Deutscher Gewerkschaftsbund

Keine Fragezeichen mehr

Die DGB-Jugend war zahlreich beim ESF in Istanbul vertreten. Prekarität und Krise heißt die Lebenswirklichkeit junger Menschen in Europa.

"Jugend in der (Weltwirtschafts-)Krise!?" lautete das Motto der DGB-Jugend beim diesjährigen Europäischen Sozialforum (ESF). Es fand vom 1. bis zum 4. Juli 2010 in Istanbul statt. Um die 100 Gewerkschaftsjugendliche aus Deutschland waren vor Ort. Insgesamt nahmen 5.000 Menschen am ESF teil.

Das Fragezeichen im Titel konnte man eigentlich gleich wieder streichen. Denn die Jugend ist in Europa – und nicht nur dort – Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise.

Dies wurde auch schnell im Workshop der DGB-Jugend klar: Prekäre Beschäftigung ist auf dem Vormarsch, das zeigten die Erfahrungen aller Beteiligten. Der Trend geht zu noch mehr Flexibilisierung, die Standards bei den Arbeitsverhältnissen sind im freien Fall und die Jugendarbeitslosigkeit nimmt zu.

Der Workshop war eine zwei Stunden lange Diskussionsrunde auf hohem Aufmerksamkeitsniveau, gerade weil die TeilnehmerInnen von ihrer persönlichen Erfahrung ausgingen. So erzählte ein junger Leiharbeiter aus Deutschland von seinen Erlebnissen als Altenpfleger. Nie weiß er, wo der nächste Einsatzort liegt, welche Schichten er arbeiten muss. Und manchmal gibt es eben auch gar keine Arbeit, dementsprechend auch kein Einkommen. Zumindest ist es jeden Monat anders. Die KollegInnen aus der Türkei konnten hier gut einhaken: Arbeit sei in der Türkei oft informell, das heißt: ohne Regeln.

Andererseits, es ist kaum zu glauben, aber: Leiharbeit ist in der Türkei verboten, wie die türkischen TeilnehmerInnen betonten. In Deutschland nicht.

GewerkschafterInnen aus Spanien erzählten von einer bedrohlichen Jugendarbeitslosigkeit. Die offiziellen Zahlen seien schon schlimm, laut Regierungsangaben liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 50 Prozent. Nur: Die wahren Verhältnisse spiegeln sich darin noch gar nicht wieder.

"Fünf Millionen sind in Spanien arbeitslos. Viele Leute wurden wegen der Finanzkrise entlassen", erzählte Izaskun Garrido von der Gewerkschaft CCOO. Die spanische Regierung habe die Ausgaben insbesondere im Gesundheitsbereich drastisch zurückgefahren.

"Eine Debatte über Sozialversicherungen in Europa wäre nicht uninteressant", sagt Christoph Beder von der DGB-Jugend-Delegation.

Die Diskussionen zeigten, dass die aktuelle Krise die Lage junger Leute verschärft. Andererseits ist Krise mittlerweile auch so etwas wie ein Dauerzustand der jungen Generation in Europa.

Dies mal als Klammer gesetzt, fragten sich gewerkschaftlich Aktive beim ESF: Was können Gewerkschaften tun, um die Lage zu verbessern? Auch hier zeigt sich ein europäischer Trend – das klassische Angebot der Gewerkschaften à la "Wir verhandeln für euch die Tarife, Service liefern wir auch, und darum werden alle viele Menschen Mitglieder" reicht so nicht ganz. Die Gewerkschaften müssen ganz anders auf – insbesondere junge – Leute zugehen und in die Betriebe rein!

Stopp, hieß es da gleich wieder, denn: In den Betrieben sind längst nicht alle anzutreffen. Viele haben gar keine Jobs.

Darauf hat man in Italien vorbildlich reagiert: Mit einer groß angelegten Medien- bzw. Internetkampagne, mit der das Thema prekäre Arbeitsbedingungen aufgenommen wurde, ist es gelungen, breite Schichten mit politischen Inhalten anzusprechen.

Und auch die Zusammenarbeit der Gewerkschaftsjugenden hat sich seit dem ESF in Malmö entschieden verbessert: "Eine E-Mail reicht – und man kann was wuppen", sagt Jessica Heyser, die den ESF-Workshop in Istanbul für die DGB-Jugend "gewuppt" hat.

Auf den verschiedenen Ebenen und in den Gremien sei es einfacher geworden, Inhalte zu platzieren, "wenn man die an anderer Stelle schon mal diskutiert hat".

So wurde zwar in den Medien die im Gegensatz zu früheren ESF-Veranstaltungen sehr niedrige Teilnehmerzahl moniert. Für die Gewerkschaftsjugend macht die Beteiligung am ESF aber auf diese Weise sehr viel Sinn. Das Treffen ermöglicht die europaweite Vernetzung gewerkschaftlich und sozial bewegter Aktiver. Es bietet zudem ein breites Spektrum, um über die Gestaltung einer alternativen Politik zu sprechen.

"Für uns ist das ESF ein Ort, an dem wir uns austauschen können. Und um zu lernen, wie es in den anderen Ländern aussieht, welche Themen auf der Europa-Agenda der Gewerkschaften und sozialen Bewegungen stehen und welche Lösungsmöglichkeiten es dort gibt", sagt Heyser.

Dabei wird die multilaterale Zusammenarbeit immer barrierefreier. Junge Leute denken international und sind insofern kulturell zusammengewachsen, dass sie die gleichen Erfahrungen machen: Man steckt in Lissabon wie Istanbul seinen iPod aus Versehen in die Waschmaschine und wundert sich in allen Ländern Europas gleichermaßen, was mit den privaten Daten bei Facebook passiert. Und warum es einfach nichts anderes als befristete Arbeitsverträge gibt.

Wenn die Zukunft überall unklar scheint und sich die Menschen sagen: Keine Ahnung, was in meinem Leben passieren wird, sicher ist nichts – dann verbindet das eben auch. Allerdings hapert es an der Kommunikation: Nicht alle jungen Europäer können zwei, drei Sprachen fließend, sondern oft nur die ihres jeweiligen Herkunftslandes. Da gibt’s Handlungsbedarf.

Nichtsdestotrotz haben die jungen GewerkschafterInnen ein gemeinsames Vorgehen abgestimmt – und sich auf einen eigenen Jugendblock bei den Aktivitäten am 29. September 2010, dem "European Action Day", verständigt. Das Thema, wie sollte es anders sein: prekäre Beschäftigung.

Wer sich an der internationalen Gewerkschaftsarbeit ­beteiligen möchte, hier der Kontakt: DGB-Jugend, Tel.: 030 / 240 60 171, E-Mail: jessica.heyser@dgb.de


(aus der Soli aktuell 7/10, Autor: Jürgen Kiontke)

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