Deutscher Gewerkschaftsbund

IG Metall-Jugendstudie: Wille zur Integration

Jugendliche wissen erschreckend wenig über Gewerkschaften, und es hat sich auch sonst eine Menge geändert bei den jungen ArbeitnehmernInnen. Doch es gibt neue Orientierungen und neue Formen des Engagements, meint der Tübinger Jugendforscher Josef Held. Was aber bedeutet das für die gewerkschaftliche Jugendarbeit?

Soli: Globalisierung ist einer der meistdiskutierten Megatrends der letzten Jahre. Hat das die Einstellungen von Jugendlichen verändert?

Held: Mit der Globalisierung ging die Standortdebatte einher. Produktionen wurden verlagert, Arbeitsplätze mit der Begründung internationalen Konkurrenzdrucks abgebaut. Das führte in den letzten zehn Jahren zu einer großen Verunsicherung: Jugendliche wuchsen mit dem Wissen auf, dass es schwer werden wird, eine Arbeit zu finden. Und da zu dieser neoliberalen Globalisierung eine Deregulierungspolitik gehörte, lernten sie zugleich, dass Jobs auch immer nur kurzfristig sein würden – dass sie selbst also flexibel sein müssten. Darauf gab es zwei mögliche Reaktionen: Sich von der Gesellschaft zu verabschieden, wie das manche Gruppen in den siebziger Jahren gemacht hatten. Oder sich mit großem Einsatz in die Gesellschaft und vor allem in die Arbeitswelt zu integrieren, wozu sie sich als junge Menschen relativ gut gerüstet fühlen konnten.

Was hat sich durchgesetzt?

Das Verhältnis der Jugendlichen zu Arbeit und Freizeit ist durch einen relativ starken Willen zur Integration bestimmt.

Was bedeutet Integration für Jugendliche?

Professionalität ist für sie ein wichtiger Begriff, den sie auch für sich selbst umzusetzen versuchen. Dabei binden sie Professionalität oft nicht an Inhalte, sondern sehen sie als Wert an sich. Hinzu kommen Pragmatismus statt Idealismus, eine hohe Flexibilitätsbereitschaft und sehr oft eine ganz starke Identifikation mit dem Beruf – die allerdings nur kurzfristig ist. Sie bedeutet nicht, dass die jungen Menschen an diesem Platz bleiben, sich dort einsetzen, für die Verbesserung der Lebensbedingungen an diesem Ort kämpfen wollen. Aber für die Zeit, die sie dort sind, wollen sie sich integrieren, und sie sind bereit, sich dafür stark einzusetzen.

Heißt das, dass sie für die Gewerkschaften verloren sind?

Es zeigt zunächst, dass die Bereitschaft flexibel zu sein sehr hoch ist. Und dass sich die Jungen nicht so leicht für den Betrieb einsetzen werden. Sie werden dort kaum eine Tradition mit aufbauen und Kampferfahrungen entwickeln.

Haben sich die Jugendlichen mit diesem Integrationswillen, der das Gegenteil von Willen zur Veränderung zu sein scheint, von der Politik verabschiedet?

Es ist komplizierter. Mit der Globalisierung und der Internationalisierung sind wenig politische Eingriffsmöglichkeiten verbunden, die für die Jugendlichen verständlich wären. Und so hat sich auf der Basis der eigenen Anstrengungen zur Integration und der unübersichtlicher werdenden Verhältnisse ein Politikverständnis etabliert, das für die fünfziger Jahre charakteristisch war: Politik hat mit mir nichts zu tun. Politik ist Sache allein der Politiker. Das bedeutet nicht nur ein sehr enges Verständnis von Politik, sondern auch eine Distanzierung von dieser Politik der Politiker. Wir haben unsere Untersuchung genau in dem Zeitraum gemacht, als die Spendengeldaffäre der CDU aktuell war. Und die hat viele Jugendliche in der Einschätzung bestätigt, dass Politik korrupte Politik ist, mit der sie nichts zu tun haben wollen. Wir haben die Einengung des Politikbegriffs und das Desinteresse an dem, was politisch passiert, "Abkehr von der Politik" genannt.

Könnte man nicht auch einfach sagen, na sieh mal, die Jugendlichen sind heutzutage eben besonders kritisch?

