Deutscher Gewerkschaftsbund

Die tägliche Portion Rassismus

Ob auf dem Bau, in Gaststätten, Schulen, der Industrie oder im Dienstleistungsbereich: Rassismus findet überall Nahrung. Die Gewerkschaften kennen das Problem – sind aber auch selbst nicht gefeit.


Bau: Moderne Sklaverei durch Subunternehmertum begünstigt

Zwei Monate lang hatten die sechs bulgarischen Bauarbeiter auf der Hamburger Großbaustelle »Berliner Bogen« malocht. Der Gesetzgeber hatte für den Knochenjob 13,67 Deutsche Mark pro Stunde vorgeschrieben. Ihr Arbeitgeber, die Universal Design Implex GmbH hielt das wohl für zu üppig. Sie zahlte den Bulgaren zwischen 1,84 Mark und 4,15 Mark. Sie sollten jedoch schriftlich bestätigen, den gesetzlichen Mindestlohn erhalten zu haben. Sie weigerten sich. Wurden gekündigt. Verloren ihre Arbeitsgenehmigung und damit die Aufenthaltsgenehmigung. Mit Hilfe der IG BAU konnte eine Abschiebung verhindert werden.

Die Baustelle ist wohl der Klassiker unter den Beispielen für die tagtägliche Diskriminierung, der MigrantInnen in der deutschen Arbeitswelt ausgesetzt sind. Begünstigt durch die lange Kette vom Generalunternehmer zum Sub-Subunternehmer wird Arbeitskraft zu Dumping-Preisen eingekauft. Andreas Suß, Geschäftsführer der IG BAU Hamburg, nennt das »die moderne Form von Sklaverei«. Nach Schätzungen der IG BAU sind inzwischen ein Drittel des Bau-Sektors in die Illegalität abgetaucht. Von struktureller Diskriminierung und von rassistischer Ausgrenzung durch Kollegen besonders betroffen, seien die so genannten Entsendearbieter aus Osteuropa, sagt Berit Schröder vom Referat Jugend der IG BAU. Junge Auszubildende dagegen, die hier in zweiter oder dritter Generation leben, seien auf Baustellen relativ integriert und nur selten ausländerfeindlichen Angriffen ausgesetzt. Ähnlich verschieden ist der Organisationsgrad der ausländischen Beschäftigten. Je nach Bezirksverband haben 0,3 bis 27 Prozent der IG BAU- Mitglieder keinen deutschen Pass.


Metallindustrie: Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz


Geht Manuel Campos, der bei der IG-Metall das Ressort »Ausländische Arbeitnehmer« leitet, durch die Betriebe, stellt er vor allem bei den Auszubildenden offenen Rassismus fest. Er warnt aber vor einem schiefen Eindruck: »Sie sind nicht die Einzigen, die diskriminieren, sie reden nur offener darüber.« Jedoch auch nicht immer. Beim Ausbildungstag in einer Zahnradfabrik, erzählt Campos, habe er die Auszubildenden gefragt: »Gibt’s hier Diskriminierung?«. Einhelliges Kopfschütteln war die Antwort. Campos fragte nach, indem er sich an einen italienischen Azubi wandte. Auch der verneinte. Ein beherzter Kollege sprang ein: »Erzähl doch von deiner Spindtür!« »Ausländer raus« hatte eines Tages darauf gestanden. »Warum hast du nichts gesagt?«, wollte Campos wissen. Der Italiener wollte es »ganz schnell vergessen«.

Verdrängung aus Angst ist für Campos einer der Gründe für das Schweigen der Betroffenen. Er nennt aber noch zwei weitere Verschweiger von Diskriminierung: Betriebsräte und Arbeitgeber. Erstere werten Rassismus in ihrem Betrieb als Versagen der eigenen Arbeit und kehren ihn daher lieber unter den Teppich. Und die Bosse sind oft nur nach jahrelangem Druck bereit, ihrer Firma eine Betriebsvereinbarung zu geben, in der die Sanktionierung von Diskriminierung festgeschrieben steht. Bei Opel in Rüsselsheim, erzählt Campos, habe jahrelang das Motto geherrscht: »Bei uns gibt es nichts, was nicht sein darf.« Erst als ein im Opel-Werk gedrehtes Video die ausländerfeindliche Hetze an den Toilettenwänden zeigte, wurde mit der Gewerkschaft über eine Betriebsvereinbarung diskutiert.

