Deutscher Gewerkschaftsbund

Werkstudent + Freiberufler

Guten Abend,
ich habe mich schon ziemlich lange durch die ganzen Beiträge hier gelesen und viele hilfreiche Infos bekommen. Da ich aber doch einen relativ seltenen Fall habe, möchte ich selbst auch noch mal konkret nachfragen.

Ich bin Studentin im Master und war die letzten 1,5 Jahre ausschließlich freiberuflich tätig, auf Rechnung, bei zwei verschiedenen Arbeitgebern.

Ab dem nächsten Monat habe ich eine neue Anstellung als Werkstudentin. Ich arbeite 16 Stunden pro Woche und verdiene 10 Euro pro Stunde. Ich würde allerdings gerne weiterhin freiberuflich als Webdesignerin beschäftigt bleiben.

Ich weiß, dass ich in der Vorlesungszeit nicht mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten werde, außer nachts und am Wochenende. Deswegen werde ich darauf achten, meine freiberufliche Tätigkeit hauptsächlich am Wochenende auszuführen und das auch nicht häufiger als 26 Wochen im Jahr. So weit, so gut.

Ich rechen damit, durch die selbstständige Nebentätigkeit etwa 200 Euro im Monat zu verdienen. Damit käme ich insgesamt mit dem Werkstudentenjob auf 11.660 Euro im Jahr. Da der Freibetrag nächstes Jahr bei 9000 Euro liegt, müsste ich 2660 Euro von der Steuer absetzen, um keine Steuern bezahlen zu müssen. Ist das realistisch? Mit Werbungskostenpauschale, Ausgaben für Arbeitsmittel? Kann ich auch eine Pauschale für meinen Weg zur Uni berechnen? Die Studiengebühren? Meine Krankenversicherung, die ab Juni, wenn ich 25 werde, anfällt? Ich habe mal etwas von einer Pauschale für Ehrenämtler gehört, kann ich davon auch Gebrauch machen? Ich bin ehrenamtlich beim Uniradio tätig.

Mit der Krankenversicherung habe ich zum Glück aktuell keine Probleme bezüglich Einkommensgrenzen, da ich über Beihilfe und PKV versichert bin.

Ich möchte, dass mein neuer Werkstudentenjob meine Hauptbeschäftigung wird. Muss ich das dann beim Finanzamt ummelden? Bisher war ich ja nur freiberuflich tätig, hatte also nicht Haupt- UND Nebenbeschäftigung. Oder wird das automatisch umgemeldet, da ich bei meinem neuen Arbeitgeber angegeben habe, dass das meine Hauptbeschäftigung sein soll?

Und damit rutsche ich dann ja mit der selbstständigen Tätigkeit in die Steuerklasse VI... Ich blicke da irgendwie noch nicht ganz durch, was das dann für einen Unterschied für mich macht. Falls ich unter dem Freibetrag bleibe, muss ich aber doch auch da keine Steuern zahlen, oder? Und wenn doch, wie viele? Und wie bezahle ich die eigentlich? Bisher wurde mir immer der Nettobetrag ausgezahlt. Zahle ich die Steuern dann erst am Ende des Jahres nach meiner Einnahmen-Überschuss-Rechnung? Und was kommt da alles rein? Als Webdesignerin brauche ich ja kaum etwas anderes als einen Laptop.

Was ergeben sich für Unterschiede dadurch, dass meine Nebenbeschäftigung freiberuflich ist (und nicht zum Beispiel ein Minijob)? Eventuell könnte ich bei meinem einen Auftraggeber nachfragen, ob er mich geringfügig als studentische Aushilfe für ein paar Stunden pro Woche beschäftigen könnte, also nicht mehr freiberuflich? Ist das eine Option? Wäre das für mich vielleicht besser?

Vielleicht nochmal das Wichtigste kurz zusammengefasst:
- Hauptbeschäftigung: Werkstudentenjob, 16 Stunden pro Woche
- Nebenbeschäftigung: Freiberuflerin, max. 4 Stunden pro Woche oder nachts oder am Wochenende
- Krankenversicherung: kein Problem (Beihilfe und PKV)
- Voraussichtliche Einnahmen 2018: 11.660€

Als letztes noch: Wie viele (und welche) Steuern bezahlt man überhaupt, wenn man doch über den Freibetrag kommt? Irgendwie finde ich auch dazu keine konkreten Angaben.

Es tut mir Leid, es sind wirklich viele Fragen geworden, aber ich beschäftige mich schon so lange damit und habe auch leider schon viele widersprüchliche Angaben gefunden... Das Finanzamt gibt keine Auskunft und ich habe wirklich Angst, etwas falsch zu machen. Ich hoffe, dass jemand von euch mir helfen kann. Lieben Dank im Voraus!

Katharina

Katharina: 30.11.2017 22:30:34 |
Tags:
  • RE: Werkstudent + Freiberufler

    Hallo Katharina,

    vielen Dank für deine Anfrage.

