Deutscher Gewerkschaftsbund

Synchronisier dich! Anmerkungen zum Ehrenamt von Julia Böhnke

Ein Debattenbeitrag

Jugendleiter-Card

DBJR

Ehrenamtlichkeit im Lebensverlauf: Neue Wege der Vereinbarkeit von Engagement, Arbeit und Leben.

Rush-Hour des Lebens: Keine Zeit, jung zu sein
Obwohl die tatsächlichen Arbeitszeiten von Erwerbstätigen in Deutschland laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales im langfristigen Trend im Durchschnitt gesunken sind, ist der reale und aber auch der gefühlte Zeit- und Leistungsdruck in der Gesellschaft gestiegen. Die ständige Vernetzung über das Internet, synchronisierte Terminerinnerungen auf dem Handy und das Bearbeiten von E-Mails unterwegs mit dem Tablet, führt dazu, dass immer mehr Erwerbstätige nie wirklich Feierabend machen. Denn mit dem technologischen Paradigmenwechsel in der Arbeitswelt verändert sich auch die Erwartungshaltung von Vorgesetzten und Unternehmen. Man findet normal, allzeit auf die Angestellten zurückgreifen zu können.

Allerdings beginnt der Zeit- und Leistungsdruck nicht erst mit dem Berufseinstieg. Bereits Kinder und Jugendliche sind vor der zeitliche Verdichtung und dem Druck "immer mehr in immer kürzerer Zeit zu schaffen" betroffen. Die Umstellung der Ganztagsschule und die Verkürzung der Schulzeit von neun auf acht Jahre bis zum Abitur sowie die Einführung des Bachelor- und Mastersystems in die deutsche Hochschullandschaft führt nachweislich zu einer stärkeren zeitlichen Belastung von Kindern und Jugendlichen. Bereits Grundschulkinder sind bis in den Nachmittag mit der Schule beschäftigt - und Teenager sitzen häufig bis in die späten Abendstunden an ihren Hausaufgaben.

Angesichts dieser Entwicklung gerät auch die Zivilgesellschaft in Deutschland unter Druck, da sie auf dem ehrenamtlichen Engagement in Verbänden, Vereinen, politischen Initiativen und Parteien fußt. Fehlt gerade jungen Menschen immer stärker die Zeit sich zu engagieren, bedeutet das langfristig auch für die Akteure der Zivilgesellschaft ein Verlust an gesellschaftlichem Gewicht.

Dabei tragen insbesondere Jugendverbände in der deutschen Demokratie dazu bei, dass Kinder und Jugendliche für sich selbst lernen und für andere Verantwortung übernehmen. Und damit zu mündigen demokratischen BürgerInnen werden.

Durch Mitbestimmung und Verantwortung, durch Freiräume zur Persönlichkeitsentwicklung leistet die Jugendarbeit erhebliche Demokratisierungsarbeit an der Gesellschaft. Sie trägt Sorge dafür, dass der Demokratie die DemokratInnen nicht ausgehen. Dabei ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Ehrenamtlichkeit in jungen Jahren besonders nachhaltig wirkt: Denn über die Hälfte (52,2 Prozent) derjenigen, die sich schon in der Jugendzeit engagiert haben, betätigen sich auch im Erwachsenenalter freiwillig weiter (vgl. Düx et al. 2008).

Betrachtet man jedoch die Entwicklung der Aktivitäten im Lebensverlauf, wird deutlich, dass das freiwillige Engagement in der Jugendzeit - neuerdings auch „Rush-Hour des Lebens“ genannt - abnimmt. So sind bei den 13- bis 15-Jährigen noch 82 Prozent in mindestens einem Verein aktiv, wohingegen es bei den 30- bis 32-Jährigen nur noch 69 Prozent sind (vgl. Bien/Rauschenbach 2012).

Auch aus den Jugendverbänden hört man, dass es immer schwieriger ist, junge Menschen langfristig an Engagement zu binden. Spätestens mit den nahenden Schulabschlussprüfungen ziehen sich viele junge und engagierte Menschen aus ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit zurück. Nicht weil sie das Interesse daran verloren haben, sondern weil ihnen während der Abiturprüfungen die Zeit fehlt oder sie für einen Ausbildungs- oder Studienplatz in eine neue Stadt umziehen. Diese Entwicklung stellt Jugend(verbände) immer stärker vor die Herausforderung, Angebote zu schaffen, die mit diesen Entwicklungen vereinbar sind. So zeigen neueste Studien, dass Jugendverbände ihre Aktivitäten vermehrt auf das Wochenende verlagern und dass Jugendliche sich vermehr eher „projektbezogen“ im Verband engagieren wollen (vgl. Buschmann/Wehmeyer 2013).

