Deutscher Gewerkschaftsbund

Politisches Wissen - Gewerkschaft im Studium. Plan B und Bundestagswahl. Interview mit Leonie Koch

Plan B: Hilft die Gewerkschaftsjugend auch Studierenden? Auf jeden Fall, sagt Leonie Koch.

Leonie Koch

© L. Koch

Leonie Koch ist bei der IG BCE-Jugend aktiv und macht, nach einer betrieblichen Ausbildung, derzeit ihren Master in Köln

 

Leonie, du studierst gerade. Inwiefern bist du mit negativen Entwicklungen im Bildungssektor konfrontiert?
Ich denke, eine negative Entwicklung, von der wohl alle Studierenden betroffen sind, ist die Bologna-Reform: Man muss in möglichst kurzer Zeit einen möglichst guten Bachelor-Abschluss schaffen, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, einen Master zu beginnen. Dadurch entsteht ein unfassbarer Konkurrenzdruck unter den Studierenden, ein perfekter Nährboden für eine Ellenbogengesellschaft. Dieser Wettkampf in der Bildung war für mich zu Beginn des Studiums erschreckend, das war ich aus meiner Ausbildung so nicht gewöhnt.

Und da ist natürlich der finanzielle Aspekt: Bei mir an der Hochschule sollen die Fachbereiche Wirtschaftsrecht und Wirtschaftsingenieurwesen zusammengelegt werden, um Kosten zu sparen. Ich denke nicht, dass ich die Zusammenlegung noch mitbekomme. Aber schon jetzt hat die Überlegung Auswirkungen auf unser Studium, da die Professoren gefühlt mehr damit beschäftigt sind, die Interessen des jeweiligen Fachbereichs durchzusetzen als Vorlesungen zu halten.

Hilft dir die Gewerkschaftsmitgliedschaft im Studium?
Definitiv. Es gibt natürlich zum einen allgemeine Vorteile einer Mitgliedschaft im Studium wie z. B. Seminare für Studierende, die Überprüfung von Arbeitsverträgen und -zeugnissen. Und das Netzwerk, das man sich schafft und das einem sowohl im Hinblick auf Praktika und Nebenjobs im als auch nach dem Studium unfassbar nützlich sein kann.

Persönliche Vorteile für mich im Wirtschaftsrechtsstudium sind zum einen das arbeitsrechtliche Verständnis durch die Arbeit mit JAVis und das wirtschaftliche und politische Know-how, das man durch Ehrenämter in der Gewerkschaft bekommt. Zudem ist es besonders jetzt im Master ein Riesenvorteil, daran gewöhnt zu sein, vor Menschen zu sprechen - sehr viele Seminare verlangen neben einer Klausur auch einen Vortrag.

Plan B

Welche Themen werden aus der Sicht der IG BCE-Jugend im Bundestagswahlkampf interessant sein?
Wir müssen verhindern, dass der momentan spürbare Rechtsruck auch im Bundestag Spuren hinterlässt - dass rechte Parteien wie die AfD dort einziehen. Sie propagieren nicht nur eine menschenverachtende Haltung, sie treten auch die Grundwerte und die Errungenschaften von Gewerkschaften mit Füßen.

Für uns werden auch die Forderungen oder Vorschläge der Parteien zur Energiewende eine große Rolle spielen. Für uns ist es wichtig, die Energiewende mit Sinn und Verstand zu gestalten, damit unsere Kolleg_innen nicht die Leittragenden sind. Hier werden wir genau hinschauen müssen, welche Vorstellungen im Bundestagswahlkampf präsentiert werden.

Wie nehmen Mitglieder der IG BCE-Jugend Politik wahr?
Unsere Mitglieder sind der Politik gegenüber sehr kritisch. Das soll nicht heißen, dass sie alle politischen Entscheidungen kritisieren, sondern vielmehr, dass sie Entscheidungen hinterfragen und verstehen möchten und sich auch nicht scheuen, ihre Punkte gegenüber politischen Entscheidungsträgern zu äußern und ihre Forderungen und Wünsche anzubringen.

Welche der Plan-B-Forderungen der Gewerkschaftsjugend ist für euch am wichtigsten?
Die Forderung "Ausbildung besser machen". Wir haben ein richtig gutes Ausbildungssystem, das darf nicht durch die Einführung von Schmalspur-Ausbildungen durch die Unternehmen kaputtgemacht werden. Außerdem müssen wir die Mitbestimmungsmöglichkeiten der jungen Arbeitnehmer_innen stärken: Denn sie kennen die Bedürfnisse und Interessen am besten. Da macht es Sinn, dass sie auch bei ihren Belangen mitbestimmen dürfen.

Wie kann man diese Ziele erreichen?
Ganz wichtig ist Aufklärung. Zunächst müssen wir natürlich unseren Funktionär_innen und Mitgliedern zeigen, welche Möglichkeiten wir haben. Dieses Wissen müssen wir dann in die Gesellschaft tragen -sei es durch betriebliche Aktionen der Jugendgremien oder auf der Straße.
Wir sprechen mit Leuten und zeigen ihnen auf, was sie wählen, wenn sie eine Partei wählen. Wichtig sind auch Gespräche mit Entscheidungsträgern: Wir formulieren unsere Interessen in der Gesamtorganisation als auch gegenüber Politiker_innen - um ihnen deutlich zu machen, welche Forderungen wir haben.

"Wir müssen verhindern, dass der momentan spürbare Rechtsruck auch im Bundestag Spuren hinterlässt."

Welche Rolle spielt die Gewerkschaftsjugend bei der Gestaltung der Gesellschaft?
Eine große. Wir sind oft die erste politische Organisation, mit der junge Menschen nach der Schule in Kontakt kommen. Für die meisten war Politik bis dahin nur ein Fach, dem mehr schlecht als recht Beachtung geschenkt wurde. Vielen ist nicht bewusst, dass Politik auch die Gestaltung unserer Gesellschaft ist.

Wir haben zu Beginn des Arbeitslebens die Möglichkeit, jungen Menschen zu zeigen, dass Politik viel mehr ist als "alte weiße Männer, die irgendwas beschließen". Hier können wir als Gewerkschaftsjugend ansetzen und ihnen zeigen, dass Politik eine große Möglichkeit ist, die Gesellschaft zu gestalten. Und natürlich auch, dass Politik und Mitbestimmung nicht nur unfassbar wichtig sind, sondern auch Spaß machen können.

Das erreichen wir durch die Arbeit in den Jugendgremien im Betrieb und in der Gewerkschaft. Und so lernen sie wie wichtig Vielfalt, Solidarität und Zusammenhalt in einer Gesellschaft sind.


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Wir haben den Plan B
In Zeiten zunehmender Polarisierung in der Gesellschaft kündigt sich für das Jahr 2017 ein spannender Bundestagswahlkampf an. Die Gewerkschaftsjugend will dafür sorgen, dass die Interessen von Auszubildenden, Studierenden und jungen Beschäftigten in den Fokus der Politik geraten. Denn (Aus-)Bildung und Arbeit haben eine große Bedeutung im Leben der jungen Generation – die Politik muss dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Jetzt haben die jungen Gewerkschafter_innen ihre Forderungen in einem Positionspapier zusammengefasst und veröffentlicht. Dort heißt es: "Von Politiker_innen erwarten wir, dass sie sich den Lebensrealitäten und Problemen von Auszubildenden und jungen Erwerbstätigen ernsthaft annehmen und ihre Forderungen umsetzen." Die Themen: Ausbildung, Flexibilität, Studium, Umverteilung.

 

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