Warum werden ausländische Kollegen von Deutschen diskriminiert? Campos nennt zwei Ursachen. Eine Art Fremdenhass, ausgehend von einer nationalistischen Ideologie, würden viele Deutsche wohl immer noch »mit der Muttermilch« einsaugen. Vor allem bei älteren Arbeitnehmern sei dies die Ursache. Bei den Jungen trete ein stärkerer Konkurrenzgedanke zutage. Das Standardargument: »Die nehmen mir meinen Arbeitsplatz weg.« Und das, obwohl MigrantInnen zu 50 Prozent mehr von Arbeitslosigkeit betroffen seien als Deutsche. Eine doppelte Stigmatisierung, der bislang, so Campos, zumeist nur reaktiv und viel zu wenig präventiv entgegengewirkt werde.


Öffentlicher Dienst: Fehlende Anerkennung von Abschlüssen


Doppelt stigmatisiert wird auch im Erziehungs- und Bildungsbereich. Ein strukturelles Problem, wie Sanem Kleff berichtet. Sie leitet bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Bundesausschuss Multikulturelle Angelegenheiten. Ausländische MitarbeiterInnen hätten wegen ihrer oft nicht anerkannten Berufs- oder Studienabschlüsse ein Zugangsproblem auf dem Arbeitsmarkt. »Warum auch immer, aber es wird geglaubt, die deutsche Bildung sei die beste«, sagt Kleff. Werde den MigrantInnen der Einstieg überhaupt ermöglicht, sei er immer deutlich niedriger als bei deutschen KollegInnen. Beispiel Schule: Hier kämen ausländische Lehrkräfte nie über BAT 4 hinaus, während ihre deutschen KollegInnen bereits mit BAT 2 einsteigen. Das bringe, so Kleff, nicht nur »500 Euro weniger cash auf die Hand«, sondern auch die Botschaft, dass die nichtdeutschen Mitarbeiter nur die zweite Klasse seien – und so würden sie von manchen Kollegen dann auch behandelt.

Im öffentlichen Dienst werde es immer dann brisant, weiß Zafer Ural, Vorsitzender des Bundesarbeitskreises Migration bei ver.di, wenn sich einfache Beamte und ausländische Angestellte um eine Stelle bewerben. Fast immer werde den Deutschen aufgrund ihres Beamtenstatus der Vorrang gegeben. »Da zählen zwanzig Jahre Arbeitserfahrung auf einmal nichts mehr«, beklagt Ural. Wo der Beamtenstatus derart wichtig sei, gäbe es einen fruchtbaren Boden für die Diskriminierung von MigrantInnen. Deshalb kommt der Gewerkschaftler zu einem untypischen Bekenntnis: Er sei froh über die Privatisierung der Post, da es seitdem mehr um Leistung gehe und ausländische MitarbeiterInnen dort viel bessere Chancen hätten. Fälle von Diskriminierung gibt es trotzdem noch. Vor allem in Ostdeutschland, sagt Ural, hätten es ausländische Schichtführer oft schwer, sich bei ihren Mitarbeitern durchzusetzen.


Gastronomie: Abhängig vom Wohlwollen der Arbeitgeber


Frank Mauer, Ressortleiter des Bereiches Systemgastronomie bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), fällt zum Thema Rassismus sogleich der Name des größten Arbeitgebers der Branche ein: McDonald’s. Dort seien es vor allem die Restaurantleiter, die ihre Angestellten diskriminierten. In einem Fall, weiß Mauer zu berichten, hat der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes von McDonald’s Deutschland zu einem Betriebsrat gesagt: »Ich werde dafür sorgen, dass Du abgeschoben wirst.« Dumm nur, dass der Betriebsrat einen deutschen Pass hatte.

In den Franchise-Filialen des Fast-Food-Multis sind nach NGG-Schätzungen 80 bis 90 Prozent der Beschäftigten MigrantInnen. Oft würden gezielt Leute mit Aufenthaltserlaubnis eingestellt, »weil man sie leichter mit deren Entzug unter Druck setzen kann«. Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse, so Mauer, seien zudem oft Ursache dafür, dass MigrantInnen auch von ihren Kollegen total unterschätzt würden.

Der Gewerkschaftler erinnert sich an seine eigene Arbeitszeit in Restaurant und Küche: »Wenn wir uns mit den Kollegen dann auf Englisch unterhielten wurde oft klar, die haben zu Hause studiert, sind mitunter aus politischen Gründen hier und würden in ihrer Heimat niemals einen solchen Job machen.« Unterschätzung führe zu Herabsetzung, zum Aufzwingen der niedrigsten Tätigkeiten wie Spülen und Putzen. Mauer erinnert sich: »Wenn ein Deutscher zufällig in der Küche landete, war das eine Strafversetzung. Da hat man aufgepasst, dass man wenigstens nicht die schmutzigsten Arbeiten abbekam.«

Das ist fünfzehn Jahre her. Die Weigerung von McDonald’s, sich zur besseren Schulung seiner Führungskräfte zu verpflichten, ist noch nicht so alt. Ebenso die interne Anweisung, keine Pakistaner mehr zu beschäftigen, weil deren Landsleute bei McDonald’s eine Betriebsratswahl gefordert hatten.

