Deutscher Gewerkschaftsbund

Achtung, Falschinformation

Unternehmen wollen ausbilden, was das Zeug hält. Schade nur, dass die Jugend da nicht mitmachen kann, weil sie nicht "ausbildungsreif" ist. Dieser ­Mythos hält sich hartnäckig. Die DGB-Jugend hält ebenso hartnäckig dagegen.

Nicht Ausbildungsstellen, sondern Bewerberinnen und Bewerber sind knapp. So lautet das schöne, das zentrale Ergebnis der alljährlichen Ausbildungsumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die im April 2010  veröffentlicht wurde. Prima Sache, oder?

Der DIHK hatte die Unternehmen im Februar 2010 zu ihren Ausbildungsplänen und -motiven befragt. Bewerberinnen und Bewerber fehlen? Das hört sich natürlich erstmal gut an. Die Untersuchung, an der sich mehr als 15.000 Unternehmen beteiligten, zeige, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben, dass die demografische Trendwende nun "voll auf den Ausbildungsmarkt" durchschlage.

Was bedeutet das für junge Leute? Sie hätten – trotz der nach wie vor schwierigen wirtschaftlichen Situation – gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Und Wansleben setzt auch noch einen obendrauf: Die Unternehmen hätten sogar Schwierigkeiten, "ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern".

Spätestens an dieser Stelle kommt das große "Ja, aber": Denn nach wie vor ist in der DIHK-Diktion die Stellenbesetzung ein Riesenproblem. Der Grund: die mangelnde "Ausbildungsreife" (DIHK).

Immer mehr Unternehmen müssten Nachhilfe organisieren, weiß der DIHK-Chef zu berichten. Auch die ausbildungsbegleitenden Hilfen der Arbeitsagenturen würden rege genutzt (31 Prozent der Betriebe).

Sogar im Krisenjahr 2009 habe jeder fünfte Betrieb nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können, und die Situation werde sich in diesem Jahr nicht verbessern.  Die Jugend, sie kommt angeblich schlecht ausgebildet aus der Schule. Mehr Jugendliche als bisher müssten, so der DIHK-Chef, "in die Lage versetzt werden, eine betriebliche Ausbildung aufzunehmen und erfolgreich abzuschließen. Das muss auch zentrales Thema der Qualifizierungsinitiative von Bund und Ländern bleiben." Ansonsten drohe ein dramatischer Mangel an Fachkräften.

Aber stimmt das? Nur eine Zahl: Weniger als die Hälfte der Betriebe plant nach aktuellen Erhebungen der DGB-Jugend, den Großteil ihrer Azubis zu übernehmen.
"Schuld sind immer die anderen: Frei nach diesem Motto scheinen die  Wirtschaftsverbände die Ausbildungsplatzsituation zu bewerten. Einmal sind es die Schulen, dann die Jugendlichen selbst und nun die Eltern", sagt DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf.

Nach wie vor gebe es zu wenig betriebliche Ausbildungsplätze, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen jugendlichen BewerberInnen und Ausbildungsplätzen sei nicht in Sicht. Gleichzeitig warteten zehntausende jugendliche "Altbewerber" auf einen Ausbildungsplatz. Der Vorwurf der fehlenden Ausbildungsreife sei zu pauschal und undifferenziert.

Es sei schon klar: Nicht jeder Jugendliche könne von heute auf morgen jede Ausbildung beginnen. Umso wichtiger sei es, die Interessen, Fähigkeiten und Stärken jedes Einzelnen schon in einer effektiveren Berufsorientierung und Berufswegplanung in der Schule zu berücksichtigen.

Das Wichtigste ist aber: Die Unternehmen müssen sich im Klaren sein, dass Jugendliche, die eine Ausbildung beginnen, keine fertigen Fachkräfte sind. Das sollen sie in einer guten und qualifizierten Ausbildung werden.

"Viele Unternehmen wollen bei der Auswahlentscheidung neuer Azubis keine Kompromisse schließen", bemängelt IG Metall-Bundesjugendsekretär Eric Leiderer. "Vier von zehn Industrie-Unternehmen sehen für die Besetzung von Ausbildungsplätzen keine Jugendlichen vor, die besonderen Förderbedarf haben.  Noch kompromissloser zeigen sich Banken und Versicherungen."

Immerhin, nicht alle denken so: Handwerks-Präsident Otto Kentzler sagt: Junge Leute seien heute "nicht schlechter als früher": "Wem die Ausbildung Spaß macht, wer sich reinhängt, der erreicht auch mit schwachen Zeugnisnoten sein Ziel, wir helfen ihm dabei! Dafür ist die Ausbildung ja da."

Die DGB-Jugend will den Ausbildungsstellenmarkt auch im Jahr 2010 intensiv und kritisch beobachten. Mit dem diesjährigen DGB-Jugend-Ausbildungsreport, der im  September 2010 erscheint, wird dann die Qualität der Ausbildung wieder aus der Sicht der Auszubildenden dargestellt.

Der ganze Report: www.dihk.de


(aus der Soli aktuell 5/10, Autor: Jürgen Kiontke)

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