Deutscher Gewerkschaftsbund

Auf der Tagesordnung

Auch für DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock ist das Thema Antirassismus längst nicht vom Tisch. Sie plädiert für eine alltagsnahe und kontinuierliche Projektarbeit.

Soli: Welchen Stellenwert hat Antirassismus heute bei der DGB-Jugend?

Sehrbrock: Antirassismus ist ein wichtiger Bereich der Arbeit der DGB-Jugend. Auch wenn es in den letzten Monaten nicht mehr so viele offen rechtsextremistisch motivierte Übergriffe auf Menschen aus anderen Ländern gegeben hat, bleiben Fremdenfeindlichkeit und Rassismus an der Tagesordnung. Vielleicht nicht mehr so spektakulär, sondern als diskriminierende Strukturen im Alltag. Auf dem Arbeitsmarkt und auch im betrieblichen Tagesablauf.

Die DGB-Jugend, aber auch die Einzelgewerkschaften haben eine ganze Reihe von unterschiedlichen Projekten initiiert, von denen einige schon lange laufen, andere aber nur eine kurze Lebensdauer hatten. Was macht denn ein gutes Projekt aus?

Die Evaluierung ist eine schwierige Sache. Dazu müssen die Ziele eines Projekts vorher klar festgelegt werden. Es sollte praxisbezogen und alltagsnah sein, die Jugendlichen also in ihrer Lebenswelt abholen. Und es sollte vor allem über einen längeren Zeitraum laufen.

Das dürfte bei der großen Fluktuation in den Jugendverbänden aber schwierig sein …

Das ist generell ein Problem von Jugendarbeit, bei dem ich ziemlich ratlos bin. Aber ich habe mir angewöhnt, das auch positiv zu sehen: Wenn die Leute schnell wechseln, bringen die neuen immer wieder viel Elan und neue Ideen mit.

Bleibt es da nicht oft bei einer symbolischen Politik, bei der es wichtiger ist zu sagen, wir machen doch was, als tatsächlich die Erfolge zu kontrollieren? Schließlich geht es auch um viel Geld für die Förderung dieser Projekte.

Es gibt sicher auch bei uns Projekte, die mehr für die Öffentlichkeit gedacht sind – das finde ich aber gar nicht per se schlecht. Im Gegenteil. Sie erreichen eine Menge Aufmerksamkeit für das Thema. Trotzdem: Die meisten gewerkschaftlichen Projekte – wie etwa das Netzwerk für Demokratie und Courage – machen eine sehr kontinuierliche und effektive Bildungsarbeit, die schon an den Schulen ansetzt. Und die betrieblichen Projekte sind ohnehin immer sehr konkret und geraten selten groß an die Öffentlichkeit. Dabei haben sie die direktesten Auswirkungen, schließlich geht es hier darum, ganz gezielt Diskriminierungen abzubauen: Unterschiede in der Ausbildung, der Behandlung, bei den Aufstiegsmöglichkeiten, der Bezahlung, der Eingruppierung.

Was können denn JAV oder auch Betriebsrat hier tun?

Sie können zum Beispiel Fälle von Fremdenfeindlichkeit oder auch Diskriminierung sammeln. Dabei müssen sie nicht unbedingt eine Umfrage starten. Sie können auch ein anonymes Beschwerdebuch auslegen – das geht sogar online. Außerdem kann man das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung nehmen. Gut ist, wenn man es schafft, einen jährlichen Gleichstellungsbericht zur betrieblichen Personalpolitik durchzusetzen oder eine Betriebsvereinbarung.

Wie soll die aussehen?

Da kann im wesentlichen drin stehen, was man früher im Bereich Gleichstellung von Frauen formuliert hat. Es gibt eine Reihe von Mustervereinbarungen. Wichtig ist, dass die Umsetzung regelmäßig ausgewertet wird. Sie kann aber auch über die Benimmregeln innerhalb des Betriebes hinausgehen: Die Berliner S-Bahn hat beispielsweise eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, dass Beschäftigte eingreifen sollen, wenn sie sehen, dass ein Fahrgast von einem anderen angegangen wird. Obwohl das anfangs sehr umstritten war, konnten dann sehr schnell Beschäftigte für vorbildiches Verhalten ausgezeichnet werden.


(aus Soli extra "Antirassismus", Herbst 2003, Interview: Jürgen Kiontke, Chefredakteur von Soli aktuell, Beate Willms, Ressortleiterin Wirtschaft und Umwelt bei der »taz«)

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