    Ich versuch das mal möglichst übersichtlich aufzudröseln.

    Steuern:
    Der Steuergrundfreibetrag beträgt ab 2018 9000€/Jahr plus 1000€ Werbungskostenpauschale bei abhängiger Beschäftigung. Die Werbungskostenpauschale wird dir automatisch gewährt und ist über deine Steuer-ID in Lohnsteuerklasse 1 vermerkt.
    Die Steuern werden, wenn überhaupt welche anfallen, von deine_r/m Arbeitgeber_in ans Finanzamt abgeführt. Ausbezahlt bekommst du dein Gehalt dann netto (nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen). Da brauchst du dich um nichts weiter kümmern.
    Die Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenbeschäftigung ist beim Thema Steuern nur bei mehreren abhängigen Beschäftigungen relevant (unterschiedliche Steuerklassen).

    Bei selbstständiger Tätigkeit ist dein Gewinn (Einnahmen minus für den Job notwendige Ausgaben) relevant. Selbstständige Tätigkeiten werden nicht über Lohnsteuerklassen abgerechnet. Um deine Steuerschuld zu ermitteln, machst du am Ende des Jahres deine Steuererklärung inkl. Einnahmen-Überschuss-Rechnung.
    Dein so ermittelter Gewinn wird dann mit deinem steuerpflichtigen Einkommen aus der abhängigen Beschäftigung zusammengerechnet und dein steuerpflichtiges Gesamteinkommen ermittelt.

    Deine KV-Kosten sowie Rentenversicherungseinzüge kannst du neben anderen Ausgaben bei der Steuererklärung geltend machen.

    Erst wenn du dann mehr verdient hast, wird Einkommenssteuer fällig – und auch nur auf den Betrag, der deinen Freibetrag plus ggf. Vorsorgeaufwendungen, Sonderausgaben oder höhere Werbungskosten übersteigt. Bereits über die abhängige Beschäftigung abgeführte Steuern werden gegengerechnet. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XQM
    Der Eingangssteuersatz liegt derzeit bei 14%. Das heißt, wenn z.B. dein zu versteuerendes Einkommen mit deiner Steuererklärung 200€ über allen Freibeträgen liegt, musst du 28€ Steuern bezahlen.
    Der Steuersatz steigt dann mit der Höhe des Einkommens an.

    Die Ehrenamtspauschale kannst du steuerlich nur geltend machen für Aufwandsentschädigungen, die du für die entsprechende eherenamtliche Tätigkeit erhältst. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgd

    Sozialversicherung (SV):
    Hier sollte es mit der Kombi, wie sie von dir beschrieben wurde, möglich sein, dich in der SV voraussichtlich im Werkstudent_innenstatus anzumelden und abzurechnen (aber nicht zwingend sicher). Das bedeutet, dass von deinem Gehalt dann nur Beiträge in die Rentenversicherung (RV) eingezogen werden, nicht aber in die Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung (KV, PV und AV). Krankenversichern musst du dich dann selbst auf eigene Kosten und arbeitslosenversichert bist du gar nicht.
    Kosten: 9,3% RV vom Gehalt + eigene KV/PV (in deinem Fall privat).

    Beachte, dass deine Arbeitszeit in der selbstständigen Tätigkeit zur Ermittlung deines SV-Status miteinberechnet wird und manche KVen bei Selbstständigkeit noch Vor- und Nachbereitungszeiten ansetzen, so dass die 20h-Grenze fließend zu betrachten ist und ggf. schon bei 16h/Woche abhängig beschäftigt + 4h/Woche selbstständig tätig als überschritten angesehen werden könnte. Die 26-Wochen-Regel greift eigentlich nur, wenn die Tätigkeit nicht auf Dauer angelegt ist. Mehr hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xhi

    Arbeitest du insgesamt regelmäßig mehr als 20h/Woche bzw. entscheidet die KV, dass der Werkstudistatus nicht mehr greift, wirst du als Arbeitnehmerin angemeldet. Dann werden von deinem Gehalt anteilig Beiträge in die RV, KV, PV und AV abgeführt.
    Kosten: Insgesamt knapp 20% SV-Abgaben vom Gehalt, dafür keine aber weiteren Kosten für KV/PV und du kannst in die gesetzliche wechseln.hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​ina

    Hier wäre eine Kombi aus Werkstudijob plus Minijob mit insgesamt 20h/Woche eindeutiger.
    Ausführlicheres zum Thema Minijob kannst du her nachlesen: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xge

    Deine geringfügige freiberufliche Tätigkeit ist in beiden Fällen sozialversicherungsfrei, also egal, ob du als Arbeitnehmerin oder als Werkstudentin in der abhängigen Beschäftigung angemeldet wirst, auf deine selbstständige Tätigkeit (oder auch auf einen zusätzlichen Minijob) hat das keinen Einfluss.