Das wäre eine Verwechslung. Man mag zwar den Eindruck haben, diese Jugendlichen würden relativ viel verstehen. In Wirklichkeit ist es aber so: Diese Art von Politikverdrossenheit beruht nicht auf Informationen, sondern auf dem genauen Gegenteil. Man informiert sich nicht über Politik, weil sie eben nicht interessant ist. Dadurch wird sie noch weniger interessant und man informiert sich noch weniger. In diesem Klima gibt es keine politische Öffentlichkeit. Es wird nicht mehr diskutiert, sondern es entsteht so etwas wie eine Kultur des uninformierten Schimpfens.

Haben die Gewerkschaften eine Chance, dieses Klima zu verändern?

Ich würde sagen, sie haben sogar eine Verantwortung, diese Art von politischer Verwahrlosung zu bekämpfen. Und sie haben auch eine Chance. Sie müssen allerdings genauer hinsehen. Denn wir haben auch unter denen, die sich selber als unpolitisch bezeichnet haben, einige gefunden, die politisch informiert waren – die waren sogar politisch aktiv. Sie haben sich nur diese Standpunktlosigkeit äußerlich zu eigen gemacht. Und die ist gefährlich für die Gewerkschaften.

Dabei dürften die Gewerkschaften daran selbst nicht ganz unschuldig sein. Immerhin haben sie in den letzten Jahren eine Reihe politischer Standpunkte aufgegeben.

Sie haben zumindest teilweise versucht, von ihrem politischen Image wegzukommen. Sie vertreten viel weniger offensiv politische Positionen, sie sind in der Öffentlichkeit als Gewerkschaften wenig präsent. Und sie werden deswegen weniger wahr genommen.

Haben sich Jugendliche ganz von Organisationen abgewendet?

Lange Zeit hat es in den neunziger Jahren so ausgesehen. Aber in den letzten Jahren stellen wir wieder eine größere Bedeutung der Organisationen fest. Wahrscheinlich hat dies mit der Ernüchterung in Bezug auf den neuen Markt und die neuen Informationstechnologien zu tun. Man erinnert sich, dass es notwendig ist, auch in völlig neuen Arbeitsverhältnissen für bessere Arbeitsverhältnisse zu kämpfen.

In den Mitgliedszahlen der Gewerkschaften drückt sich das aber nicht so richtig aus.

Die Jugendlichen haben ein erschreckend geringes Wissen über die Gewerkschaften. Sie verwechseln die IG Metall zum Teil mit der IHK. Sie wissen oft gar nicht, was eine Gewerkschaft ist. Und wenn doch, ist es reines Schulwissen. Und das vermittelt bestenfalls ein sehr enges Gewerkschaftsverständnis, bei dem es nur um die Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen geht. Aufgaben wie die politische Bildung, die Gewerkschaften auch erfüllen, spielen dabei keine Rolle. Die Uninformiertheit ist ein Problem, das die Gewerkschaften meines Erachtens noch gar nicht so richtig erkannt haben. Sie müssen die Jugendlichen nicht nur überzeugen und dazu gewinnen, Mitglieder zu werden – sie müssen sie erst einmal ganz einfach informieren. Und das dürfen sie nicht mit Werbung verwechseln, sonst kommt es nicht an.

Aber wenn die Jugendlichen nicht massiv in die Gewerkschaften strömen, aber Sie trotzdem von einer Rückkehr zu Organisationen sprechen – wen meinen Sie damit? NGOs? Bürgerinitiativen?

Es ist keine massenhafte Rückkehr zur Organisation, es ist eine sachte Rückkehr. Und dabei tatsächlich eher in Gewerkschaften oder andere offizielle Verbände. Interessant ist, dass gesellschaftliche Gruppen wie Greenpeace oder Bürgerinitiativen, von denen man gedacht hätte, dass sie junge Leute besonders ansprechen, in diesen letzten Jahren herbe Rückschläge einstecken mussten.

Woher rührt dieser Trend?

Die großen Verbände haben für Jugendliche verschiedene Funktionen bis hin zu einer Art Familienersatz. Sie bieten in einer unübersichtlichen Welt eine übersichtliche Struktur. Das ist etwas wert.

Die Frage ist: Engagieren sie sich dort aber auch?

