Deutscher Gewerkschaftsbund

Arm dran, Arm ab?

Ein globalisierter Gesundheitsmarkt verweigert den Unterprivilegierten das Recht auf Gesundheit.

Die Vorstellung der marktliberalen Globalisierer von einem privatisierten Gesundheitssystem klingt gar nicht mal so übel: Patienten sind nicht mehr zu Dank verpflichtete Hilfsempfänger, sondern Kunden, die kompetent Gesundheitsdienstleistungen am Markt einkaufen, die von Krankenversicherungen, Ärzten, Therapeuten und Pflegenden angeboten werden. Dass es nur um eine bessere Gesundheitsversorgung geht, kann jedoch kaum glauben, wer sich die Verdienstmöglichkeiten ansieht: Die Gesundheitsmärkte in den OECD-Ländern, die nach aktuellen Schätzungen einen Jahresumsatz von drei Billionen US-Dollar haben und Prognosen zufolge in den nächsten fünf Jahren um ein weiteres Drittel wachsen werden, sind schlicht äußerst profitabel und erhalten durch die Globalisierung ganz neue Dimensionen.

Neben den schon immer transnational arbeitenden Pharmaunternehmen haben große Krankenhauskonzerne, die eine Expansion über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus suchen oder Versicherungsgesellschaften, die neue Kunden anwerben, Interesse am globalisierten Gesundheitsmarkt. Mit Hilfe der Telemedizin ist die physische Präsenz des Arztes beim Patienten für Diagnostik und Therapie nicht mehr erforderlich. Und auch Laborleistungen lassen sich globalisieren.

Wer tatsächlich von einem privatisierten Gesundheitssystem profitiert und wer verliert, zeigt der Blick in viele hochverschuldete Länder der Dritten Welt, die ihre öffentlichen Dienste schon seit den achtziger und neunziger Jahren abbauen mussten. Neben dem externen Brain Drain, also der Abwanderung von medizinischem Personal vor allem in den Mittleren Osten, die USA, Großbritannien und Australien, wo es mehr Stellen und mehr Geld gibt, gibt es auch einen internen vom öffentlichen ins private System – viele Gesundheitsarbeiter können nicht mehr von den öffentlichen Löhnen leben.

Diese Überlebensstrategien der im Gesundheitssystem Beschäftigten machen es für Patienten, die sich die teil- oder ganz privatisierten Dienste nicht leisten können, immer schwieriger, zu einer geregelten Gesundheitsversorgung zu kommen. Außerdem verschärft sich der Unterschied zwischen Stadt und Land dramatisch, weil die Gelegenheit zum privaten Nebenverdienst in den Städten sehr viel größer ist.

Die Kombination aus ökonomischer Notwendigkeit und Marktideologie beschädigt das professionelle Ethos nachhaltig. Und es verstärkt die Entwicklung eines zweigeteilten Gesundheitssystem: Hier ein schäbiges öffentliches mit unmotiviertem, überarbeitetem und schlechter qualifiziertem Personal, da ein Privatsektor, der qualifizierte Leistungen nur gegen Bezahlung bereitstellt und der keine Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung der ökonomisch Schwachen übernimmt.

Verstärkt wird diese Spaltung noch durch große Krankenhauskonzerne, die durch Joint Ventures bereits die Voraussetzungen für einen Behandlungstourismus geschaffen haben. Sie nutzen die niedrigeren Lohnkosten, bieten aber vor allem High-Tech-Medizin an und konzentrieren ihre Ressourcen so vor allem auf diejenigen, die dafür bezahlen können. Thailand ist ein Beispiel für eine solche Dynamik im Gesundheitsbereich. Aber auch in Indien gibt es bereits eine Reihe solcher Projekte, die im Vergleich zu den westlichen Industriestaaten und anderen regionalen Unternehmen kostengünstigere Behandlungen anbieten. So kosten dort Bypass-Operationen ein Zehntel des in den USA üblichen Preises.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Kommerzialisierung und Entstaatlichung der Gesundheitsversorgung so wichtige Ziele der Gesundheitspolitik wie Solidarität und gleichen Zugang zu einer qualitativ guten Gesundheitsversorgung bedroht. Dabei wäre es selbst mit diesem Zugang noch nicht getan: Damit Menschen besser, gesünder und länger leben können, brauchen sie auch so banale Dinge wie gute, ausreichende Nahrung, sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen, gute Wohnmöglichkeiten, ein sicheres Einkommen, stabile soziale Beziehungen, die Abwesenheit von Krieg, Gewalt und Ausbeutung. Für diese Perspektive stand und steht die Strategie der Primären Gesundheitsfürsorge, die die Weltgesundheitsorganisation WHO 1978 verabschiedete. Sie sieht nicht nur den Staat in der Verantwortung für die Grundversorgung, sondern geht auch davon aus, dass die Menschen selbst aktiv an der Planung und Durchführung ihrer Gesundheitsdienste beteiligt werden müssen. Leider ist das Prinzip schon kurz nach danach in den meisten Ländern unter die Räder der beginnenden marktwirtschaftlichen Orientierung der Strukturanpassungsmaßnahmen gekommen.

Das »Recht auf Gesundheit« entsteht aus beidem: dem formulierten Rechtsanspruch und dem Aktivwerden der Menschen, ihn umzusetzen. Exemplarisch für diese Gesundheitsbewegung von unten ist in den letzen Monaten besonders die südafrikanische Treatment Action Campaign bekannt geworden, die sich aktiv für die Rechte der Aids-Kranken auf Behandlung einsetzt und zugleich ein treibender Faktor in der Bekämpfung der Epidemie in diesem Land ist.

Andreas Wulf ist verantwortlich für Gesundheitsprojekte bei der Hilfsorganisation Medico international.


(aus Soli extra "Globalisierung" Sommer 2003, Autor: Andreas Wulf)

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