Deutscher Gewerkschaftsbund

Studium & Ökonomie: Böse Studis?

Sie fahren unsere Autos und trinken unser Bier. Und dann treiben sie noch die Flexibilisierung voran.

Die Zeiten sind vorbei, als man noch fragen konnte, warum Studenten schon um halb sieben aufstehen müssen, und als Antwort bekam: "Weil um acht die Geschäfte zumachen." Wer heute studiert, kann es sich nicht mal mehr leisten, bis mittags zu schlafen und die Studien dann eben in die Nachtstunden zu verlegen. Statt dessen ist ein gutes Zeitmanagement gefragt: Zwei von drei Studierenden müssen neben dem Studium noch Geld verdienen. Und das tun sie laut einer Studie der Universität Bremen nicht nur hauptsächlich zu überraschend alltäglichen Arbeitszeiten – nämlich zwischen 8 und 17 Uhr –, sondern auch in zunehmenden Stundenumfang.

Das ist kein Wunder: Auf 638,60 Euro veranschlagt das Deutsche Studentenwerk heutzutage die Lebenshaltungs- und Studienkosten. Den größten Teil tragen in Deutschland mit 41 Prozent die Eltern; höher liegt der Anteil nur in Belgien und Italien, während er in den anderen europäischen Ländern eine zum Teil wesentlich geringere Rolle spielt – ein Indiz dafür, dass hierzulande immer noch mehr Kinder von besserverdienenden Eltern die Hochschulen bevölkern. Das lässt sich auch statistisch belegen: Laut Studentenwerk stammt nur jeder fünfte Studierende aus einer Arbeiterfamilie, während jeder dritte einen Vater mit Hochschulabschluss hat.

Aufgefangen werden sollte das eigentlich durch die staatliche Studienförderung wie etwa das BAFöG. Tatsächlich hat sich der jahrelange Abwärtstrend bei der Zahl der Geförderten hier seit der letzten Reform verlangsamt. Und in diesem Jahr konnten rund 22 Prozent auf die Unterstützung zurückgreifen. Das ist zwar erheblich weniger als in den Niederlanden oder Finnland, wo 90 bzw. 83 Prozent der Studierenden staatlich bezuschusst werden. Dafür beträgt die durchschnittliche BAföG-Zahlung 326 Euro, während Niederländer mit nur 188 Euro auskommen müssen.

Insgesamt reichen jedoch auch elterliche und staatliche Förderung zusammen nicht aus. Zwei Drittel aller Studierenden in Deutschland jobben neben dem Studium. Bei 1,945 Millionen Frauen und Männern, die derzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben sind, sind das fast 1,3 Millionen Jobber, die als Weihnachtsmänner, Taxifahrerinnen, Büro- und Fabrikarbeiter, Arzthelferinnen, studentische Hilfskräfte, Freiberufler und Selbstständige einem ganz normalen Arbeitsalltag unterworfen sind. Das heißt, so normal ist der nicht: 41 Prozent der erwerbstätigen Studierenden arbeiten als Aushilfe in Büros oder Fabriken, 28 Prozent als studentische Hilfskraft, 13 Prozent in einem früher erlernten Beruf oder freiberuflich, neun Prozent verdienen ihr Geld mit Nachhilfe, acht in bezahlten Praktika – und vier haben ein eigenes Unternehmen.

Ein so genanntes Normalarbeitsverhältnis ist also die Ausnahme. Und da die allermeisten Jobs auch inhaltlich nichts mit den Studienfächern zu tun haben, gehen die Studierenden oft genug davon aus, dass sie nur vorübergehend jobben und es sich nicht lohnt, es auf arbeitsrechtliche Konflikte ankommen zu lassen. Zugleich treffen sich die Interessen der durch Studium und Erwerbsarbeit doppelt Belasteten mit denen vieler Arbeitgeber nach flexibler Gestaltung des Arbeitsverhältnisses – die dann jedoch aufgrund der üblichen Machtverhältnisse meist zu Ungunsten der beschäftigten Studis ausgeht.

Das Ergebnis: Studierendenjobs sind für Arbeitgeber oft der Testfall dafür, was am Arbeitsmarkt an Deregulierung durchsetzbar ist. Im Einzelnen fallen die Arbeitsverhältnisse höchst unterschiedlich aus.

Nicht nur bei den Arbeitsbedingungen, sondern auch bei der Bezahlung gibt es eine breite Streuung – nicht zuletzt, weil Aushilfen etwa in kleinen Büros und Agenturen, aber auch Freiberufler und Selbstständige keine tarifliche Einbindung haben. Geografisch gesehen verdienen Studierende aus Westberlin, dem irischen Kildare und dem italienischen Emiglia Romagnea europaweit am besten, am schlechtesten geht es ihren Kommilitonen in Sachsen, dem irischen Carlow und dem italienischen Puglia. Am meisten aus geben übrigens Hamburger und Lombarden – vermutlich nicht von selbst verdientem Geld.

Was die doppelte Belastung – Kindererziehung gar nicht gerechnet: Immerhin haben 6,7 Prozent der Studierenden Kinder und unter den studierenden Müttern sind 27 Prozent alleinerziehend – für die Qualität des Studiums bedeutet, ist offensichtlich: Rund 36 Stunden die Woche brauchen Studierende im Durchschnitt fürs Studium, fürs Geldverdienen gehen noch einmal 13,9 Stunden drauf. Im Einzelfall ist der Aufwand jedoch sehr unterschiedlich: Jeder zehnte erwerbstätige Studierende arbeitet bis zu vier Stunden, jeder dritte bis zu acht Stunden und immerhin jeder sechste mehr als 20 Stunden die Woche.

Studien unterstreichen, was man sich auch selbst denken kann: Je mehr Zeit Studierende für das Jobben brauchen, desto weniger investieren sie in Lehrveranstaltungen und Selbststudium


(aus Soli extra "Students at work" Winter 2002, Autor: Beate Willms)

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