Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum! Plan B und Bundestagswahl. Interview mit Sebastian Cramer

Eine intakte Infrastruktur, gute Arbeitszeitmodelle und korrekte Digitalisierung: Sebastian Cramer sagt, was in seinem Betrieb vor der Bundestagswahl diskutiert wird.

Sebastian Cramer

© Privat

Gewerkschaften öffnen uns die Türen: IG BCE-Mitglied Sebastian Cramer ist JAV-Vorsitzender bei der Firma Merck in Darmstadt und für diese Tätigkeit seit Februar 2017 freigestellt. JAV-Arbeit macht er seit 2010

Sebastian, welches Problem in eurem Betrieb könnte auch im Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen?
Unser Standort Darmstadt ist eine aufstrebende Stadt, und die Einwohnerzahl wächst von Jahr zu Jahr - allein schon aufgrund der vielen Studierenden an unserer Universität. Leider jedoch nicht der zu Verfügung stehende, für Azubis bezahlbare Wohnraum. Wir haben bei Merck viele Azubis, die für die Ausbildung nach Darmstadt ziehen müssen. Der Wohnungsmarkt ist jedoch leer. Wir haben bereits einige Werkswohnungen zu Azubi-WGs umfunktionieren können, das reicht jedoch bei weitem nicht aus.

Ein weiteres Problem ist die Qualität der Ausbildung an den Berufsschulen. Wir haben hier zwar zum Großteil qualifiziertes Personal, jedoch zu wenig Kapazitäten. Noch dazu kommt die schlechte bauliche Substanz und Ausstattung der Berufsschulen. Alles redet von "Industrie 4.0" und "Ausbildung 4.0". Bei den Berufsschulen sind wir meilenweit davon entfernt. Das schlägt sich auf die Qualität der dualen Ausbildung nieder. Das ist sehr schade.

Plan B

Dann nehmen eure Azubis und jungen Beschäftigten Politik ganz konkret wahr…
Viele Azubis fühlen sich von der Politik nicht gehört bzw. nicht gut vertreten. Das Problem liegt meistens schon bei den Jugendstrukturen der Parteien, die meist von Vollzeitstudenten dominiert werden und somit keine Affinität zum dualen Ausbildungssystem haben. Dennoch haben wir einige Aktive. Diese finden sich zum Teil in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV), aber auch bei unseren Jugendvertrauensleuten zusammen – und diskutieren zum Teil auf einem hohen Niveau die aktuelle politische Lage.

Du kennst die Plan-B-Forderungen der Gewerkschaftsjugend: Welche geforderte Veränderungen rund um Ausbildung, Bildung, Flexibilität und Umverteilung sind euch am wichtigsten?
Merck selbst hat keine großartigen Defizite bei der Ausbildung zu verzeichnen und kompensiert mit dem Werkunterricht auch die bereits genannte, teilweise sehr schlechte Qualität der Berufsschulen. Dennoch ist die Berufsschule ein heißdiskutiertes Thema. Gerade haben unsere Jugendvertrauensleute ein Projekt ins Leben gerufen, dass auf die katastrophalen Zustände der Berufsschulen aufmerksam machen soll.

Flexibilität ist ebenfalls ein wichtiges Thema für die Jugendlichen: Sie haben bereits vor einem Jahr gefordert, mit dem Unternehmen Verhandlungen dazu aufzunehmen. Hier soll demnächst ein Pilotprojekt starten, in welchem die Azubis verschiedene Arbeitszeitmodelle ausprobieren können. Als zusätzlichen Ausbildungsinhalt finde ich das eine klasse Idee.

"Alle reden von Arbeit 4.0 – aber keiner von Berufsschule 4.0."

Und Umverteilung?
Ist eher weniger ein Thema. Das ist für die meisten nicht richtig greifbar. Allerdings werden die Forderungen nach einer paritätischen Verteilung der Beiträge für Krankenkassen immer lauter. Bei der Erbschaftssteuer haben wir als Mitarbeiter_innen eines großen Familienkonzerns eine ein wenig andere Meinung als der DGB. Aber das ist ja das Schöne an der Gewerkschaft: Hier können solche Themen einfach breit diskutiert werden.

Für uns ist am wichtigsten, dass die Qualität der Ausbildung gesichert ist – und dafür müssen die Berufsschulen renoviert und technisch auf den aktuellen Stand gebracht werden. Die Digitalisierung duldet keinen weiteren Aufschub. Die Lernmittelfreiheit sehe ich ebenfalls als wichtiges Standbein an. Wichtig ist auch, dass die Auszubildenden direkt mit ihrem Vertrag den Ausbildungsplan bekommen. Bei Merck wird das bereits so gelebt, allerdings kennen wir alle auch andere Beispiele.

Wie werdet ihr in eurem Betrieb oder auch darüber hinaus aktiv?
Viele von unseren JAVis und Jugendvertrauensleuten sind in der Gewerkschaft und im Bezirksjugendausschuss aktiv. Dieser stellt in Darmstadt ein perfektes, branchenübergreifendes Netzwerk dar. Hier versuchen wir, die Thematik über die verschiedensten Kanäle immer wieder auf die Agenda der Stadt zu bringen. Desweiteren haben wir auch einige Kolleginnen und Kollegen, die sich in Parteien engagieren und einen direkten Draht zu den Entscheidungsträgern haben. Mit einem guten Netzwerk und großen Unternehmen im Rücken sehe ich eine reelle Chance, das Projekt "Berufsschule" in den nächsten Jahren stärker vorantreiben zu können.

Welche Rolle spielt die Gewerkschaft dabei?
Eine sehr wichtige! Für uns dient die Gewerkschaft über die Unternehmensgrenzen hinaus und als Türöffner bei vielen Parteien, sodass man uns überhaupt erst einmal zuhört. Über sie bekommen wir die nötigen Informationen, was vielleicht auch in anderen Regionen Deutschlands zu dem Thema gelaufen ist, und können uns bundesweit vernetzen. Das ist in der heutigen Informationsgesellschaft von enormer Wichtigkeit!

 

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Wir haben den Plan B
In Zeiten zunehmender Polarisierung in der Gesellschaft kündigt sich für das Jahr 2017 ein spannender Bundestagswahlkampf an. Die Gewerkschaftsjugend will dafür sorgen, dass die Interessen von Auszubildenden, Studierenden und jungen Beschäftigten in den Fokus der Politik geraten. Denn (Aus-)Bildung und Arbeit haben eine große Bedeutung im Leben der jungen Generation – die Politik muss dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Jetzt haben die jungen Gewerkschafter_innen ihre Forderungen in einem Positionspapier zusammengefasst und veröffentlicht. Dort heißt es: "Von Politiker_innen erwarten wir, dass sie sich den Lebensrealitäten und Problemen von Auszubildenden und jungen Erwerbstätigen ernsthaft annehmen und ihre Forderungen umsetzen." Die Themen: Ausbildung, Flexibilität, Studium, Umverteilung.

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