In den Organisationen besteht die Möglichkeit, seine soziale und gesellschaftliche Verantwortung irgendwie wahrzunehmen oder wenigstens zu spüren. Und ein Interesse an Mitgestaltung gibt es bei den Jungen auf jeden Fall. Allerdings ist dieses Engagement ein ganz anderes als das frühere: Es ist nicht mehr dieses Pflicht- und Akzeptanz-Engagement. Stattdessen gibt es die Tendenz, seine eigenen Interessen über das Engagement für allgemeinere Sachen zu befriedigen. Viele haben gemerkt, dass man in den Gewerkschaften nicht nur für die Gewerkschaften arbeiten kann, sondern dass man dort auch seine eigenen Interessen unterbringen kann.

An welchen Schwerpunkten konzentriert sich dieses Interesse?

An dem, was man selber will, was man spannend findet, was die eigene Gruppe weiter bringt. Man denkt in relativ nahen Sozialräumen. Das hat damit zu tun, dass die traditionellen Milieus, z.B. das Arbeitermilieu, generell ihre bindende Kraft verloren haben und die Jugendlichen sozusagen in die Individualisierung gedrängt werden. Das bedeutet aber nach unserer Ansicht nicht, dass sie zu vereinzelten Einzelnen werden, sondern dass sie sich neue Milieus suchen oder schaffen.

Wie formieren sich diese neuen Milieus, was macht sie aus?

Ganz schlicht gesagt, orientieren sie sich an den neuen sozialen Ungleichheiten. Die neuen Spaltungslinien in der Gesellschaft sind nicht – oder nur zum Teil – klassen- und schichtspezifisch. Soziologen reden auch von horizontaler Ungleichheit. Diese führt zu einer Aufteilung der Jungen in getrennte Gruppen. Etwa in Migrantenjugendliche und deutsche Jugendliche, in ostdeutsche und westdeutsche Jugendliche oder in Frauen und Männer. Wenn das zu Abgrenzung und womöglich Ausgrenzung führt, ist das gefährlich. Deshalb müssen die Gewerkschaften gegen diese Segmentierung arbeiten.

Wie wichtig ist der Arbeitsplatz für die politische Sozialisation der Jugendlichen? Wo entwickeln sie ihre Einstellungen?

Jugendlichen ist die Arbeit sehr wichtig, zum Teil ziehen sie gar keine Trennungslinie mehr. Sie tragen die Arbeit in die Freizeit, indem sie dort auch arbeiten oder sich weiterbilden. Allerdings: Obwohl die Arbeit einen sehr hohen Stellenwert im Leben der Jugendlichen einnimmt, entwickelt sich die politische Bildung oder auch das Verhältnis zu Gruppen aus anderen Ländern – das, was man allgemein als Ausländerfeindlichkeit bezeichnet – mehr in der Freizeit als während der Arbeitszeit.

Gibt es dafür eine Erklärung?

In der Arbeit ist man zusammen, man muss sich gegenseitig akzeptieren und tut das offenbar auch zum überwiegenden Teil. Aber sobald man draußen ist, macht man ganz andere Erfahrungen. Oder man bekommt ganz andere Diskussionen mit, wie das Geschimpfe, von dem ich vorhin sprach.

Ist das nicht eine schlechte Ausgangsposition für die Gewerkschaften? Sie können nur über den Betrieb an die Jugendlichen rankommen. Und nun ist ausgerechnet das der Ort, den diese am wenigsten mit politischer Bewusstseinsbildung verbinden.

Ich glaube, dass die Gewerkschaften sich nicht so sehr von der traditionellen Trennung von Beruf und Freizeit leiten lassen sollten. Sie brauchen auch einen Fuß im Freizeitbereich. Denn dort machen die Jungen die Erfahrungen, die anschließend für sie bestimmend sind.

Welche Bewegungen müssten die Gewerkschaften vollziehen?

Sie stecken in einem Dilemma: Sie können starke, eindeutige, beispielsweise linke Positionen vertreten. Dann kann es passieren, dass sie wegen dieser Positionen abgelehnt werden. Oder sie können auch einfach keine Positionen vertreten, um für jeden akzeptabel zu werden. Dann allerdings will niemand mehr Mitglied werden, weil nicht klar ist, wo die Gewerkschaft steht. Diese beiden Seiten müssen ausbalanciert werden. Das ist ein Prozess, der nur funktioniert, wenn die breite gewerkschaftliche Betätigung in der Öffentlichkeit auch deutlich wird. Das klappt ja auch in manchen Bereichen, etwa beim Thema Rechtsextremismus. Für die Jungen ist das aber meist zu wenig.

