Deutscher Gewerkschaftsbund

Bundesregierung ignoriert Ausbeutung

Die Antwort der Bundes­regierung auf die ­Anfrage der Grünen-Fraktion ­"Initiativen für faire Praktika und einen verbesserten Schutz von Praktikantinnen und ­Praktikanten vor ­Ausbeutung" hat Erstaunliches zu Tage ­gefördert.

In lediglich fünf der 14 Bundesministerien erhalten PraktikantInnen eine Vergütung, allerdings nicht alle. In neun Ministerien wird ihnen überhaupt nichts bezahlt. So lautet das Ergebnis der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Nichtsdestotrotz wusste sie zu berichten: Das Problem unfairer Praktika beschränke sich nur auf einzelne "Problemgruppen". Handlungsbedarf bestehe nicht.

Das bedeutet: Laut Bundesregierung gibt es die "Generation Praktikum" nicht. Die Antwort kann deshalb nur als zynisch interpretiert werden, insbesondere vor dem Hintergrund, wie sie ihre eigenen PraktikantInnen behandelt.

"Die Bundesregierung hat offenbar kein Problembewusstsein in Bezug auf die Situation junger Menschen. Der Berufseinstieg hat sich in den letzten Jahren massiv erschwert. Mittlerweile ist es der Normalfall, dass junge Menschen auch nach Abschluss ihrer Ausbildung und ihres Studiums mit Praktika, Mini-Jobs, Honorarjobs oder befristeten Arbeitsverträgen konfrontiert werden", sagt DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf.

Daten aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales für das Jahr 2008 sprechen eine andere Sprache als die Regierung: Demnach machten insgesamt 20 Prozent der jungen Erwachsenen nach Abschluss einer Berufsausbildung oder eines Studiums ein oder mehrere Praktika. Das entspricht hochgerechnet rund 1,9 Millionen Personen. Tendenz steigend.

Die DGB-Jugend hat nun die Bundesregierung aufgefordert, eindeutige rechtliche Regelungen zum Schutz von PraktikantInnen einzuführen: Das Praktikum muss gesetzlich als Lernverhältnis definiert werden. Inhalt, Dauer und Vergütung müssen geregelt werden und reguläre Stellen dürfen nicht durch Praktika ersetzt werden.

Die DGB-Jugend weist schon seit Jahren auf den zunehmenden Missbrauch von PraktikantInnen als unter- oder unbezahlte Arbeitskräfte hin. Konkret fordert die DGB-Jugend die Begrenzung der Praktika auf drei Monate, eine Vergütung von mindestens 300 Euro pro Monat, einen Ausbildungsplan sowie fachliche Betreuung.
Doch die Bundesregierung sieht keine weitere Notwendigkeit, belastbare Zahlen in Bezug auf die "Generation Praktikum" zu erheben. Frei nach dem Motto: Wo es keine statistischen Daten gibt, gibt es auch kein Problem.

Rudolf: "Es ist wichtig, die betroffenen jungen Menschen mit ihren Problemen ernstzunehmen."

Die DGB-Jugend wird im Frühjahr 2011 aktuelle Daten zur "Generation Praktikum" vorlegen.


(aus der Soli aktuell 11/10, Autor: Jürgen Kiontke)

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