Da Jugendverbände und -Organisationen vermehrt auf die verdichteten Zeitpläne junger Menschen reagieren, stellt sich die Frage, welchen politischen Weichen gestellt werden müssen, um eine Vereinbarkeit von ehrenamtlichen Engagement in verschiedenen Lebensphasen der jungen Generation zu ermöglichen.

Vereinbarkeit in der Schulzeit
Schlägt heute ein Mittvierziger das Chemiebuch seiner 13-Jährigen Tochter auf, wird er feststellen, dass es nicht nur quantitativ mehr Seiten hat als die Chemiebücher aus der eigenen Schulzeit. Es wird ihm auch auffallen, dass die Tiefe, also die qualitativen Anforderungen des Lernstoffes, beachtlich gestiegen ist. Bedenkt man nun, dass die heute 13-Jährigen diesen Lernstoff auch noch in kürzerer Zeit pauken müssen, wird schnell klar, warum die Kritik an der zeitlichen Verdichtung durch das G8-Abitur wächst.

Kinder- und Jugendliche brauchen freie Zeit um sich eigenen, selbstgewählten Themen und Interessen zu widmen, sich selbst und ihre Umwelt immer wieder neu wahrzunehmen und zu entdecken. Neben solchen Freiräumen brauchen junge Menschen wie Erwachsene aber auch nicht verplante Freizeit, um sich zu regenerieren. Um dies zu gewährleisten, fordert der Deutsche Bundesjugendring (DBJR) eine 35-Stundenwoche für SchülerInnen.

Und zwar eine, die die sowohl die Wegzeiten als auch die Hausaufgaben umfasst: Obwohl die gelebte Praxis bei Einrichtung von Ganztagsschulen von Bundesländern, Kommunen aber auch von einzelnen Schulen stark differiert, ist es nicht unüblich, dass bereits Kinder bis in den späten Nachmittag mit Hausaufgaben, Lernen und Klausurvorbereitung beschäftigt sind. Deswegen braucht es eine Stundentafel für SchülerInnen die - trotz und gerade wegen Ganztagsschule - die Arbeit von SchülerInnen neben dem Unterricht berücksichtigt.

Um die Vereinbarkeit von ehrenamtlichen Engagement mit der (Ganztags-)Schule zu vereinbaren, sind darüber hinaus Möglichkeiten zur Freistellung von engagierten SchülerInnen notwendig. Obwohl es in einigen Bundesländern bereits ähnliche Regelungen für SchülerInnenvertretungen gibt, haben die meisten erwachsenen EntscheidungsträgerInnen eine schlechte Meinung von Jugendlichen. Häufig stoßen Jugendverbände auf Zurückhaltung in Politik und Verwaltung, wenn es darum geht, Jugendlichen positive Rechte zuzusprechen und somit ihr Engagement anzuerkennen und zu fördern. Dabei können zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen bereits seit dem Inkrafttreten des Schülervertretungserlasses von 1979 KlassensprecherInnen und SchülervertreterInnen zur Wahrnehmung ihrer Tätigkeiten vom Unterricht freigestellt werden. Ähnliche Regelungen sind auch für InhaberInnen einer Jugendleiter-Card (JuLeiCa) erstrebenswert.

stellvertretende DBJR-Vorsitzende Julia Böhnke

Julia Böhnke ist DGB-Jugend-Aktive und stellvertretende DBJR-Vorsitzende.
Michael Scholl/DBJR

Bildungsbulimie: Vereinbarkeit im Studium
Versprach man SchülerInnen noch vor zehn Jahren, dass das "Büffeln" aus Abiturzeiten mit Beginn des Studiums ein Ende haben würde und sie sich an der Universität viel gezielter und tiefer mit den Themen beschäftigen könnten, für die sie eine fachliche Leidenschaft entwickelt hätten. Heute müssen LehrerInnen ehrlicherweise zugeben, dass das sich Studieren in Deutschland immer mehr zum so genannten "Bulimie-Lernen" entwickelt - also dem schnellen Auswendiglernen von Faktenwissen mit späterem "Ausspucken" in der Prüfung.

