »Die Wirksamkeit pädagogischer Konzepte wird durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen begrenzt«, warnt LZZ-Mitarbeiterin Jungk.

Jungk rät den Mitarbeitern in antirassistischen Projekten auch, ihre Ziele möglichst präzise zu formulieren. »Das Ziel, zur allgemeinen Toleranz beizutragen, ist niemals zu überprüfen«, kritisiert sie. Vielmehr gehe es darum, möglichst genaue und erreichbare Kriterien für Erfolg oder Misserfolg zu benennen, etwa, die Zahl der rassistischen Übergriffe oder der Gewalttaten in einer bestimmten Schulklasse an einer bestimmten Schule zu reduzieren.

Auch an der sinnvollen Definition der Zielgruppen mangelt es bisher, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung festgestellt hat. So wurden zu Beginn der meisten Programme Haupt- und Realschüler kaum erreicht, obwohl diese Gruppe als besonders empfänglich für fremdenfeindliche Einstellungen gilt. Und nicht zuletzt lässt die Qualität vieler Projekte zu wünschen übrig. »In Brandenburg werden schon einmal umgeschulte Kaufhausdetektive oder ehemalige LPG-Arbeiter in der Jugendbildung eingesetzt«, berichtet ein Praktiker aus der Bildungsarbeit. Auch die Inhalte sind oft nur wenig geeignet. Die Orientierung vieler Programme auf den Nationalsozialismus oder Fahrten zu KZ-Gedenkstätten etwa würden dem modernen Rechtsextremismus nicht mehr gerecht, warnt Politikwissenschaftler Roth.

Insbesondere aber fehlt eine Vernetzung der vielen Einzelinitiativen. Lokal orientierte Projekte, die einerseits mit allen lokalen Akteuren zusammenarbeiten und andererseits untereinander in Kontakt stehen, sind für Jungk eine unbedingte Voraussetzung für langfristigen Erfolg. Die lokale Verankerung und Vernetzung der Projekte gilt als Garant für Nachhaltigkeit, wenn die Fördermittel auslaufen.

Für eine bessere Evaluation, die mehr Qualitätsstandards und damit eine effektivere Arbeit gegen Rassismus ermöglicht, besteht also mehr als genügend Bedarf. Geld dafür gibt es jedoch bisher kaum. Am Ende ist dies auch vielfach der Grund, warum viele Projekte einer gründlichen Evaluation skeptisch gegenüberstehen. Mit der Aufarbeitung von Projekten ist ein »Zwang zum Positiven« verbunden, so Roth. Es ist nicht zuletzt dieser Erfolgsdruck, der eine sachliche Diskussion blockiert. Ein Insider formuliert es deutlicher: »Wenn die Evaluation negativ ausfällt, werden uns die Gelder gestrichen.«


(aus Soli extra "Antirassismus", Herbst 2003, Autor: Andreas Spannbauer, Inlandsressort der »taz«)

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