Deutscher Gewerkschaftsbund

Das ist nicht immer einfach

Nurcan Özsoy kann jetzt die Klappe aufreißen, so viel sie will. Sie kann in der Burger-King-Filiale in Berlin-Schöneweide stehen, das Fett spritzt hoch, sie steht im heißen Dampf, die braun gelockten Haare unter einer Haube versteckt, Nurcan Özsoy kann Hamburger braten, Kartoffelschnitze frittieren und Coca Cola ausschenken und sie kann sagen, was ihr nicht passt. Wenn sie von dieser neuen Freiheit erzählt, lacht die 21-jährige Nurcan Özsoy und schüttelt ihr Haar.

Allerdings war Nurcan Özsoy noch nie ein Mensch, der gerne ein Blatt vor den Mund genommen hat. Wenn ihr etwas nicht passt, dann sagt sie es gerade heraus. »Ich verteidige eben meine Rechte und Pflichten«, erklärt sie. Das klingt ein bisschen feierlich. Aber tatsächlich ist es neu, dass die jungen Leute bei Burger King aufmüpfig sein dürfen und rebellisch. Es ist neu, dass die Auszubildenden bei der Fastfood-Kette eine eigene offizielle Vertreterin haben. Eine, die deswegen nicht fürchten muss, nach der Ausbildung ihren Job zu verlieren. Das Gesetz schreibt vor, dass Auszubildendenvertreter wie Nurcan Özsoy übernommen werden müssen. Es ist noch ungewohnt für die jungen Kollegen, dass es da jetzt eine von ihnen gibt. Eine, die sich einsetzt, die weiß, wie es ist, wenn man in der Hitze steht in der Küche beim Braten oder an der Kasse bei den Kunden, eine, die sich notfalls auch anlegt mit den Chefs.

Erst im März wurde Nurcan Özsoy in das Amt der Auszubildendenvertreterin gewählt. Vorher gab es so etwas bei Burger King nicht. »Erst seit Dezember vergangenen Jahres hat das Unternehmen in Berlin überhaupt einen vernünftigen Betriebsrat«, erzählt Nurcan Özsoy. Der alte Betriebsrat habe eher auf der Seite des Arbeitgebers gestanden. »Erst jetzt«, erklärt sie, »läuft alles so wie es soll«.

Ungerechtigkeiten gibt es trotzdem. Bei Burger King arbeiten Thailänder, Inder, Türken, Araber, Polen und Deutsche zusammen. Wie eine wunderbar große Multikultur, klingt das. Aber wenn es nur die Deutschen sind, die im Management der Filialen sitzen, und nicht die anderen, obwohl die doch mehr als 50 Prozent der Belegschaft stellen – dann kann etwas nicht stimmen, meint Nurcan Özsoy. Sie selbst hat einen türkischen Pass. Die Verhältnisse in den Führungsetagen umzukehren, wäre also so ein Punkt, auf den man hinarbeiten könnte als Auszubildendenvertreterin und angehende »Fachfrau in der Systemgastronomie«, wie ihr Ausbildungsberuf in der Fachsprache heißt. Nurcan Özsoy, schüttelt wieder die Haare und schaut ganz so, als freue sie sich schon sehr auf dieses revolutionäre Projekt.

Freilich ist es nicht so, dass Rassismus und Ausländerfeindlichkeit ihre Tage bestimmen. »Da gibt es andere Probleme«, sagt Nurcan Özsoy. Eher kümmert sie sich darum, dass die Azubis ihre Überstunden bezahlt bekommen, setzt sich ein, dass sie im ersten und zweiten Lehrjahr keine Nachtschichten übernehmen müssen, dass immer genügend Ausbilder bei den Schichten dabei stehen, dass Urlaubszeiten eingehalten werden – solche Dinge.

Vorkommnisse gibt es dennoch manchmal. Etwa die Sache mit der älteren Mitarbeiterin muslimischen Glaubens. 15 Jahre arbeitete die Frau schon bei Burger King, und trotzdem wollten die Vorgesetzten ihr keine kurzen Pausen für ihre Gebetszeiten erlauben. Auch dass die Frau ein Kopftuch trug, passte ihnen nicht. Nurcan Özsoy hat mit den Chefs geredet, sie hat ihnen erklärt, dass die Frau glücklicher und fleißiger ist, wenn man ihr ihre Religion belässt, sie kurzum einfach bessere Leistung bringt. Sie hat mit den Männern von oben geredet, die Frau selbst hat es auch immer wieder probiert. Und irgendwann hatten sich die Gebetszeiten und das Kopftuch tatsächlich durchgesetzt. Bei einer Praktikantin, die mit Kopftuch erschien, hat Nurcan Özsoy das allerdings nicht geschafft. Das Mädchen musste gehen.

Ein anderes Problem, das ihr zum Thema Vorurteile einfällt, ist die Sache mit den südländischen Männern. »Sie nehmen einen als Frau nicht ernst, auch wenn man in einer Führungsposition steckt«, erklärt Nurcan Özsoy. Oft genug hat sie es bei männlichen Mitarbeitern durchkämpfen müssen, dass sie sich auch einer weiblichen Kollegin unterordnen, wenn es der Dienstplan verlangt. »Das ist nicht immer einfach.«

Manche Regeln des Managements, das hat Nurcan Özsoy übrigens auch festgestellt, können das Miteinander durchaus erleichtern. Zum Beispiel, dass nur Deutsch gesprochen werden darf während der Arbeit. »Wenn zwei Leute in einer fremden Sprache miteinander kommunizieren, fühlen sich die anderen ausgeschlossen und benachteiligt«, sagt sie. »Das Betriebsklima leidet. »Ich finde die Regel gut.«

Überhaupt ist es so, dass Nurcan Özsoy ihren Arbeitsplatz liebt. Es macht ihr Spaß, in der Küche Hamburger zu braten, Ketchup nachzufüllen, Zwiebeln zu schneiden im heißen Dampf. Sie findet es toll, riesige Mengen nachzubestellen beim Lieferanten: eine Palette Pommes und vier Kisten Fleisch. Sie liebt es, wenn der Laden voll ist mit Gästen und alles brummt. Bei Fragen bezüglich Rassismus, sexueller Belästigung und Mobbing sollen die Mitarbeiter eine Telefonnummer in Miami Florida anrufen, bei Burger King lernen das alle Azubis gleich zu Anfang ihrer Ausbildung. Ein Anruf, der sich erübrigt, wenn man eine Auszubildendenvertreterin wie Nurcan Özsoy hat. »Da reiße ich lieber selbst die Klappe auf«, sagt sie und lacht. Man glaubt ihr aufs Wort.


(aus Soli extra "Antirassismus", Herbst 2003, Autor: Kirsten Küppers, freie Journalistin in Berlin)

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