Die Entwicklung hin zum verschulten Studium stellt aber auch die Organisation von Jugendarbeit vor neue Herausforderungen. Nutzten junge Menschen bisher die - zeitlichen - Freiheiten des Studiums, um sich ehrenamtlich zu engagieren, sind Jugendverbände heute vermehrt vor das Problem gestellt, dass ihre engagierten Studierenden die Betreuung von Jugendgruppen oder Freizeiten in den Sommerferien nicht fest zu sagen bzw. prophylaktisch absagen, weil der Arbeitsumfang ihres Studiums es nicht zulässt.

Da sich Klausuren und Prüfungen nun komplett durch die vorlesungsfreie Zeit ziehen, haben sie Probleme mit der Vereinbarkeit ihres Engagements und des Studiums. Ein "Ferienschutz" in der vorlesungsfreien Zeit könnte hier eine konkrete Hilfe für engagierte Studierende und Jugendverbände und -Organisationen bedeuten. Denn Ferienschutz würde bedeuten, dass es in jedem Bundesland eine zeitliche Schnittmenge der Sommerferien und der vorlesungsfreien Zeit gibt, in der keine verpflichtenden Lehrveranstaltungen stattfinden oder Leistungsnachweise erbracht werden müssen.

Um die Vereinbarkeit von Studium und Ehrenamtlichkeit zu fördern, ist es darüber hinaus notwendig, ehrenamtliches Engagement als Weiterförderungsgrund in der Studienförderung, beim BAföG anzuerkennen. Bereits heute ist das Engagement in Hochschulgremien und Gremien der studentischen Selbstverwaltung als gesetzlich vorgeschriebene Begründung anerkannt, die finanzielle Unterstützung von engagierten Studierenden auch über die Regelstudienzeit hinaus zu fördern. Diese Regelung gilt es, auch für Engagierte in Jugendverbänden und InhaberInnen einer Juleica zu übertragen.

Der perfekte Berufseinsteiger
Die Situation für BerufseinsteigerInnen spiegelt die paradoxe Förder- und Anerkennungskultur in Deutschland wieder. Obwohl Personalabteilungen für die sozialen Kompetenzen von ehrenamtlichen engagierten BerufseinsteigerInnen begrüßen, sind es besonders Arbeitgeber- und Unternehmensverbände, die den Zeitdruck forcieren.

Sie übten Druck auf die Kultusministerien aus, den Bologna-Prozess voranzutreiben und predigten vor der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem, dass deutsche Schul- und HochschulabsolventInnen im internationalen Vergleich zu alt seien. So hatte die Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BdA) bereits 1990 in einem Brief an die Kultusminister der Länder und den Bundesbildungsminister appelliert, die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre zu verkürzen. Begründung: Ein Trend zu - im internationalen Vergleich - "überlangen Bildungszeiten" müsse gestoppt werden. Denn mit durchschnittlich fast 29 Jahren bei Erlangung des  Hochschulabschluss sei die Gleichheit der Wettbewerbschancen bundesdeutscher BewerberInnen auf dem europäischen Arbeitsmarkt nicht mehr gewährleistet (vgl. Neues Deutschland vom 2. November 1990).

Nachdem diese Forderung von der Politik in die Tat nun umgesetzt worden ist, hat der perfekte Berufseinsteiger im Jahr 2013 sowohl im In- als auch im Ausland studiert und dort Fremdsprachenkenntnisse erworben, bringt paradoxer Weise bereits Berufserfahrung mit und ist in seiner persönlichen Karriere genauso zielstrebig wie er ein selbstloser Teamworker ist. Besonders soziale Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit sind dabei für Arbeitgeber wichtige Ressourcen, da kleinteilige Arbeitsteilung und Globalisierung die Arbeitswelt sowohl im Produktions- als auch im Dienstleistungsgewerbe prägen.

Aber gerade weil diese Anforderungen an junge Menschen genauso paradox wie unerfüllbar sind, gilt es, ihre Lebensverläufe eben nicht auf ihre Verwertbarkeit im Erwerbsleben zu reduzieren, sondern ihren persönlichen Weg und Beitrag zur Gesellschaft anzuerkennen und somit die gesellschaftliche Dimension ehrenamtlichen Engagements zu stärken.

