Deutscher Gewerkschaftsbund

Ohne Abitur zur Hochschule

Wer darf eigentlich studieren? Grundsätzlich gilt in Deutschland, dass nur das Abitur den Zugang zur Hochschule öffnet. Aber es gibt immer mehr Ausnahmen. Wer eine Berufsausbildung und Arbeitserfahrung hat, kann schon heute an viele Hochschulen - oft nach einer extra Prüfung - ein Studium aufnehmen (sogenannter Dritter Bildungsweg/DBW). Und dann ist da ja noch die Frage, wie viel ein ausländischer Schulabschluss gilt.

DBW: Bundesweite Standards

Nachdem bis 2009 jedes Bundesland und z.T. jede Hochschule selbst regelte, unter welchen Voraussetzungen man auch ohne Abitur ein Studium aufnehmen kann, hat sich die Kultusministerkonferenz der Länder auf einheitliche Standards geeinigt. In dem Beschluss vom 06. März 2009 heißt es:

1. Inhaber folgender Abschlüsse der beruflichen Aufstiegsfortbildung erhalten eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung:

1.1 Meister im Handwerk nach §§45,51a, 122 Handwerksordnung (HwO)
1.2 Inhaber von Fortbildungsabschlüssen, für die Prüfungsregelungen nach §§53,  54 Berufsbildungsgesetz (BBiG), §§ 42, 42a HwO bestehen, sofern die Lehrgänge mindestens 400 Unterrichtsstunden umfassen.
1.3 Inhaber vergleichbarer Qualifikationen im Sinne des Seemannsgesetzes (staatliche Befähigungszeugnisse für den nautischen oder technischen Schiffsdienst)
1.4 Inhaber von Abschlüssen von Fachschulen entsprechend der „Rahmenvereinbarung über Fachschulen" der Kultusministerkonferenz in der jeweils geltenden Fassung
1.5 Inhaber von Abschlüssen vergleichbarer landesrechtlicher Fortbildungsregelungen für Berufe im Gesundheitswesen sowie im Bereich der sozialpflegerischen und sozialpädagogischen Berufe.

2. Beruflich qualifizierte Bewerber, die nicht unter Ziffer 1 fallen, erhalten eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung, wenn sie folgende Voraussetzungen erfüllen:

2.1 Abschluss einer nach BBiG/HwO, durch Bundes- oder Landesrecht geregelten mindestens zweijährigen Berufsausbildung in einem zum angestrebten Studien gang affinen Bereich und mindestens dreijährige Berufspraxis in einem zum Studiengang affinen Bereich; für Stipendiaten des Aufstiegsstipendienprogramms des Bundes sind zwei Jahre ausreichend.
2.2 Erfolgreicher Abschluss eines Eignungsfeststellungsverfahrens, das

- durch eine Hochschule oder staatliche Stelle auf der Grundlage einer Prüfungsordnung durchgeführt wird
- schriftliche und mündliche Prüfungsanteile aufweist
- auf allgemeines und fachbezogenes Wissen bezogen ist.

Das Eignungsfeststellungsverfahren kann durch ein nachweislich erfolgreich absolviertes Probestudium von mindestens einem Jahr ersetzt werden.

3. Die Länder können weitergehende Regelungen für den Hochschulzugang treffen und insbesondere den Katalog der Fortbildungsabschlüsse gemäß Ziffer 1 entsprechend den jeweiligen Landesregelungen erweitern. Solche landesspezifischen Hochschulzugangsberechtigungen werden nach einem Jahr nachweislich erfolgreich absolvierten Studiums zum Zwecke des Weiterstudiums in dem gleichen oder in einem affinen Studiengang von allen Ländern anerkannt. Ein Probestudium, zu dem abweichend von den unter Ziffer 2 festgelegten Voraussetzungen zugelassen wurde, wird nicht mitgerechnet.

Hochschulzugang über die AdA

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Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, kann auch ohne Abitur eine Hochschulzugangsberechtigung an der Akademie der Arbeit in Frankfurt /Main erwerben. Der Abschluss qualifiziert zudem auch für andere Berufsperspektiven. Voraussetzung ist allerdings das Bestehen einer Aufnahmeprüfung.

Das (Ganztags-)Studium an der AdA dauert elf Monate, jeweils von Anfang Oktober bis Anfang August. In Hessen und einigen anderen Bundesländern berechtigt dich ein AdA-Abschluss zu einem Hochschulstudium der Rechtswissenschaften, Soziologie oder Volkswirtschaftslehre.

