Deutscher Gewerkschaftsbund

Aufgepasst Probearbeit

Nicht nur die akademische ­Generation Praktikum ist unbezahltes Arbeiten gewöhnt. In der dualen Ausbildung kommt unentgeltliches Probearbeiten durchaus öfter vor. ­Worauf zu achten ist.

Viele gute Betriebe prüfen ihre BewerberInnen genau – und dies geschieht in der Praxis entweder durch ausgefeilte Assessment-Center oder durch Probearbeiten, bei dem die BewerberInnen in der "natürlichen Arbeitsumgebung" begutachtet werden können.

So weit, so gut. Dies ist zunächst nichts Schlechtes oder Ungewöhnliches, schließlich bietet sich auch für Bewerberin und Bewerber die Chance, den Betrieb kennenzulernen und im praktischen Bereich zu überzeugen – eine gute Gelegenheit gerade für diejenigen, die im Vorstellungsgespräch unter ihren Möglichkeiten geblieben sind oder einen niedrigen Schulabschluss haben.

Allerdings muss man von Anfang an aufmerksam sein und genau abwägen: Ist dieser Betrieb wirklich an Auszubildenden und an einem guten Auswahlverfahren interessiert? Oder ist er auf der Suche nach günstigen Hilfskräften?

Der Erprobungsphase sollte unbedingt ein ausführliches Vorstellungsgespräch vorausgehen, so dass klar ist, dass sich der Betrieb wirklich für die Bewerberin oder den Bewerber interessiert.

Es sollte geklärt werden, wie groß die Chance ist, auch wirklich einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Zu fragen ist: Wie viele Ausbildungsplätze stellt der Betrieb zur Verfügung? Und wie viele BewerberInnen arbeiten Probe?

Wenn das Verhältnis unausgewogen ist und zum Beispiel 20 Auszubildende zur Probe arbeiten, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten, ist dies wenig seriös.

Wie läuft das Probearbeiten ab? Stutzig werden sollte man immer, wenn der Bewerber oder die Bewerberin nur einfache oder sogar schwere Handlangerarbeiten verrichten darf.

Am wichtigsten ist aber die Dauer der Probearbeit oder des Auswahlpraktikums. Generell gilt: Ein bis drei Tage sind unproblematisch.

Schwierig wird es bei mehreren Wochen: Denn hier stellt sich natürlich sofort die Frage, warum ein so langer Zeitraum nötig ist. Längere Auswahlpraktika ohne anschließende Übernahme machen sich außerdem nicht gut im Lebenslauf.

Immer häufiger sind aber auch ausgelernte Auszubildende von diesem Trend betroffen – potenzielle ArbeitgeberInnen schlagen dem Bewerber und der Bewerberin unbezahlte Probearbeit vor. Hier gilt Ähnliches wie oben bereits erwähnt – nur dass der Rahmen noch enger gesteckt werden sollte, da die Gefahr größer ist, dass voll ausgelernte Arbeitskräfte ausgenutzt werden.

Gang und gäbe ist das Probearbeiten schon lange in den weiblich dominierten Dienstleistungsberufen: Zahnarzthelferinnen oder Friseurinnen sind darauf eingestellt, dass die ArbeitgeberInnen einen oder mehrere Tage Probearbeit erwarten.

Aber der Trend weitet sich auch auf andere Ausbildungsberufe aus. Unbezahltes Probearbeiten ist grundsätzlich erlaubt, auch wenn es ein oder zwei Wochen, oder sogar einen ganzen Monat dauert.

BewerberInnen sollten unbedingt folgendes beachten: Das Probearbeitsverhältnis muss, falls die Person Arbeitslosengeld bezieht, unbedingt bei der Arbeitsagentur gemeldet werden – und zwar vor Beginn. Schlimmstenfalls kann die Bewerberin und dem Bewerber sonst das passieren, was einem 50-jährigen Mann geschah: Nach fünf Monaten Arbeitslosigkeit arbeitet er einige Tage Probe, ohne dies der Agentur für Arbeit zu melden. Danach brach der Mann die Probearbeit ab, weil der Job nicht in Frage kam.

Die Arbeitsagentur erfuhr von dem Probearbeitsverhältnis und verlangte 7.252 Euro an Leistungen zurück. Denn mit der Aufnahme der Tätigkeit sei die Arbeitslosmeldung erloschen, und der Mann habe sich nach der Probearbeit nicht erneut arbeitslos gemeldet. Dazu sei er aber verpflichtet gewesen. Er müsse alle Leistungen, die er seit dem Probearbeitsverhältnis erhalten hatte, zurückzahlen, entschied ein Gericht. Begründung: Er habe seine Meldepflicht verletzt.

Eine Meldung bei der Arbeitsagentur kann aber auch in anderem Zusammenhang von Vorteil sein: Die Arbeitsagenturen können für bis zu vier Wochen Probearbeit die Lohn-, Fahrt-, und Kinderbetreuungskosten übernehmen, wenn sie die Bewerbung unterstützen und das Probearbeiten für sinnvoll halten. Die Arbeitsagentur prüft dabei unter Umständen auch den Arbeitgeber: Betriebe, die häufig Probearbeit anbieten und BewerberInnen nicht übernehmen, werden in Datenbanken erfasst.

Wenn die Agentur die Probearbeit unterstützt oder sogar veranlasst, greift mit hoher Wahrscheinlichkeit die gesetzliche Unfallversicherung. Dies gilt häufig nicht, wenn der Jobsuchende selbstständig agiert und dann während der Probearbeit oder auf dem Arbeitsweg verunglückt. Es ist übrigens immer empfehlenswert, Fragen des Versicherungsschutzes vor Antritt der Probearbeit abzuklären – und schriftlich festzuhalten, wer im Fall eines Arbeitsunfalls haftet.

Außerdem sollten die BewerberInnen beachten: Wer arbeitslos gemeldet ist und Arbeitslosengeld bezieht, darf in der Regel nicht mehr als 15 Stunden in der Woche arbeiten – dies gilt auch bei Probearbeit – selbst dann, wenn sie unentgeltlich ist.

Wenn die Bewerberin oder der Bewerber bereits einen Job hat, sich aber woanders bewirbt und dort zur Probe arbeitet, muss sie oder er aufpassen: Es kann gut sein, dass arbeitsvertragliche Regelungen mit dem anderen Arbeitgeber dies verbieten.

Wer unentgeltlich Probe gearbeitet hat und sich anschließend ausgebeutet fühlt, sollte prüfen: Wenn keine Vergütung vereinbart war, besteht in der Regel Anspruch auf die branchenübliche Vergütung. Außerdem kann es sein, dass durch die Probearbeit ein Arbeitsverhältnis entstanden ist.

Wichtig ist hier, dass der Bewerber auch nach der Probearbeit seine Arbeitskraft aktiv anbietet, am Arbeitsplatz erscheint oder die Arbeitskraft schriftlich anbietet.

Wenn ein Arbeitsverhältnis begründet wurde, muss zunächst eine schriftliche Kündigung erfolgen. In der Regel gilt die gesetzliche Kündigungsfrist von zwei Wochen.

(aus der Soli aktuell 5/10, Autorin: Jula Müller)

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