    Aber: Wenn du selbstständig tätig bist, bist du quasi deine eigene Chefin und dementsprechend auch für deine korrekte Anmeldung beim Finanzamt und der Sozialversicherung selbst zuständig.
    Für dich als Selbstständige gelten nicht die üblichen Arbeitnehmer_innenrechte wie Kündigungsschutz, Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall oder bezahlten Urlaub. Im Minijob angestellt, würdest du von den dann geltenden Arbeitnehmer_innenrechten profitieren. Dafür wärst du vermutlich unfreier in deiner Zeiteinteilung oder der Entscheidung wieviel du arbeitest (Aufträge kannst du ablehnen, wenn du im Minijob auf 4h/Woche fest angestellt bist, musst du die in der Regel auch arbeiten).
    Ausführlicheres zum Thema Selbstständigkeit findest du hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgf sowie in unserer Broschüre „Selbstständigkeit und Studium“ https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​pyC

    Lies dir am besten mal die verlinkten Seiten zu deinen Themen durch.
    Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gerne wieder an uns wenden.

    Beste Grüße,
    Andrea
    students at work

    Dies ist ein Service deiner Gewerkschaft, bitte empfiehl uns weiter und like uns auf Facebook! https:/​/​www.facebook.com/​dgb.studentsatwork

    S@W: 11.01.2018 14:10:23


  • RE: Werkstudent + Freiberufler

    Hallo Andrea,

    vielen, vielen Dank für die ausführliche Antwort! Das hat mich schon sehr viel weiter gebracht.

    Ein paar restliche Fragen habe ich aber doch noch.

    Eine Einkommensgrenze dürfte es für mich nicht geben, ist das richtig? (Da ich ja nicht gesetzlich versichert bin)

    Kann ich meine Studiengebühren von der Steuer absetzen? Eine Pauschale für den Weg zur Uni / zur Arbeit? Bzw. was fällt alles unter die Werbungskostenpauschale und was kann ich noch als Sonderausgaben gültig machen?

    Spielt es für mich persönlich eine Rolle, dass meine abhängige Beschäftigung über Steuerklasse I und die freiberufliche über Steuerklasse VI läuft? Beim Finanzamt bin ich ja bereits angemeldet, und das heißt dann einfach nur, dass ich für die freiberufliche Tätigkeit ggf. mehr Steuern zahlen müsste, richtig?

    Muss ich jetzt im Verlauf des Jahres an irgendetwas konkret denken, außer dass ich unter den 20 Std. pro Woche bleibe und am Ende des Jahres eine Steuererklärung und eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung mache?

    Und noch eine letzte Sache: Eventuell habe ich die Möglichkeit, in meine aktuelle Werkstudentenstelle ab Herbst fest einzusteigen, also Vollzeit. Dann würde ich ja SV-pflichtig werden. Würde das einen Wechsel zurück in die GKV ermöglichen, oder geht das wirklich erst, wenn ich auch exmatrikuliert bin? (Ich werde vermutlich dann noch an meiner Masterarbeit schreiben.)

    Katharina: 06.02.2018 17:34:59


  • RE: Werkstudent + Freiberufler

    Hallo Katharina,

    ob es bei deiner PKV eine Einkommensgrenze oder ähnliches gibt, kann ich dir nicht sagen. Bei privaten Krankenversicherungen handelt es sich um privatrechtliche Verträge, das müsstest du also mit der zuständigen Versicherungsgesellschaft klären.

    Was genau alles unter Werbungskosten und Sonderausgaben fällt, überschreitet unser Wissen und unsere Kompetenzen. Individuelle Beratung in dem Bereich bekommst du bei eine_r/m Steuerberater_in oder ggf. bei Lohnsteuerhilfevereinen vor Ort.

    Lohnsteuerklassen (LSK) sind nur für die Abrechnung von abhängigen Beschäftigungen da. In deiner freiberuflichen Tätigkeit hast du also nicht LSK 6, deine Steuerschuld bemisst sich dort allein auf den Angaben in deiner Steuererklärung.

    Wenn deine regelmäßige Arbeitszeit insgesamt über 20h/Woche liegt, entfällt der Werkstudent_innenstaus und du wirst als Arbeitnehmerin voll sozialversicherunsgpflichtig - auch dann, wenn du noch eingeschrieben bist. Dann kommst du automatisch (über deinen abhängigen Job) zurück in die gesetzliche KV.
    Das ist sowohl der Fall, wenn du anfängst dort Vollzeit zu arbeiten, aber auch, wenn du so viel freiberuflich arbeitest, dass du insgesamt regelmäßig über die 20h/Woche kommst (und das nicht nur in der vorlesungsfreien Zeit etc.).
    Mehr hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xhi und hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​ina

    Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gerne wieder an uns wenden.

    Beste Grüße,
    Andrea
    students at work

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    S@W: 05.03.2018 11:59:01


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