Deutscher Gewerkschaftsbund

Studentische Beschäftigte: Von wegen Professors Liebling

Studentische Beschäftigte an den Hochschulen werden beneidet. Dabei sitzen sie zwischen allen Stühlen: Weil die Professoren für sie sowohl Vorgesetzte wie auch mögliche Prüfer sind, können sie sich nicht wie normale Arbeitnehmer fühlen. Eine bundesweite Tarifinitiative will Abhilfe schaffen.

In den Augen der meisten Studis haben sie die absoluten Traumjobs: so genannte Hiwis oder – politisch korrekt – "Studentische Beschäftigte". Sie arbeiten direkt am Seminar, als Tutoren persönlich mit den den meisten Studierenden oft so fremd bleibenden Professoren zusammen, lernen den Wissenschaftsbetrieb von innen kennen – und legen so womöglich schon den Grundstein für die spätere akademische Karriere. So weit jedenfalls die Vorstellung.

Tatsächlich ist für manch einen dieser Studentischen Beschäftigten schon der Arbeitsvertrag ein Schock: Da wird die Tätigkeit auf wenige Wochen oder Monate oder zumindest auf das Semester begrenzt. Die Verlängerung ist von der Willkür der zuständigen Dienststelle abhängig. Von Urlaub, Weihnachtsgeld oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist überhaupt nicht die Rede. Und auch der Stundenlohn lässt nicht ahnen, dass man sich hier im Bereich des Öffentlichen Dienstes bewegt. In Hamburg etwa stagniert der Lohn seit Jahren bei 8,02 Euro (früher 15,68 Mark), und das ist schon nicht schlecht: An Fachhochschulen in Ostdeutschland bekommen Tutoren und andere studentische Mitarbeiter oft nicht mal fünf Euro.

"Leben konnte ich davon nicht", sagt Klaus, der es immerhin geschafft hat, ein paar Jahre lang in Bonn am Germanistischen Seminar zu arbeiten. Bis er sein Magisterexamen erfolgreich bestand und den Job von einem Tag auf den anderen los wurde – als Studentischer Beschäftigter muss man eben noch Student sein. Den Einstieg in den akademischen Betrieb hat er nicht geschafft und auch sein ursprüngliches Ziel, Professor für Mediävistik zu werden, längst aufgegeben. "Da war ich ganz schnell desillusioniert", sagt er. Denn auch im so genannten Mittelbau, bei den promovierten, oft noch habilitierenden Dozenten, sähen die Arbeitsbedingungen "nicht so aus, wie ich mir einen guten Job vorstelle": Wegen der Finanzmisere an den Hochschulen werden unbefristete Arbeitsverhältnisse immer mehr durch befristete und flexible verdrängt, die Studentischen Beschäftigten bilden nur die unterste Stufe. Viele Akademiker sind freiberuflich tätig, springen von Lehrauftrag zu Werkvertrag und sind froh, wenn sie zwischenzeitlich mal ein Stipendium erhaschen.

Neben der eigenen Karriere gestaltet sich auch das Verhältnis zu den Professoren für die Studentischen Beschäftigten oft nicht unbedingt nach Wunsch: Manch einer wird erst bei der konkreten Arbeit klar, dass ihr möglicher Prüfer nun auch ihr Vorgesetzter ist – mit allen Problemen, die das birgt. "Bei dem will ich doch nicht dadurch negativ auffallen, dass ich rummäkele, wenn ich etwa Krankzeiten später nacharbeiten muss", sagt Silke, die seit einem halben Jahr von der Nur-Studentin der Physik zur Mitarbeiterin in der Verwaltung aufgestiegen ist.

So richtig als Arbeitnehmer, die auch für ihre Rechte einzutreten bereit sind, verstehen sich die Uni-Jobber nicht. Das wissen die verschiedenen gewerkschaftlichen und freien Initiativen, die sich oft schon seit Jahren mit dem Thema herumplagen. Weil sie umso schwerer zu motivieren seien, bräuchten sie ein konkretes Angebot. Im Februar 2002 haben sich die verschiedenen regionalen Inis deshalb zur bundesweiten Tarifvertragsinitiative Studentischer Beschäftigter zusammen geschlossen. Ihr Ziel ist ein bundesweit gültiger Tarifvertrag für alle Studentischen Beschäftigten.

Das ist nicht einfach, scheint aber auch nicht ganz abwegig. Schließlich gibt es zumindest ein Vorbild in Deutschland: In Berlin existiert ein Tarifvertrag für alle Studentischen Beschäftigten. Erst im vergangenen September haben sich die Gewerkschaften ver.di und GEW mit den Arbeitgebern auf einen erneuten Abschluss geeinigt, der dieses Mal sogar eine Laufzeit bis Ende 2005 vorsieht. Des Weiteren sichert er eine Vergütung von 10,98 Euro, eine Mindestbeschäftigungsdauer von vier Semestern, also zwei Jahren, eine Garantie der Verlängerungsmöglichkeit sowie einen Mindeststundenumfang von 40 Stunden im Monat zu. Die Zahl der Urlaubstage beträgt 31. "Mindestens dieses Niveau wollen wir für alle Beschäftigten in allen Bundesländern", verlangt die Tarifini.

Allerdings kommt auch der Berliner Tarifvertrag nicht von ungefähr. Er ist schwer erkämpft. Nachdem die bis dahin weitgehend selbst bestimmten Tutorien in den siebziger Jahren immer mehr in den regulären Wissenschaftsbetrieb eingegliedert wurden und die Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes klare – und einseitig festlegbare – Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen möglich machen sollte, gab es heftige Proteste. Daraufhin wurde 1979/80 der erste Tarifvertrag abgeschlossen. Fünf Jahre später kündigte der damalige CDU-Senat ihn und senkte die Löhne um ein Drittel. Wieder bedurfte es eines Streiks, der immerhin zwei Wochen dauerte – und zur erfolgreichen Wiederaufnahme von Verhandlungen führte. Seitdem haben sich Studentische Beschäftigte und Gewerkschaften zwar immer wieder gegen neue Angriffe wehren müssen, letztlich ist der Tarifvertrag aus dem Berliner Hochschulbetrieb aber nicht mehr wegzudenken.

Bundesweite Tarifvertragsinitiative der Studentischen Beschäftigten c/o Hamburger Tarifvertragsinitiative, ver.di, Fachbereich 5, Besenbinderhof 60, 20097 Hamburg, www.tarifini.de


(aus Soli extra "Students at work" Winter 2002, Autor: Beate Willms)

WIR IM SOCIAL WEB