Gerade zum Thema Rechtsextremismus und Gewerkschaften hatte doch Ihre letzte Studie aus dem Jahr 1996 ein ganz anderes Ergebnis gebracht. Damals hieß es, junge Gewerkschaftsmitglieder neigten in hohem Maße zu autoritären Weltbildern – mehr als nichtorganisierte Jugendliche. Und besonders stark traf das auf Ostdeutsche zu.

Das ist richtig. Es war statistisch signifikant, also überprüfbar und verallgemeinerbar. Die Gewerkschaftsmitglieder waren rechtslastiger als die Nichtgewerkschaftsmitglieder.

Gibt es diesen Trend immer noch?

Beide Seiten haben sich angeglichen. Die Gewerkschaftsjugendlichen sind ein Stück in die Mitte gerückt, ebenso wie ein Teil der anderen Jugendlichen. Heute können wir keinen Unterschied mehr feststellen. Alles drängt zur politischen Mitte, und diese folgt den vorherrschenden Mediendiskursen. Heraus kommt dabei eine Art politischer Stammtisch-Kultur, die viele Anschlussstellen für extrem rechte Gruppen bietet.

Auch die Differenzen zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen haben sich ausgeglichen?

Das kann ich nicht sagen. Bei der Umfrage gab es deutliche Unterschiede: Die ostdeutschen Jugendlichen zeigten eine größere Tendenz nach rechts. Wir konnten in Ostdeutschland leider keine zusätzlichen Interviews durchführen.

Wieso nicht?

Der Mitarbeiter, der die betreffenden Interviews geführt hat, stammt aus Algerien. Und allein durch sein anderes Aussehen war es nicht zu vermeiden, dass die ostdeutschen Jugendlichen anders reagierten als auf einen deutschen Mitarbeiter. Teilweise war das Klima sogar feindselig, jedenfalls sind wir mehr oder weniger davor gewarnt worden. Im Osten schien es nicht sinnvoll, dass er dort Interviews mit einzelnen Jugendlichen durchführt.

Und jemand anderen konnten Sie nicht einsetzen?

Doch, aber das wollten wir nicht, weil wir extra jemanden hätten anwerben müssen. Aber wir arbeiten ja nach dem Konzept, dass wir mit den Jugendlichen und für die Jugendlichen etwas machen wollen. Und damit wären wir zu weit von ihnen weg gewesen. Deshalb haben wir uns in Ostdeutschland auf Umfragen beschränkt.


(aus Soli extra, Herbst 2001, Interview: B. Willms u. J. Kiontke)


Zusatzinfos: Die IG Metall-Jugendstudie (siehe auch www.jugend.igm.de/...)

Wie sehen die neuen Orientierungen jugendlicher ArbeitnehmerInnen heute aus? Wie werden sie subjektiv im Kontext gesellschaftlicher Veränderung begründet? Mit diesen Fragen hat sich eine Tübinger Forschungsgruppe im Auftrag und finanziert von der IG Metall auseinandergesetzt. Die Untersuchungen sind inzwischen abgeschlossen, veröffentlicht werden sollen die Ergebnisse unter dem Titel "IG Metall-Jugendstudie" im Frühjahr. Dr. habil. Josef Held, Mitglied der Gruppe und Dozent am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen, stellte auf der Veranstaltung der Hans-Böckler-Stiftung und der DGB-Jugend erste Ergebnisse vor. Für die repräsentative Untersuchung wurden in West- und Ostdeutschland 1.045 Jugendliche aus Industrie und Handwerk im Zuständigkeitsbereich der IG Metall befragt. Mit 30 Einzel- und Doppelinterviews wurden 50 Leute erfasst. In Gruppendiskussionen, die in Berufsschulen und Lehrwerkstätten stattfanden, kamen weitere 30 zu Wort. Für die gewerkschaftliche Jugendarbeit fassten die WissenschaftlerInnen die Ergebnisse auch in einem Film zusammen, der ebenfalls im Frühjahr präsentiert werden soll.

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