Deutscher Gewerkschaftsbund

Krise? Eine Chance!

Jugend wird in verstärktem Maße Verantwortung übernehmen müssen – für sich, die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, sagt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Im DGB-Vorstand ist sie für den Bereich Jugend zuständig. Im Mai 2010 stellt sie sich auf dem DGB-Bundeskongress der Wiederwahl.

Soli aktuell: Zahlreiche Statistiken belegen, dass die Wirtschaftskrise infolge des Börsenkrachs 2008 vor allem bei den Jugendlichen hart durchschlägt: Sie haben derzeit ganz schlechte Startchancen und große Probleme beim Berufseinstieg. Ist die junge Generation im DGB-Vorstand ein Thema?

Ja, sie ist eines! Für uns ist klar: Junge Leute sind ungewollt Vorreiter für die "schöne neue Arbeitswelt": Sie sind flexibel, sind befristet beschäftigt, arbeiten freiwillig oder unfreiwillig Teilzeit oder machen unbezahlte Praktika – kurz: Sie arbeiten oft prekär. Es kann sogar sein, dass der Einzelne das eine Zeit lang ganz schön findet – nicht so ganz fest an einen Arbeitgeber gebunden zu sein. Aber spätestens nach dem dritten befristeten Vertrag stellen junge Beschäftigte fest: "Ich brauche eine Perspektive." Und genau die gibt es unter prekären Verhältnissen nicht. Deshalb ist die Jobsituation für junge Leute oft erheblich schwerer als für Erwachsene.

An der Jugend wird getestet, was auf dem gesamten Arbeitsmarkt die Regel werden soll…

Genau den Eindruck hat man. Denn der Anteil derer, die prekär beschäftigt sind, ist bei jungen Leuten jetzt schon erheblich höher als bei den Älteren.

Auch ohne Krise war die Situation für junge Leute schon schlecht, es gab soziale Ungleichgewichte. Ausbildungsplätze fehlen seit langem in großer Zahl, beim Studium grassieren soziale und andere Zugangshindernisse. Gibt es aus der Politik überhaupt Signale, dass Jugend ohne finanzielles Polster wahrgenommen wird?

Dass wir diese soziale Spaltung in der Gesellschaft haben – ja, das wird mittlerweile wahrgenommen. Wer einen guten finanziellen Rahmen hat, der entscheidet sich eher für ein Studium und erhält eine bessere Ausbildung. Umgekehrt heißt das: Kinder aus den unteren sozialen Schichten haben in Deutschland besonders schlechte Chancen. Schon in der Schule wird aussortiert. Dass es diese Missstände gibt, das ist, glaube ich, in der Politik angekommen. Wir haben auch erreicht, dass das Thema Übergänge in der Politik ernstgenommen wurde. Dass zum Beispiel Übergänge aus der beruflichen Bildung in die Hochschule erleichtert werden. Berufliche Bildung muss anschlussfähig sein ans Studium. Das ist ein wesentlicher Punkt. Aber es fehlen weitere Initiativen, etwa was Studiengebühren und die BAföG-Höhe angeht.

Umgekehrt ist vom Fachkräftemangel die Rede, von der "fehlenden Ausbildungsfähigkeit"…

Eine alte Debatte – den jungen Leuten wird der Schwarze Peter zugeschoben! In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit haben sich die Betriebe die Allerbesten ausgesucht. Die mit den schlechteren Zeugnissen sind durch die Maschen gefallen, in den berühmten Warteschleifen gelandet. Ich denke, in Zukunft wird die Situation eine wesentlich andere sein: Durch die demografische Entwicklung werden die Betriebe – hoffentlich! – gezwungen, sich auch um die schwächeren jungen Leute zu kümmern.
Wir schlagen schon seit langem vor, verstärkt ausbildungsbegleitende Hilfen anzubieten, um ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, die Prüfung zu packen.
In den Betrieben wird man sich jedenfalls bewegen müssen. Und ich glaube, man hat inzwischen verstanden, dass man die Übergänge von der Schule in den Beruf systematisch gestalten muss. Berufsorientierung, -beratung und -vorbereitung müssen verlässlich im System angeboten werden, Warteschleifen verringert werden. Wir brauchen verbindliche Strukturen, keine teuren Modellprojekte.

Du stellst dich auf dem DGB-Bundeskongress der Wiederwahl. Was möchtest du in den nächsten vier Jahren bewegen?

Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen selbst sagen, wie sie in zehn, 15 Jahren leben wollen. Die Krisensituation, in der wir ja immer noch stecken, ist dafür eine gute Gelegenheit. Die DGB-Jugend hat dazu eine Initiative mit dem Titel "Wie wollen wir leben?" gestartet. Junge Leute müssen sich Gedanken machen: Wie kriegt man die Balance hin zwischen wirtschaftlichen Interessen und sozialer Verantwortung? Was muss national geregelt werden, wo haben wir international Verantwortung? Hier wünsche ich mir mehr Engagement, mehr Bereitschaft junger Menschen, ein Stück in die Zukunft zu denken.

Aha. Die Jugend ist vorbei, junge Leute müssen wegräumen, was Ältere an der Börse verbockt haben…

Sie haben die Chance, aus den Fehlentwicklungen der letzten Jahre Konsequenzen zu ziehen. Und es besser zu machen. Ich habe den Eindruck, dass zu wenige Jugendliche diese Möglichkeiten sehen. Das sagen die sogar selbst – ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Jugendbildungsreferenten, und die haben gefragt: "Findest du eigentlich, dass wir zu brav sind?" - Ja, finde ich. Sie sind eher pragmatisch als visionär.

Was sollen sie anstellen?

Die Frage ist doch: Wie soll die Gesellschaft in den nächsten Jahren aussehen? Welche Strukturen brauchen wir? Welche Rolle muss der Staat übernehmen?

Ich möchte, dass sich die jungen Leute Gedanken darüber machen. Sie sollten sich für die Demokratie verantwortlich fühlen – sie ist keine Selbstverständlichkeit weltweit.

(aus der Soli 4/10, Autor: Jürgen Kiontke)

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