Für den Geschäftsführer der NGG-Verwaltungsstelle Wiesbaden, Jürgen Hinze, ist die Sache klar: »Rassismus ist ein Teil des Kapitalismus.« Ausländische ArbeiterInnen, zumal die schlecht deutsch sprechenden, hätten immer die niedrigsten Arbeiten gemacht. Zu Zeiten der Vollbeschäftigung jedoch erwünschter als in den heutigen Krisenzeiten, wo auch hiesige Arbeitnehmer auf Billigjobsuche gehen müssen. Bei McDonald’s, so Hinze, »gibt es keine Schweinerei, die nicht schon begangen wurde«. Vor drei Jahren deckte der Funktionär auf, dass drei polnische Arbeiter einer McDonald’s-Filiale im Keller des Schnellrestaurants nächtigten. Wofür ihnen ihr Arbeitgeber von den 750 Mark im Monat ein Drittel wieder abzog. Am unübersichtlichsten sei die Lage jedoch naturgemäß in den Betrieben mit dem geringsten Organisationsgrad, bei Hotels, Gaststätten, Bäckern und Fleischern: Ohne Betriebsräte gibt es keinen Einblick in eventuelle rassistische Angriffe.


Gewerkschaften: Abbild der Gesellschaft

Diesem positiven Einfluss von Gewerkschaftsarbeit wird jedoch auch widersprochen. Auf der von ver.di im vergangenen Oktober veranstalteten Tagung »Migration und Gewerkschaften – ein Handlungfeld für die Zukunft« zum Beispiel.

Dort kam der Direktor des Forschungsinstitutes Arbeit, Bildung, Partizipation (FIAB) der Ruhr-Universität Bochum, Klaus Dörre, in seinem Beitrag »Rechte Orientierungen unter Lohnabhängigen. Ursachen, Auswirkungen und Gegenstrategien« zu dem Schluss, dass in den Gewerkschaften die Diskussion über Rassismus zwar begonnen habe, »insgesamt dominiert aber immer noch Problemverdrängung«. Der Kampf gegen rechte Tendenzen werde immer noch »mittels Isolierung von neonazistischen Gruppen und Gewalttätern« geführt. Auf dem betrieblichen Auge scheinen viele Arbeitnehmervertreter immer noch blind zu sein. Dörre: »Eine offene Auseinandersetzung mit fremdenfeindlichen Tendenzen in den Betrieben und in der eigenen Mitgliedschaft findet kaum statt.«

Anfang Mai wurde in Halle auf der ersten ver.di-Tagung der MigrantInnen dieses Urteil bestätigt. Lange Zeit sei in der Dienstleistungsgewerkschaft Stille gewesen, wenn es um die AusländerInnenfrage ging, so ein Teilnehmer. Er wirft die Frage auf, ob die MigrantInnen, deren Mitgliederzahl von ver.di auf rund 250.000 geschätzt wird, vielleicht auch selbst zu leise waren. Inzwischen sind sie in einem Bundesarbeitskreis organisiert. Um eine eigene Identität innerhalb der Gewerkschaft zu finden und »richtig in der Organisation verankert zu sein«, so die Bereichsleiterin Migration beim ver.di Bundesvorstand, Sonja Marko, müssten die MigrantInnen jedoch bei ver.di als Personengruppe anerkannt werden.

Bei der IG Metall, wo MigrantInnen etwa zehn Prozent der 2,6 Millionen Mitglieder ausmachen, sind sie es schon seit über zwanzig Jahren.

Dennoch, so das Urteil von Gewerkschaftler Manuel Campos, »erreichen unsere Schritte nur einen kleinen Teil der Mitglieder«. Zwar gäbe es »Unmengen an Material«, aber »unsere Inhalte haben nicht den Stellenwert, den sie verdient haben«. So stellt Campos die selbstkritische Frage, »ob wir genug getan haben?« Gerd-Joachim Langecker, der Bundesjugendsekretär der NGG, berichtet, dass spezielle Seminare zum Thema Rassismus am Arbeitsplatz nicht mehr angeboten würden, weil sie niemals voll gewesen seien. »Es kamen eh immer nur die, die sich ohnehin mit dem Thema beschäftigen.«


(aus Soli extra "Antirassismus", Herbst 2003, Autor: Anett Keller, freie Autorin in Leipzig)

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