Obwohl eine Kultur der Anerkennung gesellschaftlichen Engagements ein erster Schritt in diese Richtung ist, können Unternehmen und Politik mehr tun als das ehrenamtliche Engagement ihrer MitarbeiterInnen zu loben. Neben dem Rechtsanspruch auf Freistellung bzw. Sonderurlaub für ehrenamtliches Engagement in allen Bundesländern ist darüber hinaus ein gesetzlicher Anspruch auf die Fortzahlung des Gehalts notwendig, um ehrenamtliche Tätigkeiten von - jungen - Beschäftigten zu ermöglichen und nachhaltig zu stärken.

Vereinbarkeit in der Phase der Familiengründung
In Anknüpfung daran wird das Thema Vereinbarkeit am häufigsten im Zusammenhang mit Beruf und Familie diskutiert. Denn auch wenn die Familiengründung in den letzten Jahrzehnten statistisch gesehen im Lebensverlauf junger Paare immer weiter hinausgezögert wurde, steht sie mit Ende bzw. Anfang 30 häufig noch am Ende der Jugendzeit. Dabei lässt sich aus Sicht der Jugendverbände und -Organisationen in Deutschland beobachten, dass besonders junge engagierte Frauen mit der Geburt des ersten Kindes ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten häufiger ruhen lassen oder aufgeben als engagierte junge Männer. Das Jonglieren mit Familienzeit, Berufstätigkeit und Ehrenamtlichkeit scheint eine Herkulesaufgabe zu sein - die vor dem Hintergrund des persönlichen Netzwerkes und Betreuungsregimes individuell gelöst wird.

Bereits ältere Zeitstudien haben gezeigt, dass Teilzeitarbeit für Frauen die einzige Möglichkeit zu sein scheint, ihr ehrenamtliches Engagement auch nach der Geburt eines Kindes fortzuführen. Dies jedoch nur unter der Bedingung, dass die mit der Teilzeitarbeit verbundene geringere eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts abgedeckt und die damit einhergehende Abhängigkeit vom Partnereinkommen akzeptiert wird (vgl. Klenner/Pfahl 2001).

Um Frauen auch nach der Geburt eines Kindes die Möglichkeit zu ehrenamtlichem Engagement zu geben, muss es natürlich zwischen den Partnern zu einer stärkeren Gleichverteilung der Sorge-, Haus- und Erwerbsarbeit kommen. Um die Vereinbarkeit bzw. den Wiedereinstieg im Engagement auch in dieser Lebensphase zu fördern, wäre  beispielsweise denkbar, den Bezug des Elterngeldes um zwei Monate zu verlängern, wenn sich das betroffene Elternteil ehrenamtlich engagiert.

Fazit
Zusammenfassend gilt, dass das Thema Vereinbarkeit nicht mehr nur im Zusammenhang mit Beruf und Familie gedacht werden darf. Denn dabei herrscht zumindest in großen Teilen der Politik und Wirtschaft ein Konsens darüber, dass sich der "Standort Deutschland" allein schon im Zuge von Fachkräftemangel und demografischem Wandel nicht leisten kann, auf Frauen in der Arbeitswelt zu verzichten.

Bei all der volks- und betriebswirtschaftlichen Sachlogik gerät jedoch die Stärkung der Demokratie und demokratischer Kompetenzen der Bevölkerung zunehmend ins Hintertreffen. Dabei ist ehrenamtliches Engagement als JugendleiterIn in der Freiwilligen Feuerwehr, in der Kirche, als politischer Mandatsträger oder als Betriebs- oder Personalrat eine zentrale und stabilisierende Säule der Demokratie in Deutschland. Für ihre Stärkung bedarf es der (Neu-)Entwicklung und Umsetzung politischer Förderinstrumente, die über Sonntagsreden, Handschläge oder Sommerfeste beim Bundespräsidenten hinausgehen.


Literatur
DBJR: Jugendpolitik 1/2013: Ehrenamt und Job jonglieren. Zu bestellen: hier.

Walter Bien, Thomas Rauschenbach: Aufwachsen in Deutschland. Der neue DJI-Survey, 2012

Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Statistisches Taschenbuch 2011

Wibken Düx u.a.: Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter, 2008

Christina Klenner, Svenja Pfahl: (Keine) Zeit fürs Ehrenamt? Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit, in: WSI-Mitteilungen 3/2001

Mirja Lange, Karin Wehmeyer: Keine Zeit für Jugendarbeit?! Veränderte Bedingungen des Heranwachsens als Herausforderungen für die Jugendarbeit, 2013

Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 2011

 

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