Deutscher Gewerkschaftsbund

Ein Job wie ein Todesurteil

Gewerkschaftsarbeit ist gefährliche Arbeit: 101 Aktive wurden 2009 weltweit ermordet. Der IGB warnt: Der Druck auf die Arbeitnehmerrechte wächst durch die Folgen der Krise für die Arbeitsplätze.

Kolumbien. Kolumbien liegt ganz weit vorne. "Kolumbien war erneut das Land, in dem der Einsatz für grundlegende Arbeitnehmerrechte mehr als anderswo einem Todesurteil gleichkommen kann, trotz der PR-Kampagne der kolumbianischen Regierung, die das Gegenteil zu suggerieren versuchte", sagt Guy Ryder.

Der Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) muss wissen, wovon er redet: Gerade hat seine Organisation – der Dachverband nationaler Gewerkschaftsbünde mit 311 Mitgliedsorganisationen in 155 Ländern mit insgesamt 175 Millionen Mitgliedern – die jährliche Übersicht über die Gewerkschaftsrechte weltweit für das Jahr 2009 veröffentlicht.

Dieser Bericht über die Ausübung von Gewerkschaftsrechten dokumentiert für das Jahr 2009 eine dramatische Zunahme der an GewerkschafterInnen verübten Morde: Die Zahl der Getöteten ist auf 101 gestiegen – eine Zunahme um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Kolumbien führt dabei die Liste an: 48 der Morde geschahen dort. 22 der getöteten kolumbianischen GewerkschafterInnen waren hochrangige GewerkschaftsführerInnen, fünf davon Frauen, womit die Anschlagsserie des Vorjahres unvermindert anhielt. In den letzten 23 Jahren wurde nahezu an jedem dritten Tag ein gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer in diesem Land ermordet. Unternehmen, Regierung und Paramilitärs machten gleichermaßen Jagd auf die ArbeitnehmervertreterInnen.

Auch 16 Morde in Guatemala, zwölf in Honduras, sechs in Mexiko, sechs in Bang­ladesch, vier in Brasilien, drei in der Dominikanischen Republik, drei auf den Philippinen, jeweils einer in Indien, im Irak und in Nigeria sind zu verzeichnen. Weiterhin sitzen viele GewerkschafterInnen im Gefängnis, und rund 100 wurden 2009 neu inhaftiert.

140 Länder werden in dem Bericht porträtiert. Was allen gemein ist: Antidemokratische Kräfte richteten ihre Angriffe gegen gewerkschaftliche Aktivitäten, weil sie wissen, dass die Gewerkschaften oft an vorderster Front für die Verteidigung der Demokratie eintreten.

Zahlreiche Fälle einer Niederschlagung von Streiks und der Unterdrückung streikender ArbeitnehmerInnen künden von diesen Verhältnissen. Tausende von Beschäftigten, die auf die Straße gingen, um die Zahlung ausstehender Löhne einzufordern, harte Arbeitsbedingungen oder die schweren Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise anzuprangern, wurden verprügelt und verhaftet. In Bangladesch starben gar sechs Beschäftigte in der Bekleidungsindustrie, die in den Streik getreten waren, um eine Lohnerhöhung und die Bezahlung ausstehender Löhne durchzusetzen, nach einem Polizeieinsatz.

In verschiedenen Ländern drohten Unternehmen den Beschäftigten mit einer Schließung des Betriebs oder einer Verlagerung von Produktionsstätten, falls sie eine Gewerkschaft gründen oder sich einer solchen anschließen sollten.

Teilweise wurden Arbeitsgesetze geändert, um mehr "Flexibilität" zu schaffen und soziale Wohlfahrtssysteme zu verwässern, was oft Auswirkungen auf die bestehenden Arbeitsbeziehungen hatte und damit die Gewerkschaftsrechte einschränkte.

Eine weitere negative Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise besteht darin, dass immer mehr Beschäftigte gezwungen sind, prekäre Tätigkeiten unterschiedlichster Art zu verrichten.

"Die diesjährige Übersicht zeigt, dass die Mehrzahl der Beschäftigten in der Welt nach wie vor keinen wirksamen Schutz ihres Rechts, Gewerkschaften zu gründen und Tarifverhandlungen zu führen, in Anspruch nehmen kann. Dies ist ein wesentlicher Faktor bei der langfristigen Zunahme des wirtschaftlichen Ungleichgewichts innerhalb und zwischen Ländern", sagt Ryder.


Der ILO-Bericht im Internet: http://survey.ituc-csi.org

***

WIR IM SOCIAL WEB