Bewerben kann man sich direkt bei der AdA oder über eine Verwaltungsstelle der Gewerkschaft. Dort kann man dir vielleicht auch helfen, ein gewerkschaftliches Stipendium zu erhalten. Darin enthalten ist die kostenlose Unterbringung und Verpflegung an der AdA, ein monatliches Unterhaltsgeld (ca. 400 €, gilt bei der Einkommensteuer als Stipendium), Büchergeld und Fahrtkostenerstattung für Heimfahrten, ein Zuschuss für die Krankenversicherung und in bestimmten Fällen ein Zuschuss für die Miete daheim.

Du solltest versuchen, von deiner/m ArbeitgeberIn eine Freistellung für die Dauer des Studiums zu bekommen. So hast du die Option, danach wieder in deinen Betrieb, vielleicht sogar an deinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Allerdings ist dein/e ArbeitgeberIn nicht dazu verpflichtet: sie/er kann, aber muss dich nicht freistellen!

Studienförderung ohne Abitur

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2012 hat die Hans Böckler Stiftung ein neues Studienförderungsprogramm ins Leben gerufen, mit dem speziell Berufstätige angesprochen werden sollen, die aus dem gewerblich-technischen Bereich kommen. Das Modellprojekt findet an der Universität Duisburg-Essen und der Hochschule Niederrhein in Krefeld statt. Ziel ist es, den Weg ins Studium mit möglichst wenig Hindernissen zu gestalten. erfolgreichem Berufsabschluss und mindestens drei Jahren beruflicher Praxis. Grundvoraussetzungen sind ein erfolgreicher Berufsabschluss und mindestens drei Jahren berufliche Praxis.

Das sagt die DGB-Jugend

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Eigentlich ist das Abitur die Eintrittskarte in die Hochschulwelt - doch BildungsforscherInnen sagen seit Jahren, das ist nicht gerecht. Denn Abitur machen viel mehr AkademikerInnenkinder als Kinder von Arbeiterinnen und Arbeitern. Dazu gibts viele Gründe, aber nur ein Ergebnis: Ein Großteil der Studierenden hat mindestens ein Elternteil mit Hochschulabschluss. Die Gewerkschaften kämpfen an zwei Fronten für mehr Bildungsgerechtigkeit: Wir wollen mehr ArbeiterInnenkinder bis zum Abitur und mehr Menschen ohne Abi an die Unis bringen.

  • Kinder aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten sind schon in der Schule benachteiligt. Ihre Eltern können oft weniger bei den Hausaufgaben helfen, sie haben weniger Bücher zu Hause und weniger Geld für Lernmittel oder Nachhilfe. Forschungen haben sogar ergeben, daß LehrerInnen sozialschwache SchülerInnen für dieselbe Leistung schlechter benoten. Auch die Entscheidung "Ausbildung oder Abitur" ist nicht selten von finanziellen Fragen abhängig. Die DGB-Jugend tritt deshalb für längeres gemeinsames Lernen auch in der Mittelstufe ein - denn das fördert nachweislich die Leistungen aller SchülerInnen und verbessert die Chancen von sozial Schwachen. Lernmittelfreiheit, eine Ausweitung des Schüler-BAföG und bessere Lehrpläne zählen ebenso zu unseren Zielen.

  • Ein Hochschulstudium ist zum Teil Berufsqualifikation, zum Teil ein persönlicher Bildungsgewinn. Auch, wer als junger Mensch wenig Gedanken an ein Studium verschwendet hat, kann sich im Laufe seines Berufslebens anders entscheiden. Erstmal zwei Jahre büffeln, um das Abitur nachzuholen ist dann oftmals schwer möglich - und vieles, was man dabei lernt, ist fürs Studium auch nicht nötig. Klar: Wissenschaftliches Arbeiten will gelernt sein, doch viele erfolgreiche Modelle zeigen: Wer im Beruf seinen (Fach-)Mann (und seine Frau) gestanden hat und per Prüfung ihre/seine Fähigkeiten nachweist, scheitert nicht im Studium. Eher gilt: Wer aus dem Beruf kommt, studiert zielstrebiger als und mindestens genauso erfolgreich wie AbiturientInnen. Deshalb sind die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz ein richtiger Schritt in Richtung der Öffnung der Hochschulen, weitere müssen folgen.

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