Deutscher Gewerkschaftsbund

Häuser renovieren

Jugendwohnen ist ein zentraler Baustein des Ausbildungsstellenmarktes, sagt Forschungsleiter Andreas Finke. Vier Jahre hat er die Mobilität Jugendlicher untersucht. Und hat jetzt konkrete Empfehlungen an die politischen Akteure.

Herr Finke, Sie sind der Leiter des Projekts Jugendwohnen, ein auf vier Jahre angelegtes Forschungsprojekt des Bundesjugendministeriums. Wer nimmt ­Jugendwohnen in Anspruch?

Azubis, die in ihrer Region keine Ausbildungsstellen finden. Blockschüler, die mehrere Wochen am Stück fünf Tage die Woche Berufschulunterricht haben. Junge Menschen in überbetrieblichen Ausbildungsabschnitten. Individuell Benachteiligte, die zum Beispiel aufgrund von Schwierigkeiten mit dem Elternhaus im schulischen Werdegang beeinträchtigt sind. Im veränderten Umfeld des Jugendwohnens kommen sie mit pädagogischer Begleitung mit Sicherheit besser zurecht. Außerdem Schüler der großen Internate der Berufsbildungswerke und – immer mehr – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die ein gutes Sprungbrett in die berufliche und soziale Integration benötigen.

Ist das Angebot kostenpflichtig?

Das ist unterschiedlich. Wenn das Jugendamt dem jungen Menschen den Platz empfiehlt, zahlt es auch. Wenn der Azubi oder der Berufsfachschüler anfragt, zahlt der Azubi selbst. Sie erhalten dann aber Zuschüsse zur Finanzierung des Kostensatzes: der Azubi Berufsausbildungsbeihilfe von der Arbeitsagentur, der Berufsfachschüler beantragt BAföG.

Vertreter von Politik und Wirtschaft werden nicht müde zu betonen, wie wichtig Mobilität sei, wenn es um Ausbildung geht. Fühlen Sie sich ausreichend gewürdigt?
In dem Moment, wo Ausbildungspaktpartner an die Jugendlichen appellieren, sie müssten mobil sein, ohne geeignete Rahmenbedingungen wie Jugendwohnen zu fördern, ist das zu schnell formuliert. Was ist denn mit dem 16-Jährigen, der zum Berufsberater geht und dort hört, "Steinmetz kannst du hier im Westerwald nicht werden, geh doch mal nach Mainz!"

Wie soll der denn mit einer Vergütung von 380 Euro ein möbliertes Zimmer mieten? Welcher Ausbildungsbetrieb nimmt ihn? Die werden doch sagen, der kriegt Heimweh und bricht die Ausbildung ab.

Unsere Erfahrung ist: Jugendwohnen ist die Rahmenbedingung, um eine Ausbildung fern der Heimat zu ermöglichen. Umso glücklicher sind wir, dass die Prüfung der Bedeutung des Jugendwohnens nun fester Bestandteil im aktuellen Ausbildungspakt ist.


Zum April 2011 läuft die Förderung für Ihr Projekt aus. Wie lauten Ihre Empfehlungen?

An die Politik: Die Zuschüsse für nötige bauliche Investitionen an den Häusern müssen wieder fließen. Viele Einrichtungen haben seit 10, 20 Jahren keine Gelder mehr bekommen. Da muss dringend was getan werden. Am Markt sind die Preise für das Angebot nicht zu erzielen. Somit braucht es Unterstützung durch die öffentliche Hand. Es gibt klare Indizien dafür, dass das Jugendwohnen noch wichtiger wird. Und da muss Klarheit herrschen, wer bezahlt. Jugendliche verfügen nicht über die Mittel, die Unterbringung in dem Haus mit Vollverpflegung und pädagogischer Begleitung aus eigener Tasche zu finanzieren. Also sind sie auf die öffentliche Hand angewiesen. Der Träger einer Einrichtung des Jugendwohnens ermittelt mit dem Jugendamt einen Tageskostensatz, die Jugendlichen kriegen dann entsprechende Zuschüsse. Da gibt’s aber Klärungsbedarf: Das Bundesarbeitsministerium sollte eindeutig den Zuschussparagrafen zur Berufsausbildungsbeihilfe klären, damit die Jugendlichen eine stabile Berechnungsgrundlage haben. Auch das BAföG-Amt sollte beantworten, welchen Kostenansatz der Jugendliche zugrunde legen kann. Und die Kultusministerien der Länder sollten die Zuschüsse für die Blockschüler einheitlich regeln: Man kann nicht Berufsschulen zentralisieren, ohne die Frage zu klären, wie die Jugendlichen dorthin kommen sollen. Und wer die Kosten trägt, wenn sie auswärts unterkommen müssen.

Welche Rolle können DGB und Gewerkschaften beim Jugendwohnen spielen?

Die DGB-Jugend sitzt im Beirat unseres Projekts. Die Gewerkschaften sind in den Jugendvertretungen der Betriebe präsent, gehen in Schulen und kümmern sich um die Belange von jungen Leuten.

Ich halte es für ganz wichtig, sie gut zu beraten. Wenn sie keine Ausbildungsstelle finden, muss man ihnen sagen: Mit dem Jugendwohnen habt ihr eine realistische Möglichkeit, euch in einer anderen Stadt umzusehen. Zum anderen fände ich es sehr gut, wenn die Experten der Gewerkschaften mit den Pädagogen in den Wohnheimen Kontakt aufnehmen würden: Der Pädagoge versteht sich als Schnittstelle zwischen Ausbildungsbetrieb, Berufsschule, Elternhaus und den Jugendlichen. Der Jugendliche zieht ja erstmals von zu Hause in eine völlig fremde Umgebung, das muss er erstmal bewältigen. Auch im Betrieb ist ja alles neu. Da könnte man mit der Gewerkschaftsjugend viel stärker in einen Dialog über Erfahrungen treten. Schließlich ist es gut, wenn der DGB die Anliegen des Jugendwohnens in seine politische Interessenvertretung einbezieht.
Andreas Finke ist Leiter des Forschungs- und Praxisentwicklungs­projekts Jugendwohnen.

Auswärts zu Hause

Jugendwohnen ist eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe – gedacht für 14- bis 27-Jährige, die im Rahmen einer beruflichen oder schulischen Ausbildung oder Eingliederung Unterkunft in einer sozialpädagogisch begleiteten Wohnform benötigen.

Es gibt in Deutschland über 550 Einrichtungen mit 60.000 Plätzen in unterschiedlicher Trägerschaft. Zurzeit werden sie jedes Jahr von 200.000 jungen Leuten in Anspruch genommen. Eine individuell abgestimmte Begleitung unterstützt die Jugendlichen dabei, im neuen Alltag klar zu kommen, Kontakt zu anderen Leuten zu finden und die Ausbildung erfolgreich zu meistern. Obwohl PolitikerInnen die Mobilität von Azubis jederzeit unterstreichen, fehlen Mittel fürs Jugendwohnen.

Die Homepage der Jugendwohnheime: ­www.auswaerts-zuhause.de

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