Deutscher Gewerkschaftsbund

Bologna ist kein Vorwand

Die Reform der Hochschulen und die Gewerkschaften. Von Andreas Schackert

Seit etwa zehn Jahren etabliert sich die systematische, zielgerichtete und zielgruppengenaue Ansprache von Studierenden immer stärker als Teil gewerkschaftlicher Arbeit. Nicht viel älter ist die Auseinandersetzung mit den Implikationen, der Umsetzung und den Auswirkungen der Bologna-Erklärung der europäischen WissenschaftsministerInnen, an der auch die Gewerkschaften regen Anteil nehmen. Und diese Auseinandersetzung ist in der Tendenz kritisch.

DGB und Mitgliedsgewerkschaften nehmen die Kritikpunkte von Arbeitnehmervertretungen auf – die die Arbeitsbedingungen, die Erwerbs­chancen und die Ausbildungsqualität ihrer Mitglieder im Blick haben. Weil Wohlstand, Gesundheit und Zufriedenheit der ArbeitnehmerInnen davon abhängen – und die, zu Recht, für sich in Anspruch nehmen, dass Wohlstand, Gesundheit und Zufriedenheit unverzichtbare Bedingungen für Bestand und Weiterentwicklung einer demokratischen Gesellschaft sind.

Aber die Kritik ist nur dann nützlich, wenn sie auch innerhalb des bestehenden Rahmens hilft, Verbesserungen zu entwickeln und umzusetzen. Dafür muss sie das, was sie vorfindet, mit nüchternem Blick einordnen. Ein nüchterner Blick auf die so genannten Bologna-Reformen an deutschen Hochschulen erfasst dabei drei Aspekte:

Die Reformen sind umkehrbar.
Aber eine Umkehr bedeutete Rückkehr zu dem, was vorher war – einer Hochschulausbildung, die bezüglich der individuellen Betreuung der Studierenden, der Abbrecherquoten und der Ausbildungsqualität kaum besser dastand als die heutige.

Die Reformen sind unvollständig.
Gerade das Versprechen, mit dem sie begründet wurden, eine bessere internationale Vergleichbarkeit, eine Verbesserung der Studierbarkeit und eine stärkere Fokussierung auf berufliche Qualifikationen, lösen sie keinesfalls ein.

Die Reformen sind aber auch eine Chance.
Sogar und besonders da, wo sie gescheitert erscheinen. Denn die breite politische und gesellschaftliche Diskussion um die Fehler und Schwächen des Hochschulsystems zwingt die Gewerkschaften, dezidierte und auch gemeinsame Positionen zu entwickeln. Und ermöglicht schon heute stärker als je, mit diesen Positionen wahrgenommen zu werden – insbesondere auch außerhalb der Fachöffentlichkeit.

Die Synthese aus diesen drei Wertungen ist freilich, dass die politische Stoßrichtung nicht auf die Rücknahme der Bologna-Reformen, sondern auf ihre Instrumentalisierung – und die ihrer Ergebnisse – im Sinne eines modernen und demokratischen Hochschulwesens und einer emanzipierten, kritischen und unabhängigen Wissenschaft gerichtet sein muss.

Der verlängerte Reformprozess birgt dabei auch eine Chance, gewerkschaftlichen Einfluss an der Hochschule zu verankern und zu vergrößern. Denn der Arbeitsmarktbezug, der laut den Bologna-Beschlüssen in stärkerem Maß Teil der Curricula werden soll, kann von DGB und Mitgliedsorganisationen an Uni und Fachhochschule genutzt werden, um sichtbarer zu werden. Gewerkschaften sind schließlich laut Grundgesetz sogar ein besonders geschützter Teil des Arbeitsmarktes – ein gutes Argument für die Präsenz auf dem Campus weit über arbeitsrechtliche Beratung für den Nebenjob hinaus.

Unsere arbeitsweltliche Kompetenz kann durch Beiträge in Pflichtveranstaltungen ebenso wie im Bereich der Schlüsselkompetenzen in das Regelprogramm fast jedes Studiengangs integriert werden, ohne dass immer gleich eine eigene, mit großem Aufwand vorbereitete Vorlesungs- oder Seminarreihe veranstaltet werden muss.

Schon heute gibt es eine große Zahl an guten Beispielen dafür, ob und wie GewerkschafterInnen, Betriebsräte und fachkundige Mitglieder mit ihren Erfahrungen in Veranstaltungen zur Berufsfeldorientierung, Arbeitsethik oder Technikfolgenabschätzung eingebunden werden und dort die eigene Kompetenz nutzen, um Fragen der Beschäftigteninteressen aufzuwerfen und gewerkschaftliche Positionen zu vermitteln. Aber auch in Fragen des Umgangs mit hoher Arbeitsbelastung, Streit über Ausbildungsinhalte und bei Konflikten zwischen Lehrenden und Lernenden, die im Zuge der Bachelor-Reformen für die Studierenden vielfach drängender wurden, können Gewerkschaften auf enorme Erfahrungen zurückgreifen, wodurch sie attraktiver Partner für Studierende und Beschäftigte der Hochschulen gleichermaßen sein können. Als Königsdisziplin gilt freilich, die Anerkennung der Teilnahme an Seminaren gewerkschaftlicher Weiterbildung als studienrelevante Leistung zu etablieren.

In der Frage, wie Studierende, die auf diesem Wege mit gewerkschaftlichen Positionen und Angeboten in Berührung kommen, für eine Mitgliedschaft oder gar Mitarbeit gewonnen werden können und wie man sie als Mitglieder dauerhaft hält, gibt es noch viel Raum für Diskussionen und Versuche. Das vor allem in Skandinavien erfolgreich eingesetzte biografische Modell, bei dem regelmäßig auf die jeweilige Studienphase zugeschnittene Angebote formuliert werden, gepaart mit wahrnehmbarer kontinuierlicher Präsenz auf dem Campus, erscheint dabei als erfolgversprechend. Es bedarf allerdings auch einer finanziellen und personellen Absicherung, die über das heute vielerorts übliche Maß hinaus geht.

Umso wichtiger ist es, die richtigen Partner zu suchen und zu binden. Die studentische Selbstverwaltung, insbesondere die Fachschaften, sind die ersten Partner, mit denen eine fruchtbare Zusammenarbeit auf Augenhöhe und vor allem nah an den Studierenden möglich ist – auch wenn sie manchmal hart erarbeitet sein will.

Die Gewerkschaften können dabei vor allem mit verlässlichen Strukturen punkten, die die nicht selten niedrige Professionalität und hohe Fluktuation studentischer Vertretungen auszugleichen helfen. Auf diese Weise kann es den Gewerkschaften gelingen, in zehn Jahren in den Hörsälen ebenso etabliert zu sein, wie sie es heute bei der Kritik am Bologna-Prozess sind.


Andreas Schackert ist Berater im DGB-Jugend-Projekt "Students at work".


(aus der Soli 8+9/10, Autor: Andreas Schackert)

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