Deutscher Gewerkschaftsbund

Der DGB und die Hochschulen: Wissenschaftspolitik

Anforderungen und Bedingungen für eine zukunftsgerechte Ausgestaltung des Wissenschaftsbereichs. Beschluss des 17. Ordentlichen DGB-Bundeskongresses (Berlin, 27. bis 31. Mai 2002)

Wissenschaft und Forschung besitzen eine Schlüsselrolle für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft, für die Bewältigung der globalen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme, für die Entwicklung des Arbeitsmarktes und für die Verbesserung der Lebensqualität. Ihrer Gestaltung als Teil des gesellschaftlichen Systems ist deswegen besonderes Augenmerk zu widmen und ein hoher Stellenwert einzuräumen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund unterbreitet hiermit seine Auffassungen, Erwartungen und Forderungen an die Wissenschafts- und Forschungspolitik, an Hochschulen und Forschungseinrichtungen.


Wissenschaft zum Wohle von Mensch und Gesellschaft

Hochschulen und Forschungseinrichtungen des öffentlichen Sektors nehmen im Wissenschaftssystem durch ihre Aufgaben in Lehre, Weiterbildung, Forschung und Entwicklung sowie durch ihren Beitrag zur geistigen und kulturellen Infrastruktur eine zentrale Stellung ein. Ihre Entwicklung muss deshalb in Übereinstimmung mit dem Ziel einer humanen Gesellschaft erfolgen.

Angesichts der an einzelwirtschaftliche Interessen gebundenen anwendungsbezogenen Industrieforschung kommt der öffentlichen Forschungsförderung die Funktion eines Steuerungs- und Ausgleichsinstruments zur Gewährleistung des gesamtgesellschaftlichen Interesses zu. Ein ausgewogenes Verhältnis von Grundlagen und anwendungsorientierter Forschung muss gewährleistet sein.

Aus gewerkschaftlicher Sicht müssen sich Wissenschafts- und vor allem Forschungspolitik an folgenden Zielen orientieren:

- Verbesserung der Lebensqualität der Menschen
- humane Gestaltung der Arbeitswelt, die sich an sozial- und gesundheitsverträglichen sowie ökologischen Gesichtspunkten orientiert
- Entwicklung einer regional ausgewogenen und differenzierten Wissenschaftslandschaft
- Förderung von regionalen Wissenschaftsnetzen und -verbünden
- Entwicklung von problemorientierten Lösungsansätzen, die die sozialen, ethischen, ökonomischen und ökologischen Aspekte in Einklang bringen
- Entwicklung konsensfähiger, kontrollierbarer, fehlertoleranter und rückholbarer Technologien.


Zieldefinition und Entscheidungsprozesse für Forschungsförderprogramme sind deshalb durch konsensorientierte Diskurse unter Beteiligung der politischen Entscheidungsträger, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und weiterer Vertreter öffentlicher Belange zu strukturieren und vorzubereiten. Der Einfluss der Parlamente auf die mittel- und langfristige Hochschul- und Forschungspolitik ist z.B. durch die Beteiligung an der Erstellung von Zielvereinbarungen zwischen Staat und Hochschule zu stärken.

Die Beratungsgremien von Hochschulen sowie Forschungsgesellschaften und -einrichtungen sind auch mit Vertretern gesellschaftlicher Belange, einschließlich der Arbeitswelt, zu besetzen.

Die Ergebnisse öffentlich finanzierter und an Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen stattfindender Forschung, aber auch Forschungsprogramme sind zu veröffentlichen. Wichtige Forschungsvorhaben und Forschungsergebnisse und deren Stellenwert sind für die breite Öffentlichkeit verständlich darzustellen. Zu den Ergebnissen öffentlich geförderter Forschung muss jeder ungehinderten Zugang haben.

Zur Wahrung dieser Ziele muss die Hochschul- und Forschungspolitik staatliche Angelegenheit bleiben. Entscheidungen von übergreifender Bedeutung sind durch die Verantwortlichen auf der politischen Ebene zu treffen. Sie haben sich vorrangig an bildungs- und forschungspolitischen Zielen zu orientieren und dürfen nicht allein von marktwirtschaftlichen Steuerungselementen abhängen. Der tertiäre Bildungsbereich darf nicht noch stärker privatisiert werden.


Internationalisierung vorantreiben

Unabdingbar ist der weitere Ausbau der internationalen Zusammenarbeit und der Verflechtung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Die Mobilität muss gefördert werden. Die rechtlichen, sozialen, organisatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind so zu gestalten, dass Hochschulen und Forschungseinrichtungen für ausländische Studierende, Wissenschaftler und andere Beschäftigte ebenso attraktiv werden wie ein Studium oder eine Tätigkeit im Ausland für Deutsche.

Für das Hochschulsystem darf sich dies nicht nur auf die Einführung international üblicher gestufter Hochschulabschlüsse beschränken. Solche Studiengänge sollen durch eine international akzeptierte Akkreditierung, an der die Gewerkschaften zu beteiligen sind, anerkannt werden.


(aus Soli extra "Students at work" Winter 2002, Autor: Soli aktuell)

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